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Der Israelit · 1872-11-06 · Heft 45 (6.11.1872) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 45 (6.11.1872)
Date
1872-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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936 deutsche Reich in der Person seines Oberhauptes zu einer Vermittelung zwischen zwei großen Mächten aufgernfen ist, was zugleich eine Anerkennung der Größe und Machtstellung Deutschlands involvirt. Für uns ist dabei vorl besonderem Interesse, daß ein Glaubensgenosse in dieser hochwichtigen Angelegenheit mitzuwirken berufen war. Kaiser Wilhelm beauftragte nämlich drei Männer mit der Abfassung eines Gutachtens, den Vicepräsidenten des Preuß. Obertribunals, Grimm, das Mitglied des Reichs - Oberhandelsgerichts in Leidig, G o l d s ch m i d t, und den Geographen Professor Kiepert in Berlin. Dem übereinstimmenden Gutachten dieser Männer gemäß hat der Kaiser zu Gunsten Amerika's entschieden. Es handelte sich um den Besitz der reichen und einträglichen Insel Vancouver im San Juan-Archipel. Der nunmehr beigelegte Streit dauerte seit 1853. Halberfiüdt. Es ist mir eine angenehme Pflicht, Ihnen mitzutheilen, daß Herr Director Dr. S. Auerbach sich für die Annahme der hiesigen Rabbiner-Stelle erklärt hat. Unsere Gemeinde ist natürlich über diesen Entschluß sehr erfreut, und weiß denselben um so höher zu schätzen, als von Fürth aus, wie sich denken läßt, alle möglichen Anstrengungen gemacht worden sind, um ihn zum Verbleiben in seiner so ehrenvollen und einflußreichen Stellung zu bestimmen; eigens hatten drei höchst respectable Herren als Deputirte dieserhalv die Reise nach hier unternommen. Wir hoffen und wünschen, daß es dem Herrn Dr. Auerbach — wie derselbe es als besonders maßgebend für seine Entscheidung hält — i"c"c vergönnt sein wird, in unserer Gemeinde, die von jeher als cm galt, an der Stätte seines theuren unvergeßlichen Vaters d"' und wo ihm zwei Koryphäen der talmudischen Wissenschaft zur Seite stehen, eifrigft dem Studium unserer heiligen Lehren rw-c'v obliegen zu können mm Vnam. f"err Dr. Auerbach '"2 gedenkt zunächst wieder ürth zu gehen und sein hiesiges Amt zwischen nDD und rnyuE' n"’N anzutreten. CafseL. Am 2. October starb zu Buchenau der älteste Manu des Amtsgerichts Eiterfeld und wahrscheinlich auch von ganz Kurhessen, der Israelit Wolf Goldberg, im seltenen Alter von 106 Jahren an Altersschwäche bei völlig klarem Bewußtsein. Derselbe durchreiste noch bis vor wenigen Jahren ganz Deutschland — Almosen sammelnd — zu Fuß. Er war seit 15 Jahren Wittwer. Sein einziger Sohn, dermalen 70 Jahre alt, lebt in London. Lübeck, am Vorabend des Sukkothfestes. Ihr werthes Blatt bringt meistens Nachrichten aus den größeren jüd. Gemeinden; was dort geschieht, ist in der Regel von weitteichender Bedeutung und darum für die Gcsammtjudenheit von Interesse. Derartige Mittheilungen lassen sich von hier aus nicht machen. Die hiesige Gemeinde ist verhältnißmäßig klein, besteht , wenn auch schon sehr lange im Staate, doch noch kein volles Vierteljahrhundert in der Stadt Lübeck; von hier läßt sich Nichts berichten über Auszeichnungen oder Zurücksetzung jüdischer Staatsbeamten, Rechtsgelehrten, Philologen, Aerzte, — es gibt eben deren hier nicht — es wohnen oder sterben hier keine jüd. Barone, Finanzgrößen, Millionäre, denn bislang fehlt es uns an solchen. Und dennoch dürfte eine Schilderung dieser Gemeinde, ihres früheren Sitzes, ihrer Schicksale, ihres gegenwärtigen Zustandes, ihrer Einrichtungen und ihres religiösen Verhaltens, wenn man so sagen darf, eine Reihe kleiner idyllischer Bilder abgeben, die vielleicht auch ein bischen des Belehrenden und Anziehenden für Ihre Leser haben könnten. Wenn meine Zeit und Umstände es mir erlauben werden und Sie, Herr Redacteur, es wünschen sollten,*) will ich diese Aufgabe zu übernehmen versuchen. Beginnen muß ich freilich mit einem recht traurigen Ereignisse, mit dem Nekrolog des Jsaac H. L i s s a u e r n"j/. Es war das kein Mann, wie die großen uns in diesem Jahre entrissenen Geister, wie die Rabbiner von Altona, Preßburg, Halberstadt, wie die K. Wormser oder Joseph Hirsch, er war weder ein Gelehrter noch ein Lamdan, weder hervorragend durch Reichthum noch durch gesellschaftliche Stellung, man kannte ihn kaurn außerhalb Lübecks, er war ein ganz schlichter, einfacher, in den bescheidensten Verhältnissen lebender Jehudi, aber ein ganzer, ernster Jehudi, wie es heutzutage nicht mehr viele gibt. „Laß uns aufstehen vor dem hier vorübergehenden Manne, weil er ein großer Kenner der Thora ist," hatte R. Simon zu R. Elasar gesagt. „Laß uns vielmehr vor ihm aufftehen," erwiderte dieser, „weil er so gottesfürchtig ist. Denn der Weltenschöpfer besitzt (d. h. beansprucht) Nichts auf dieser Erde als Gottesfurcht einzig und allein." Gottesfurcht allein war es, wonach Lissauer n"j? immer strebte und was er auch in vollem Maße erreicht hat. Sein ebenfalls streng religiöser Vater war als ganz armer Mann von Lissa in das benachbarte Moisling eingewandert, das damalige Ghetto Lübecks. Er konnte in Moisling selbst nicht so viel verdienen, um seine zehn Kinder zu ernähren, und mußte deßhalb auf „die Medineh gehen". So fromm er auch war, die Noth zwang ihn, die ganze Woche vor Tagesanbruch zum Handel auf's Land hinauszuziehen und seine sieben Söhne mitzunehmen. Aber so oft sie an der „lieben Schul" vorbeikamen, zog es unfern Jsaac unwiderruflich hinein und er ruhte nicht eher, bis sein Vater ihm erlaubte, auf eigene Faust zu „handeln". Nun ging er *) Wir bitten darum. Red.

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