Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1872)
- Date
- 1872-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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871 tiefem Kummer; für den jungen König von England, der auch den armen, verachteten und unterdrückten Juden ein gerechter Herr war, fühlte er die aufcichtigste Liebe und Bewunderung. Am Abend jenes Tages, da König Richard sich hatte verleiten lasten, das Schloß des Emir Said zu besuchen, war der Sclavenaufseher, dessen Peitsche Rabbi Samson so oft hatte fühlen müssen, betrunken nach dem Vorwerk zurückgekchrt. Als Ritter Humphrey den Aufseher im trunkenen Zustande daherwanken sah, sagte er zu seinem jüdischen Freunde: „Höre, Samson, heute schlägt die Stunde unserer Befreiung. Wir bemächtigen uns des trunkenen Aufsehers, der dem Gebote des Korans entgegen zu viel des süßen Weines genossen, und entfliehen. Es sind mir dunkle Gerüchte zu Ohren gekommen, daß das englische Heer Ptolomais erobert habe und bereits im Innern des Landes stehe. Es wird uns nicht schwer werden, die Unserigen zu erreichen." Schon wollte der heißblütige Ritter dem Worte die That folgen lassen, als mail'den Aufseher draußen Jubelrufe ausstoßcn hörte. Was er sprach, verstand der Engländer nicht, denn cs war arabisch. Dem Juden aber, der die Sprache verstand, ließ das Vernommene das Blut in den Adern erstarren. „Um Gottes Willen," flüsterte er dem Ritter zu, „schweig und rühre Dich nicht; der Aufseher hat soeben Andeutungen fallen lassen, die mich auf schreckliche Vermuthungen bringen; laß mich ihn ansforschen, ich muß Gewißheit zu erlangen suchen." In diesen! Augenblicke trat der Aufseher wankend herein. „Komm her, Du ver.... Jude," rief er, „komm zu mir her, Sohn eines Hundes! mit Dir kann man noch wenigstens reden, Dn verstehst doch was ein Moslim sagt und kannst in unserer schönen und edlen Sprache Antwort geben, während die Chriftenhundc wie die Schakale heulen, oder wie die Hähne krähen. Heute ist ein Festtag des Herrn, heute hat der allmächtige Gott den größten und furchtbarsten Feind des Moslemin:, den Sultan der Angelesen, den sie den Löwenherzigen nennen, in unsere Hand gegeben." „„Fiel er in der Schlacht fragte Rabbi Samson. „Nein, gefangen ist er, diirch List gefangen. Unser Herr Said, Gott verlängere seine Tage, hat zum Schein den Propheten verleugnet und hat sich mit seinen Söhnen in das Lager der Unreinen begeben. Der Sultan der Angelesen, wohl muthig wie ein Löwe, aber dumm wie ein Ochs, ist in die Falle gegangen, die ihm mein kluger Herr gestellt hat. Said hat ihn in dieses sein Schloß gelockt; noch in dieser Nacht wird er gefesselt und zu Saladin gebracht werden." „„Wie, König Richard weilt in diesem Schlosse?"" „Siehst Du das Licht dort schimmern, dort im linken Flügel? Jetzt legt er sich vielleicht zur Ruhe nieder, meinend, er sei noch ein freier Mann und Sultan der Angelesen, während er schon der Gefangene des Emirs ist. Möge Gott so alle Feinde des Propheten verderben! Doch jetzt will ich schlafen, packe Dich, verd.Jude!" Also sprechend, stieß er mit dem Fuße nach Rabbi Samson, streckte sich hin auf seinen Divan und war bald fest eingefchlafen. Rabbi Samson schlich sich auf den Zehen zu seinem englischen Freund. „Ritter Humphrey," sagte er leise, „der Aufseher hat mir da ungeheuerliche Dinge mitgetheilt. König Richard ist ein Gefangener auf dem Schlosse des Emir, in das inan ihn verrätherischer Weise gelockt hat." „„Was?"" fragte Humphrey, „„nicht möglich."" „Doch, doch, es ist so; allein wir dürfen keine Zeit verlieren mit langen Auseinandersetzungen, sväter erzähle ich Euch Alles ganz ausführlich. Jede Minute ist kostbar! Vielleicht gibt uns Gott das große Glück, den .ltönig und mit ihm uns selbst zu befreien. Höret meinen Plan, den ich mir in diesem Augenblicke erdacht habe; der Aufseher und alle die Sclaven liegen im festen Schlaf. Wir schleichen uns an den Aufseher heran, Ihr zieht den Dolch aus Eurem Gürtel und tödtet ihn mit einem einzigen Stoße und zwar so, daß kein Laut mehr aus seiner Kehle sich losringt. Könnt Ihr einen solchen Stoß führen?" „„Ich kann es."" „Nachher bemächtigen wir uns der Schlüsiel, öffnen unseren Kerker und begeben uns nach dem Schlöffe, wo wir um jeden Preis von Anstrengung, List und Mübc zum Könige Vordringen und ihn warnen müssen." „„Wird uns das auch gelingen?"" „Wir müssen auf Gott vertrauen, der uns Seine Hilfe senden wird, auf daß wir den vom schändlichen Bcrrathe umgarnten König erretten. Ich kenne das Schloß und weiß genau, in welchem Gemache der Emir vornehme Gäste zu beherbergen pflegt. Laßt uns eilen, es ist keine Zeit zu verlieren." Leise schlichen die Beiden zu den! Divan des Aufsehers, der laut schnarchend seinen Rausch verschlief. Seiner Gewohnheit gemäß hielt er den im Mondlicht blitzenden, scharf geschliffenen Dolch in seiner Hand. Mit raschen: Griffe packte der Ritter den Dolch, löste ihn aus der Hand des Schlafenden, ohne daß dieser erwachte. Dann entblößte Humphrey des Aufsehers Brust und stieß den Dolch mit sicherer Hand tief in's Herz hinein, das stille stand, ohne daß ein einziger Laut sich der Kehle des Ermordeten zu entringen vermochte. Dann bemächtigten sic sich der Schlüffel und traten in's Freie. In athemlosem Laufe ereichten sie das Schloß, aber die Pforten desselben waren verschlossen. „Wir thun am besten," sprach Rabbi Samson, „wenn wir eine Warnung auf Pergament schreiben,