Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-10-02 · Heft 40 (2.10.1872) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 40 (2.10.1872)
Date
1872-10-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447591--10915-2466676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

851 Heere freien und friedlichen Durchzug durch ihre Länder anbieten lassen. Die Verträge waren auf's Feierlichste beschlossen und beschworen. Als aber die Kreuzfahrer das byzantinische Reich betraten und überall raubten und plünderten, da zogen sie sich von Seiten der Griechen die größten Unannehnllichkeiten zu: denn nunmehr hielt sich der byzantinische Kaiser auch seinerseits nicht mehr an den Vertrag gebunden. Die gleichzeitigen Schriftsteller nahmen davon Anlaß, den byzantinischen Kaiser der Treulosigkeit, des Verraths und des Vertragbruches zu beschuldigen. Wer aber mit unbefangenem Blicke die Verhältnisse erwägt, der wird erkennen, daß die Kreuzfahrer alles Ungemach, welches sie traf, selbst verschuldet hatten. Geben doch auch jene Schriftsteller zu, daß „von den frommen Pilgern die in der Roth von dem Kaiser ertheilte Erlaubnis zu plündern, auf ruchlose Weise war mißbraucht worden". So hatte denn das Pilgerheer, sowohl im byzantinischen Kaiserreiche als auch im Lande des Sultans von Jconium, die schrecklichsten, selbstverschuldeten Leiden zu erdulden, bis kurz vor dem erreichten Ziele der Kaiser selbst am lO. Juni 1190 im Flusse Kalykadnos, in welchem er durch ein Bad Erquickung suchte, untersank und ertrank. Daraufhin kehrten viele Pilger entmuthigt in die Heimath zurück. Der Rest zog unter Herzog Friedrich von Schwaben nach Antiochia, wo die Leiche des Kaisers bestattet wurde^ Hier nun beschloß das stark zusammengeschmolzene Heer, die Ankunft der Könige von Frankreich und England mit ihren Schaaren abznwarten. Als König Heinrich von England, niedergebeugt von dem Kriegsunglück und von dem schimpflichen Frieden, den er mit Frankreich hatte schließen müssen, gestorben war, £>atte sein Sohn Richard, den man beit Löwenherzigen nannte, die Krone geerbt. Richard hatte schon bei Lebzeiten seines Vaters das Kreuz genommen. Die Begeisterung, mit welcher die Kreuzfahrer zum Kampfe wider die Muhamedaner ziehen wollten, diese Begeisterung, deren Hauptriebfeder die Sucht nach Raub, Mord, Plünderung und einem ausgelassenen Leben war, diese Begeisterung suchte vor allen Dingen die friedlichen , tugendhaften, in England namentlich nüylichen Handwerken ergebenen Juden zu vertilgen und sie ihres Vermögens zu berauben. Am Krönuugstage des jungen Königs, am 3. September 1189, als Richard von der Krönung in der Kirche nach seinem Palaste zurückkehrte, kam ihm eiue Deputation entgegen, um dem neuen Könige zu huldigen und ihm Geschenke zu überreichen. Auf Anlaß Balduins, des Erzbischofs von Cantebury, wurden die Juden zurückgewiesen und von den Dienern des Königs mißhandelt. Das nahm der Pöbel als ein Zeichen, daß der König die Beraubung und Ermordung der Juden wünsche. Ein furchtbares Morden und Plündern entstand, die Häuser der Juden wurden angezündet, Männer, Frauen und Kinder wurden getödtet oder verbrannt. Der Rabbiner von London, Rabbenu Jakob aus Orleans, auch ebenso wie sein Lehrer, Rabenu Tam genannt, ein Freund und einstiger Mitschüler des Rabbi Samson aus Coucy, sollte zur Taufe gezwungen werden : er zog es vor, sein reines und edles Leben für die Heiligung des göttlichen Namens zu opfern. Vergebens hatte der junge König versucht, dem gräßlichen Gemetzel Einhalt zu thun; erst am andern Tage gelang es ihm. Dann aber ließ er die Räuber und Mörder, so viel er er deren habhaft werden konnte, hinrichten. Durch strenge Gesetze suchte er der Wiederholung dieser Gräuel Einhalt zu thun. Als aber der König nach Frankreich zog, um von da aus seine Kreuzfahrt anzutreteu, fielen die sich zur Kreuzfahrt rüstenden Pilger über die Juden her und so kamen die blühenden israelitischen Gemeinden von Lynn, Norwich und Stadford ans die schrecklichste Weise um. Am Gräßlichsten war das Loos der Israeliten von Rork. Hier blühte eine sehr wohlhabende Gemeinde. Als die Kreuzfayrer Miene machten, die Juden von Aork zu überfallen, retteten sich diese in die königliche Burg, woselbst sie eine förmliche Belagerung sechs Tage lang anshieltcn und sich mit bervunderungswerthem Much und der größten Ausdauer vertheidigten. Als die Unglücklichen sahen, daß sie aus Mangel an Lebensmitteln gezwungen sein würden, sich ihren Feinden zu ergeben, beschlossen sie, sich lieber selbst zu tobten, als in die Hand der Unbeschnittenen zu fallen. Die Männer opferten freudig ihre Feauen und Kinder, dann fielen sie Einer durch die Hand des Andern. Die Letzten verbrannten sich inmitten ihrer Habe. Das geschah am 17. März 1190 in d.r Nacht vor dem Sabbat Hagadol. 500 Märtyrer starben in Rork den Heldentod zur Heiligung des göttlichen Names. Als König Richard von diesen Grausamkeiten erfuhr, war er im höchsten Grade erzürnt und bestrafte die Räuber und Mörder, insoweit sie sich nicht durch die Flucht dem rächenden Arme des Königs entzogen hatten. Unterdcß rüsteten sich die Könige von England und Frankreich zur Kreuzfahrt. Auch sie erließen die strengsten Verordnungen, um die wilden und ruchlosen die sich heilige Kämpfer Gottes nannten, in Zucht zu halten. Wie ihnen das gelang, möge nur ein Beispiel darthun. Drciundsechzig Schiffe der englischen Flotte wurden nach Portugal verschlagen, wo König Sancho die Pilger mit der größten Freundlichkeit aufnahm. Zum Lohn dafür überließen sie sich in Lissabon den wildesten Ausschweifungen der Wollust, übten Gewalt gegen Weiber und Mädchen, vertrieben die unter dem Schutze des Königs dort lebenden Juden und Saracenen, verbrannten deren Häuser und zerstörten die Weinberge in der Umgebung der Stadt. Nichtsdestoweniger gelang es dem ob seiner wunderbaren Tapferkeit und seinem tollkühnen Muthe von seinen Soldaten vergöttertem Könige Richard, ewige Zucht und Ordnung in diese ausgelassenen Menschen zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.