Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 42-43 (16.10.1872)
- Date
- 1872-10-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Kinder Deines edlen Bruders, der für Dich in's Sclavenjoch ging, damit Du uns ein Ernährer feiest, nicht darben lassen."" „Das werde ich wohl thun", sprach Chajim trotzig. „Die 700 Drachnien, die für meine Auslösung ausgegeben worden sind, habe ich bereits zehnfach zurückerstattet. Kannst Du den Eigensinn Deiner Tochter nicht brechen, so magst Du auch die Folgen dieses Eigensinns mitgeniesten Folgt Ihr meinem Gebote nicht, so halte ich mich nicht mehr verpflichtet, fürder das Geringste für Euch zu thun." Alles Bitten und Weinen der armen Dinah war vergeblich, Chajim blieb hart wie ein Stein und entzog der Familie seines Bruders das Wochengeld, das er ihr bisher gegeben hatte. Bon dem höchsten Wohlstände wurden die Unglücklichen plötzlich in die tiefste Armuth gestürzt; denn Alles, was sie besaßen, Haus, Hausgeräthe und Kleider gehörte Chajim und konnte nicht veräußert werden. Dazu kam noch, daß sämmtliche jüdischen Bewohner gegen die Bedauernswerthen Partei nahmen und den Eigensinn Zairens nicht genug tadeln konnten. Hat doch bei den Leuten der Reiche fast immer Recht. Da enschloß sich Zaire endlich nachzugeben, und das Verlobungsfest wurde mit großem Pomp gefeiert; denn nachdem er seinen Willen durchgesetzt hatte, war Chajim plötzlich wieder freigebig geworden. Schon war der Hochzeitstag festgesetzt, als plötzlich von der Regierung der Königin Mutter in London, welche während der Abwesenheit des Königs an der Spitze des Reiches stand, ein Befehl herablangte, daß während der Gefangenschaft des Königs in allen Ländern der englischen Krone, in England, wie in der Normandie keine Lustbarkeit stattfinden und namentlich keine Hochzeit gefeiert werden sollte. Niemand freute sich mehr mit diesen! Verbote, als Zaire. Hatte doch die verhaßte Verbindung einen Aufschub erlitten. So verging Monat auf Monat, bis endlich ein königlicher Herold in Coucy erschien und die Befreiung Richards so wie die Aufhebung jenes Verbots verkündigte. Zugleich brachte er den Bewohnern von Coucy die überraschende Neuigkeit, daß der König in seiner Gnade geruht habe, für den bei der Belagerung von Ptolomais gefallenen Fürsten Raoul von Coucy einen Andern mit dessen Fürstenthum zu belehnen. Schon morgen, verkündete der Herold, wird der neue Fürst eintrefscn. Man möge daher Alles zu einem würdigen Empfang vorbereiten. Jetzt nun hatten die Bewohner von Coucy viel zu thun. Ehrenpforten mußten gebaut, das Schloß mußte geschmückt und hergerichtet werden. Uebermäßig groß war die Neugier, wer denn mit diesem Fürstenthum belehnt worden war. Der Herold wurde mit Fragen bestürmt; allein er konnte Niemandem erzählen, was er selbst nicht wußte. Chajim eilte sofott zu seiner Schwägerin, um dieselbe zu veranlassen, die Hochzeit für den folgenden Tag zu bestimmen; nur mit Mühe gelang es Zaire, zu bewirken, daß die Festlichkeit um einen Tag hinausgeschoben werde. So sollte sie denn am Tage nach dem Eintreffen des Fürsten der Willkür des harten Oheims geopfert werden. In der Nacht, die dem Tage folgte, an welchem der Herold die Nachricht von der Ankunft des neuen Fürsten gebracht hatte, kam kein Schlaf in die Augen der Bewohner von Couch. Nicht nur die Neugier hielt sie wach, sondern auch die vielen Vorbereitungen, welche noch zum Empfange des hohen Herrn getroffen werden mußten, nahmen Alle in Anspruch, und kaum waren beim Anbruch des Tages die Ehrenpforten vollendet, als auch Musik- und Hörnerschall das Herannahen des neuen Fürsten verkündete. Neugierig betrachteten die Bewohner von Coucy den durch die Ehrenpforten ziehenden Reiterzug. Voran ritten sechs Trompeter, lustige Weisen blasend; dann folgten 12 Vorreitcr in scharlachrothen mit goldenen Tressen besetzten Gewändern; dann kam der Fürst in ritterlicher Tracht auf einem stattlichen Schimmel, der ein Geschenk des Königs war. Der Fürst hatte das Visir halb geschlossen, so daß man seine Züge nicht erkennen konnte, wohl aber konnte man merken, daß er ein schöner, stattlicher Mann war; zu seiner Linken ritt ein junger Mann auf schwarzem Hengste, ebenfalls in ritterlicher Tracht, aber mit offenem Visir; unter den zuschauenden Juden schienen die Züge des Begleiters des Fürsten gar sehr aufzufallen. Einer stieß den Andern an und fragte: „Weißt Du nicht, wer der Begleiter des Fürsten ist, er kömmt mir so bekannt vor?" „„Auch mir"", entgegnete der Andere, „„doch weiß ich nicht, wo und wann ich ihn gesehen habe."" Der Fürst zog mit seinen Begleitern aufs Schloß. Im Rittersaale desselben stand ein Thronsessel, an dessen beiden Seiten Herolde knieten. Der Fürst stellte sich neben den Thronsessel, und als alle Beamte und Würdenträger des Fürstenthums versammelt waren, standen die Herolde auf und breiteten eine große Pergamentrolle aus, die mit dem Jnsigel des Königs versehen, die Belehnung des Fürsten enthielt; dann setzte sich der Fürst auf den Thronsessel nieder, die Herolde legten den Hermelinmantel um seine Schultern und setzten ihm die Krone auf das Haupt. Dann nahm der neue Fürst von Coucy den Huldigungseid seiner Vasallen entgegen. Hierauf folgte ein großes Bankett. Von diesem Bankett wurden später ganz eigenthümliche Dinge erzählt. Der Fürst hatte mit seinen Vasallen weder gegessen noch getrunken; sein jugendlicher Begleiter hatte für ihn und für sich aus einem Reisekoffer Fleisch und Brod und Wein herbeigeholt. Wer mochte dieser Fürst sein, der mit seinen Vasallen weder essen noch trinken wollte? Sollte es