Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1872)
- Date
- 1872-10-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XEQ. Jahrgang. Beilage za Rr. 44 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. München. In hiesiger Gemeinde ist in dem neuen Jahr eine Wendung zum Bessern n"a bemerkbar. Es hat si<h hier gezeigt, daß das echt jüdische Leben noch fest wurzelt und daß man bestrebt ist, der Reformsucht energisch entgegenzutretcn Der Administration in hiesiger Gemeinde war es mit Zustimmung des Rabbinats gelungen, Reformen im öffentlichen Gottesdienste einzuführen. Die Orthodoxen, deren Protest wie immer wirkungslos bleibt, haben daher die Trennung von der Muttergemeinde beschlossen, weil sie die Gewissensfreiheit in dem Vorgehen der Reformer beeinträchtigt sahen. Es haben sich schon bis jetzt circa 60 Gemeindeglieder der orthodoxen Gemeinde angeschlossen Wir haben auch fest gegründete Hoffnung, daß in Bälde die Zahl 100 übersteigen wird rp"&». Später, wills Gott, Näheres hierüber. Jsaksohn. Regensburg, 14. Oct. Vor einigen Tagen starb dahier der ehemalige Beichtvater Königs Ludwig I., Canonicus Hemauer, ein allseitig verehrter Priester. Die Leichenfeier hat unter allgemeiner und aufrichtiger Theilnahme der Bevölkerung stattgefunden. Nach der kirchlichen Einsegnung und Leichenrede, welche reich an ergreifenden Momenten war, gaben vier Männer aus dem Laienstande: ein Katholik, zwei Protestanten und ein Israelit, dem Gefühle der allgemeinen Verehrung für den edlen Hingeschiedenen Ausdruck. Am folgenden Abend faßte aber das katholische Casino den Beschluß, es sei aus Anlaß der Vorgänge bei diesem Begräbniß an das Stadtpfarramt St. Emmeran die Aufforderung ergehen zu lassen, es möge dasselbe feierlichen Protest erheben gegen eine solche durch die Reden der Protestanten und Juden bewirkte Entheiligung des geweihten Ortes, feierlich Verwahrung einlegen gegen allenfallsige Wiederholung einer ähnlichen „Frechheit", wie der „liberale Verein" sie geübt habe!!! Stuttgart, 17. Oct. Der Entwurf eines „Verfassungs-Statuts für die israelitische Kirche" ist von der israelitischen Oberkirchenbehörde abgelehnt worden. In Folge einer rührigen Agitation vor etwa 6 Jahren angeregt und mit vieler Mühe von der Oberkirchenbehörde ausgearbeitet, dann von einer „Delegirten-Versammlung" berathen und abgeändert, war dieser Entwurf im Frühjahr an die Kirchen-Vorsteherämter hinausgegeben worden, damit sich dieselben darüber äußern sollten. Die Kirchenvorsteher des Donau-Kreises haben zweimal in Ulm Versammlungen veranstaltet und Berathungen gepflogen. Die meisten Antworten an die Oberkirchenbehörde waren ablehnend, aber aus entgegengesetztenMotiven: für dieEinen religiöse Bedenken, den Andern war der Entwurf nicht radical genug; der Oberbehörde blieb somit nichts Anderes übrig, als ebenfalls abzulehnen. Zwar hat der Cultusminister noch das letzte Wort zu sprechen, doch ist vorauszusehen, daß dasselbe ebenfalls ablehnend lauten wird. Es bleibt somit beim Alten, und die brennendsten Fragen (Personalsteuer, Domicilanten-Verhältniß) werden wohl auf dem Wege der Verordnung erledigt werden. (Ulm. Schn.-P.) Berlin. Vor einigen Wochen verschied dahier ein Glaubensgenosse, der zwar nur Privatmann, dennoch durch sein treues Ausharren bei den Principien unseres Glaubens, wie durch seinen echt jüdischen, wohlthätigen Sinn einiger Worte der Erinnerung an öffentlicher Stelle sehr wohl gewürdigt werden darf. Samuel Röder, geboren zu Gr ätz bei Posen, kam in seinem 14. Lebensjahre hierher, um sich in dem wogenden Gewichte der Weltstadt eine feste Stellung zu erkämpfen. Sein Reichthum lag in seinem gottvertrauenden Herzen und seinem lebensmunteren, jugendkräftigen Sinn, die ihn bald in das Haus eines reichen Banquiers geleiteten, wo er die Stelle eines Hauslehrers übernahm. Zugleich bemühte er sich eifrig um seine eigene Ausbildung, die ihn nach einiger Zeit befähigte, als Lehrkraft an dem Königl. Diesterweg'schen Seminar einzutreten, wobei er jedoch noch immer Privatunterricht ertheilte, vorzüglich im Schönschreiben. Er wurde hierdurch auf die vielfachen Mängel der Stahlfedern aufmerksam, was den Entschluß in ihm anregte, dieselben in vervollkommneter Construction herzustellen. Mit einem Schlossergesellen, mit dem er die bescheidene Räumlichkeit einer Dachkammer theilte, im Verein gelang es ihm, eine Metallcomposition zu erfinden, woraus er eine Feder zu construiren verstand, die alles bisherige an Güte weit übertraf. Nun warf sich der junge Manu mit aller Energie auf diesen Industriezweig und wußte ihn durch seine rastlosen Bemühungen trotz der enormen Concurrenz rn einer Weise zu cultiviren, daß sein Fabrikat sich nun der vollsten Anerkennung der Sachverständigen wie der weitesten Verbreitung erfreut. Seit langer Zeit Hoflieferant Sr. Maj. des Königs fehlte es nicht an bedeutenden Auszeichnungen und Anerkennungen. Diese glücklichen Erfolge vermochten nicht, wie es sonst leider so oft der Fall, die Glaubenstreue und Gesinnungstüchtigkeit des Mannes im Geringsten zu beein-