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Der Israelit · 1872-10-30 · Heft 44 (30.10.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 44 (30.10.1872)
Date
1872-10-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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„Guten Tag, Herr Müller, guten Tag, Fräulein," rief ihnen Herr Lindenthal entgegen, „kommen Sie gleich mit uns nach oben, mein Freund und ich, wir haben Sitzplätze für Sie belegt, die sonst bei der großen Menge der Reisenden auf dem Verdecke schwer zu erlangen sein würden." „„Ei sieh' da, Herr Doctor,"" rief Herr Müller, den ihm Entgegentretenden erkennend. „„Sie haben Sitzplätze für uns? Das ist mir sehr angenehm! Meine Tochter fürchtete schon in die Cajüte gehen zu müssen, wo man allerdings den schönsten Theil der Aussicht entbehrt und wo die Hitze heute ganz unerträglich sein wird."" Nachdem Herr Müller dem Di*. Lindenthal die Hand geschüttelt hatte, blickte er fragend auf Bcrthold. „Mein Freund, Berthold Bruchhäuser," sagte der Advocat, vorstellend. Berthold verneigte sich. „Ah," sagte Müller, „Sie sind der junge Bruchhäuser, der Sohn unseres beschäftigtesten Arztes? Nicht wahr. Sie sind Maler?" „„Ja wohl, Herr Müller, Landschaftsmaler."" „Warum haben Sie uns nicht gleich bei der Vorstellung gesagt, Doctor," fragte Müller, „daß Ihr Freund Maler ist? Sie hätten's ja machen können wie jene Dame, die einen berühmten jüdischen Maler einer Gesellschaft vorstellte: Herr N. N., Maler, hat's aber gottlob nicht nöthig — ha ha ha! ja, ja, mein lieber Bruchhäuser, wenn Ihr Vater sich mehr auf seinen Vorteil verstände, so hätten auch Sie es nicht nöthig und könnten Ihre Kunst zum Vergnügen treiben." Untcrdeß halten Herr Müller und seine Tochter die Plätze der beiden Freunde eingenommen und auch diese hatten sich mit vieler Mühe Sessel aufgetrieben und sich dann zu ihren Bekannten gefetzt. „Ich fahre zum ersten Male den Rhein hinunter," redete Fräulein Müller den Dr. Lindenthal an, „könnten Sie mich, Herr Doctor, nicht ein wenig auf die schönsten Partien dieser herrlichen Landschaft aufmerksam machen?" „„Ich muß zu meiner Schande gestehen,"" antwortete der Angeredete, „„daß ich mich ganz in derselben Lage befinde. Auch ich mache diese Tour zum ersten Male, allein wir haben ja hier eineu Landschaftsmaler bei uns, der wird den besten Commentator abgeben können."" „Es wird mir zur großen Freude gereichen," nahm Berthold das Wort, „Sie auf Manches aufmerksam machen zu können; ich kenne den Rhein genau. Zwar hat sich während meines Aufenthalts im Auslande, wie ich sehe, gar Manches verändert. Durch die vielen schönen Villen am Rheinufer, von denen manche erst unlängst erbaut worden sind, ist die Staffage eine wesentlich schönere geworden; allein die Natur ist doch dieselbe geblieben, die Gebirge haben seit Jahrtausenden ihre Form, und die Städte und Dörfer am Rhein sind ebenfalls uralt. Sehen Sie doch die waldige Höhe am linken Ufer, das ist der Leniaberg, ein Lieblingsausflug der Mainzer, zu dem zwei Eisenbahnen führen; hier am rechten Ufer liegt Schierstein mit einem Winterhafen und dort nähern wir uns dem schönen Eltville, dessen reizendste Villa einem aus Frankreich stammenden Glaubensgenossen Namens Marix gehört." „„Ach, Marix,"" rief Müller, „„an den wird man in Wiesbaden oft genug erinnert! Aber da sieh' mal, Bertha, der Jüngling dort im schwarzen Frack und weißer Weste und enfblößtem Haupte, der alle Leute anredet, was mag der nur wollen?"" „Das ist ja der Kellner," entgegnete vr. Lindenthal lachend, „er fragt die Leute, 06 sie auf dem Schiff tadl« d’hote speisen wollen." In diesem Augenblick wandte sich der schwarzbefrackte Kellnerjüngling an unsere Bekannten und fragte in schnarrendem Tone: „Werden Sie an tadle ä'dote speisen, meine Herrschaften?" „„Gewiß,"" rief Müller, ^,„das wird sehr hübsch und angenehm sein, auf dem Schiff an tadle ä'dote zu essen und wird die langweilige Fahrt um ein gut Theil verkürzen."" „So nehmen Sie diese vier Nummern," sagte der Kellner, die Nummern hinreichend. „„Ich muß danken,"" rief Berthold rasch, „„ich kann nicht mitessen."" „Meine Tochter ißt auch nicht mit," sagte Herr Müller, und gab auf einen zustimmenden Wink desAdvocaten zwei Nummern d;m Kellner zurück. „„Hinter Coblenz wird tadle ä'dote gegessen,"" sagte dieser und wandte sich dann rmt seiner stereotypen Frage an andere Reisende. „Meine Tochter," nahm, nachdem der Kellner sich entfernt hatte, Herr Müller das Wort, „hat religiöse Bedenken, und Sie, Herr Bruchhäuser, wollen gewiß Nichts von der Aussicht verlieren?" „„Nicht doch/" entgegnete dieser, „„die Aussicht ist mir nichts Neues, aber ich habe dieselben Bedenken, wie Ihre Fräulein Tochter."" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. A. Gottsleben's Buch- und Steindruckerei rn Mainz.

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