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Der Israelit · 1872-10-02 · Heft 40 (2.10.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 40 (2.10.1872)
Date
1872-10-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIII. Jahrgang. Erste Beilage zu Rr. 40 des Zsraelit. Leitender Artikel. Ein Stück jüdischen Lebens. Wennschon das jüdische Leben an sich ein ernj stes; nicht auf Vergnügen und Amüsements gerichtetes! ist, entsprechend der ernsten, hohen Aufgabe; wennschon Zweck und Ziel desselben zu erfassen, uns in jedem Momente beschäftigen soll und mutz: so tritt doch dieser hohe Ernst ganz besonders im Monat Elul und den darauffolgenden heiligen Festtagen erst so recht hervor, und wer'daher jüdisches Leben und jüdischen Ernst verstehen und kennen lernen will, muß diese Tage im Kreise frommer Juden, in einer alten Gemeinde, welche noch nicht von der „verbessernden" Hand der Neuzeit berührt, zubringen. Eine eigenthürnlich wehmüthig - ernste Stimmung erfaßt das jüdische Herz, wenn am Sabbat vor 7-7« rT~ die ergreifenden Töne der d’ntj 2',?'- Melodien angestimmt werden; mit zauberischer Gewalt berühren sie uns, als vernähmen wir Stimmen längstvcrgangener herrlicher Zeiten, die uns an schöne erhabene Momente erinnern. Tönen uns ja auch, wie die Sage geht, die heiligen Klänge des £'-p::r. rp entgegen, wofür auch ihr bis in die entferntesten Zeiten hinaufreichendes Alter und ihre allgemeine Verbreitung sprechen. Dieselben Töne, die uns noch heute so tief ergreifen, so gewaltig bis ins Innerste erschüttern, sie haben auch unsere Väter, unsere Groß- und Urgroßeltern ergriffen, begeistert und erhoben. Die^e ernste Stimmung wird noch gesteigert durch den Schofarton, der vom Beginne des Monat Elul uns mahnt und erinnert an die kommenden Tage des höchsten Ernstes; nirp nb Dyi Typ ypT cn, „soll das Volk nicht zittern, wenn die Posaune in der Stadt ertönt?" Und näher und näher rücken wir den o’NTjn cro’; die Selichoth-Tage beginnen; in aller Frühe, wenn die übrige Welt noch tiefer Schlaf umfängt, steht der Jehudi auf von seinem Lager und wendet sich in herzerschütternden Gebeten zu seinem himmlischen Vater, reißt sich los von den hemmenden Fesseln der Alltäglichkeit, erhebt sich über die ihm durch Gewohnheit lievgewordene niedrige Sphäre, in der er sich sonst bewegt und denkt und fühlt anders, erdenkt und fühlt tiefer, ernster; schal und leer erscheint ihm, was sonst so großen Reiz für ihn hatte; er fühlt, daß die jüdischen Pflichten mehr als Gewöhnliches und Alltägliches verlangen; er fühlt und weiß, daß er verantwortlich ist und Rechenschaft ablegen mutz für all sein Thun und Treiben, für jeden Tag und jede Stunde; er fühlt seine Ohnmacht und ahnt die unendliche Größe und Macht des Ewigen. Sanfter und freundlicher wird sein Benehmen gegen feine Mitmenschen, milder und nachsichtiger beurtheilt er ihre Schwächen und Fehler, Haß und Feindschaft werden aus dem Herzen verbannt und die eigenen Handlungen schärfer bewacht, strenger beurtheilt.' Das Neujahr beginnt und Freund und Feind wünscht fick gegenseitig ein aus vollem, aufrichtigem Herzen kommendes r.rsit: r.ji£*7, „Gott möge Dich einschreiben zu einem glücklichen Jahr!" Endlich stehen wir am Vorabend des Ln:n er vVTjm; in das Sterbegewand gehüllt eilt Alles in das Gotteshaus; der heiligen Stunde ahnungsvolle Schauer erfassen uns: durchgeistigt von dem großen, schönsten . Moment des Jahres, überschauen wir mit klarem, hel-! lem Blick unser Leben, fühlen uns mächtig gehoben, und — der hartnäckigste Stolz, das verstockteste Herz beugt sich und bittet um Verzeihung. Da stehen sich die Menschen näher und erkennen sich als Brüder, als Kinder des einen großen Vaters, der in dieser Stunde sie alle um sich versammelt, der den Geist des Friedens und der Versöhnung zu ihnen herabschickt aus den lichten Höhen Seines Sitzes: da stehen und weinen sic über ihre Thorheit, dura; die sie sich das Leven erschweren und verbittern , und durch die Thränen dringt der Strahl der Freude und des Glückes, daß sie sich endlich gefunden, daß sie endlich zur Einsicht gekommen und bitten Gott, daß Er sie stärke und kräftige in ihren: jetzt gefaßten Entschlüsse. bessere Menschen zu werden, treu und fest an der Gotteslehre zu halten und sich nach ihren Vorschriften zu richten. Und doch fallen Viele wieder in die alte Lethargie zurück, werden wieder wie zuvor, werden wieder Alltagsmenschen! Es liegt in der menschlichen Natur, daß gerade auf gewaltige Erschütterungen des Gemüthes eine um so größere Erschlaffung und Abspannung eintritt und daß, wo die auflodernde Flamme der Begeisterung keinen neuen Brennstoff erhält, diese rasch wieder erlischt. Aber wenn, wie ine echt jüdischen Herzen der Funke immer neue Nahrung erhält durch die Gotteslehre, wenn Gottesbegeiflernng und Menschenliebe immerfort untere Brust durchst'.ömen, da ist diese hvchanilodernde Flamme im Elulinonate und an den 2 *<->•.- r-r kein sich selbstverzehrendes, in sich selbst znsannnenstürzendes Feuer, auf das nur rnn so tiefere Finfterniß folgt, sondern natürliche Wirksamkeit des von Tag zu Tag gesteigerten Ge-

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