Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1872)
- Date
- 1872-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WWMW L "M ' ¥ ..i,) J ,;!i!fui. \ 919 sich ausdehnen mit seinen rothen Thürmen und seinen prachtvollen Villen, während in mäßiger Höhe die vergoldeten Kuppeln der griechischen Kapelle in der Sonne funkeln; oben auf dem Rücken des Berges sieht man deutlich „die Platte", ein Jagdschloß des Herzogs von Nassau, liegen und ein wenig zur Linken das prachtvolle Kurhaus von Schlangenbad. Unmittelbar an beiden Ufern rollen riesigen Schlangen gleich mit furchtbarer Schnelle die Eisenbahnzüge aufwärts und abwärts; die Schornsteine der Fabriken zeugen dampfend von der Thätigkeit der emsigen Bewohner und die zahlreichen das Ufer fast bedeckenden Villen bekunden den Wohlstand derselben. Berthold war in dem wundervollen Anblick fast ganz versunken, und entzückt sprach er vor sich hin: „O du smaragdgrüner Fluß, du deutscher Rhein, du hast deines Gleichen nicht auf Erden! Wie froh bin ich, daß ich dich wieder sehe, um nun für lange Zeit an deinem Ufer in der theuren Heimath zu weilen." Da plötzlich klopfte ihm Jemand mit kräftigem Schlage auf die Schulter. „Berthold, bist Du'srief eine sonore Stimme, „alter Junge, woher kommst Du denn jetzt?" Berthold schaute sich um und gewahrte zu seiner Freude, daß einer seiner besten Jugendfreunde vor ihm stand. „Max Lindenthal!" rief er, „wahrlich, nichts Erfreulicheres konnte sich mir ereignen, als daß ich Dich hier findet! Ich betrachte es als ein gutes Vorzeichen, daß Du es bist, der mir von allen Bekannten aus der Heimath zuerst entgegentritt! ich komme aus Italien, aus der ewigen Roma und will nun längere Zeit bei meinem Vater bleiben. Hast Du ihn kürzlich gesehen?" „„Erft gestern Morgen traf ich ihn bei dem alten Geizhals und Wucherer Jsak Meschede, dessen Arzt er ist und dessen Advocat ich bin. Du muht wissen, Freund, daß ich als wohlbestallter Rechtsverdreher in unserer Vaterstadt etablirt bin. Dein Vater ist gesund und munter, unablässig fleißig wie immer; uneigennütziger denn jemals läßt er die reichen Kunden warten, um die Armen zu bedienen."" Berthold lächelte froh. „Ja," sagte er, „mein Vater ist einer der edelsten und besten Menschen, die auf Erden leben. Doch wie kömmst Du hier heute auf den „Deutschen Kaiser", wenn Du noch gestern in ...n warst?" „„Das will ich Dir sagen; ich habe, zu meiner Schande muß ich's gestehen, trotzdem ich Rheinländer bin, die Rheinfahrt noch nicht gemacht, und war stromaufwärts noch niemals weiter als bis Rolandseck gekommen. Da mußte ich mich denn nicht wenig schämen, wenn alle Welt von der Lorelei sprach, vom Mäusethurm bei Bingen, von der Pfalz bei Kaub, von Schloß Araenfels, von Schloß Stolzenfels, Schloß Rheinfels und wie die Felsen und Schlösser und Felsenschlösser alle heißen mögen — und ich Barbar hatte das Entzücken aller Berliner Theekränzchen und blondbärtiger Engländer noch nicht mit Augen geschaut. Da habe ich mich denn rasch entschlossen und bin gestern Nachmittag mit dem Schnellzuge nach Mainz gefahren, um heute mich auf dem Rücken des alten Vater Rhein stromabwärts treiben zu lassen. Doch sieh', unser Schiff macht Miene, anzulegen! Haben wir schon so bald Station? Ich glaubte, der Schnelldampfer halte nur dreimal unterwegs?"" „Das ist Bieberich, die erste unserer drei Stationen." „„Welch eine Menschenmenge wartet auf das Schiff! Ist Bieberich so groß, daß es uns so viele Passagiere sendet?"" „Nicht doch! Es ist Wiesbaden, woher die Kurgäste, die ihre Kur vollendet haben, sich zur Heimkehr nach dem Niederrhcin, nach Hollarü) und nach Norddeutschland begeben; viele sind wohl auch Passanten, Vergnügungsreisende, die von Wiesbaden aus nach dem nahen Biebnch reisen, um von da die Rheinfahrt zu machen." Unterdeß hatte das Schiff gelandet und die in Bieberich harrende Menge fing an, sich auf die Schiffstreppe zu drängen. Die beiden Freunde betrachteten vom Verdeck aus das bunte Gewühl der Einsteigenden; baumlange Engländer mit rothen Bärten und noch rötheren Reisebüchern, Kranke und Gesunde, Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder, große Koffer und Schließkörbe, das Alles sollte das Schiff noch aufnehmen, das freilich groß genug ist, um in seinen oberen und unteren Räumen ganz unglaubliche Massen von Menschen und Gepäck zu beherbergen. „Wahrhaftig!" rief plötzlich Dr. Lindenthal, „da sehe ich Bekannte aus ... n, da steigt ja der Banquier Bernhard Müller mit seiner Tochter Bertha ein! Der Alte war in Wiesbaden zur Kur und sein einziges Töchterchen hat ihn begleitet. Wahrscheinlich hat jetzt Müller seine Kur vollendet und kehrt nach Hause zurück." „„Wie,"" rief Berthold, „„die junge Dame dort ist die kleine Bertha Müller! Die war ja noch ein kleines Kind, als ich ...n verließ!"" „Ja, ja," entgegnete vr. Lindenthal, „aus Kindern werden Leute; doch belegen wir unsere Plätze und gehen wir unfern Bekannten entgegen, um sie hierher zu führen: es ist schon sehr voll und wird mit jeder Minute noch voller, so daß gute Plätze auf dem Verdeck schwer zu haben sein werden." Die beiden Freunde legten ihre ^.setaschen auf ihre bisherigen Plätze und begaben sich nach der Schiffstreppe, wo ihnen bald Herr Müller und seine Tochter entgegentraten.