Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1872)
- Date
- 1872-09-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447589--10880-2466639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
818 desto mehr zur Hebung ihrer Samarfterpflicht antreiben. Freilich kann der Verfasser sich nicht der Klagen erwehren, „daß die Juden immer noch voll bitter» Hasses gegen den Stifter des Christcnthums sind," „sie sind seine bittersten abgesagten Feinde." lamcntrrt der fromme Herr, und als Beweis danir. deren es, wie derselbe meint, „unzählige" gibt, wird ein Stück einer Rede des südischen Reformpredigers Fetsenthal in Chicago hervorgehoben. Derselbe greift das Dogma, daß nur der, wer an den Mensch gewordenen Gott glaube, selig werde, derjenige aber, der nicht getauft sei und nicht glaube, -der ewigen Verdammniß anheimfalle, an, und betrachtet diesen Lehrsatz als den Keim, aus welchem das Missionswesen hervorwuchs . das er dann eine „Giftsaat" nennt, welcher namenloses Weh und Elend für die Welt entsprotzte: „Millionen von Menschenopfern," sagt dieser Prediger weiter, „sielen dieser dämonischen Lehre. Oceane von Blut wurden in Folge derselben vergossen, (ströme von Thränen wurden in Folge derselben ausgepreßt u. i. w." Schreiber dieses, selbst Jude, ist kein Gesinnungsgenosse des Herrn Felienthal, er nimmt im Gegentheil einen ganz enkgenengesetzten Standpunkt in religiöser Beziehung demselben gegenüber ein, doch in dem Punkte, daß das MGionswefen' die Duelle unsäglichen Elends für die Menschheit, daß ein Dogma von der Alleinscligmachung eines Glaubens die Wurzel vieles Schmerzes und vieles Leides geworden ist. darin stimmt er mit jenen: überein. wie wohl auch nicht wenig Christen in dieser Beziehung zustimmen werden. Der Verfasser des Missionsartikels spricht von dem unauslöschlichen Hasse der Juden gegen den Stifter der christlichen Religion, gerade wie der famose Erlaß des Berliner Consistoriums, doch blickt in der ganzen Stelle nur der Haß gegen die Seelenfänger durch und gegen das. was man aus dem Stifter der christlichen Religion gemacht hat. und dieser Haß ist ein berechtigter. Wie berechtigt er ist, zeigt uns gerade der Herr Pastor Becker selbst. Ferner will er mit Liebe den alten Teufel aus den Juden anstreiben, da ibur das Wort Lirtbers cinfällt: „Ungläubige Juden sind junge Teufel:" sehen wir uns diese Liebe näher an. Nachdem der Verfasser erst den großen Brand Chicago's als ein Gottesgericht hingestellt bat. bei dem es ihn gar nicht wundern wllte, ..wenn auch das Gebäude mit ein Raub der Flamme:: geworden wäre. in welchen der Rabbiner Felseutbal jene giftige Rede gegen das Christenthnm vor Jude:: — und Christen hielt." macht er darauf aufmerksam, wie auch den Kindern schon die Liebe zum „HErrn" vorgchalten und eingeprägt werden müsse, und erzählt zu Nutz und Frommen der lieben Kleinen eine artige Geschickte: Im Jahre 1716 wohnte in Berlin ein jüdisches Ehepaar, deren drei Töchter im Alter von 8. 10 und 12 Jahren mit christlichen Rachbarskindern Umgang hatten. Diese erzählten ihnen die nenkestamentliche Geschichte und in den kleinen Judenmädchen wuchs das Verlangen, znm Christenthum überzugehcn. Sie wandten sich an den M. Kamann an der Marienkirche mit ihreur Gesuche. und da auf die Frage des Predigers, ob sie zu Hause auch nichts begangen und deshalb das Haus meiden wollten, sie wiederum ihren festen Entschluß kund thaten, Christinnen zu werden. und mit Thränen den Prediger baten. sie doch nicht zu verstoßen, ward derselbe „gerührt", sagte ihnen Schutz zu und bedielt sic mit Bewilligung der Obrigkeit bei sich. Die Sache kam zu den Ohren des Königs, eine Comnnssion von vier Predigern wurde zur Untersuchung des Falles ernannt. und auch vor dieser blieben die Kinder bei ihrem festen Entschluß. Die Eltern boten alle llebcrredung und alle Thränen aut. die Kinder von ihren: Vorhaben zurückzubringen, doch Alles umsonst, und am 11. April >717 wurden die Kinder in der Marienkirche getauft. „Das ist die Frucht der Liebe," schließt triumphirend der Verfasser dieser Erzählung, „wie sie sich auch in den Kleinen äußert und auf Kleine und Große übergeht, wenn sie eben aus dem rechten Born geschöpft ist" Ei. wie freut den Verfasser die Wirkung der „Liebe" durch den Mund der Kleinen. Daß hier ein ganz gemeiner Menschenraub vorliegt: daß man auf Bitten minderjähriger Kinder Gewicht legt und den Eltern großmüthiger Weise erlaubt, mit anzusehen, wie die Kinder sich vom Eltcrnherzen losrcißen, und den Eltern nichts Anderes läßt als Thränen, nicht das Recht ihrer Bestimmung: daß die heiligsten Gefühle verletzt, die zartesten Banoc schonungslos zerrissen worden: daß man den Kindern Schutz zusagt, Schutz vor dem Vateruno Mutterherzen! — statt sie mit einer derben Lection nach Hause zu schicken — das nennt der Verfasser Wirkungen und Aenßcrungen der Liebe, das nennt er Samariterdicnst. Hat nun Herr Felsenthal wirklich so Unrecht mit seiner Philippica gegen das Dogma derAlleinfeligmachung und den Seelenraub der Mission. die in diesem Dogma wurzelt? Wehe, wenn dieser Geist der Liebe, der nur liebt, um Schmerz und Elend zu säen, der nur liebt, so lange die Aussicht da ist, die Seele zu fangen, wehe, wenn dieser Geist in unsere Schulen eindränge, wehe, wenn die Stätte, die der Bildung und Humanität geweiht sein soll, die Wiege der Unduldsamkeit. der Bekehrungswuth würde. Wir haben genug von dem Geiste gelernt, der den Artikel des Herrn Becker belebt, wir übergehen alles Sonstige, wie das, was er von der Missionsthätigkeit des Herrn Heffter in Ostfricsland sagt, und was er von sich selbst erzählt, wie 'er mit einem jungen Mann irn vergangenen Jahre ein Rcligionsgesvräch 'im Postwagen begonnen. Man kennt die aufdringliche Manier jener Herren mit ihrer süßlichen Miene, und wer sie noch nicht gekannt hat, lernt sie aus dem wörtlich ausgezeichneten Gespräch des Herrn B-. der seinem Reifcgenossen auf die Bemerkung hin.