Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1872)
- Date
- 1872-09-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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768 „SBic bist Du in Gefangenschaft gerathen?" „ „Ich habe ineinen Bruder, der ein Kaufmann ist, auf einer Seereise begleitet; unser Schiff wurde von Corsaren genommen."" „Wohin ist Dein Bruder gerathen?" „„Unsere Glaubensgenossen in Mogador an der afrikanischen Küste haben ihn ausgelöst und in dieHcimath zurückgesandt."" „Warum haben sie nicht auch Dich freigekauft?" „„Sie waren zu arm, um uns beide zu befreien." " „Warum haben sie nicht lieber Dich befreit, der Du doch ein Gelehrter bist?" „„Mein Bruder erhielt auf meinen Wunsch hin den Vorzug, damit er im Stande sei, daheim seine Familie und die meinige zu ernähren."" „Du bist ein edler Mensch. Du wirst es gut bei mir haben, wenn ich Dich kaufe; zwar wollte ich keinen Gelehrten, sondern einen Gärtner erwerben, der den Garten hinter meinem Schlosse, das Sultan Saladin mir geschenkt, in Ordnung erhalte. Allein Du bist kräftig und wirst auch den Spaten zu führen verstehen " „„Gewiß, gewiß,"" fiel ihm der Sclavenhändler in's Wort, „ „seht nur den kräftigen Gliedcrbau . . ."" „Schweig, alter Schwätzer," herrschte ihn der Emir an, „und rede nicht eher, bis ich Dich frage!" „Was verlangte der Corsar für Deine Auslösung, Samson?" „„Gnädigster Herr!"" rief der Sclavenhändler, „„dreitausend Drachmen für solch einen Sclaven . . „Schweig, Elender! oder mein Stock wird wuchtig auf Deinen Rücken niederfallen! Antworte Du mir, Samson." „„Der Corsar verlangte tausend Drachmen, gnädigster Herr."" „Tankend Drachmen? und Du, elender Sclavenhändler, willst deren dreitausend verlangen?" „„Aber, hoher Herr!"" entgegnete der Sclavenhändler, „„wie kannst Du den jetzigen Preis mit demjenigen vergleichen, den sein Herr in Mogador gefordert hat? Bedenkst Du nicht die große kostspielige Seereise, die der Sclave aus Kosten seines Herrn unterdes; gemacht , die vielen Speisen, die er gegessen, die vielen Getränke, die er getrunken hat! Viele Sclaven sind unterwegs von dem Tode weggerafft worden; auch eine Erneute hat auf dem Schiffe stattgefunden, und die Rädelsführer haben gctödtet werden müssen. Durch alles dieses ist der Preis der Uebriggebliebenen ein weit größerer geworden."" „AVer dennoch," sagte der Emir bedächtig, „ist der Preis von dreitausend Drachmen ein unverschämt hoher. Ich werde Dir zweitausend Drachmen zahlen. Still, rede kein Wort! Genügt Dir diese Sunrme nicht, so gehe ich hinweg und wähle mir einen andern Sclaven; dann magst Du sehen, ob Dir Jemand mehr geben geben wird für einen Mann, der kein Handwerk und keine Kunst versteht. Willigst Du ein?" „„Was soll ich'thun? Wenn mein gnädiger Herr befiehlt, so ist es die Pflicht Deines Dieners, zu gehorchen. Nimm Deinen Sclaven hin; mögest Du Freude an ihm erleben."" Der Emir befahl darauf einem seiner Begleiter, dem Sclavenhändler die verlangte Summe auszubezahlcn. Nachdem dieses geschehen war, sprach er zu Samson: „Folge mir. Ich, Dein nimmehriger Herr, bin der Emir Said, ein Diener des großmächtigen und weit berühmten Sultans Saladin. Mein Herr hat mir ein Bcrgschloß im Libanon geschenkt, mit^Gärten und Wein-, bergen, Acckern und Wiesen, Feld und Wald. Ich werde in wenigen Tagen mit meinen Frauen und Kindern, mit meinen Knechten und Mägden mich dorthin begeben, und auch Du wirst mich begleiten. Du wirst das Land Deiner Väter sehen, Samson." Ach, das Land der Vät.r, das heilige Land Israels! Seinen heiligen Boden sollte Rabbi Samson nun betreten, an den heiligen Stätten sollte er weinen dürfen, wo das Heiligthum Gottes gestanden, wo die Burg Davids geprangt hatte, wo Israel einst groß und mächtig gewesen! Die heißeste Sehnsucht seines Herzens sollte erfüllt werden. Doch nicht, wie er's geträumt und gehofft hatte, nicht unter dem Banner des siegreichen Erlösers. als freier, glücklicher Mann, begleitet von Frau und Kindern, von Freunden und Verwandten, von Genossen und Schülern sollte er hinziehen in das gelobte Land, um die Trümmer der Städte Israels wieder aufbauen zu Helsen, sondern als Sclave, als unfreier Knecht, einem fremden Herrn leibeigen, sollte er einziehen in das Land der Sehnsucht, das ihm ein Land der Verbannung geworden, während 'hm die He.math im fernen Westen lag. wo alle seine Lieben weilten! Welch ein trauriges, schreckliches Loos, wenn heiß ersehnte Wünsche derart in Erfüllung gehen, daß man das Erlangte als ein Unglück beklagen muß! Rabbi Samson seufzte tief auf, als er seinen neuen Herrn so reden hörte. Seine Augen füllten sich mit Thränen, als mit Macht die Gedanken aus ihn einstürmten, denen wir soeben Ausdruck verliehen haben. Ein furchtbarer Schmerz durchwühlte sein Inneres, und er wünschte zu sterben. Doch nur einen Augenblick lang; dann raffte er sich zusammen, erhob seine Augen gen Himmel und sprach: Herr, Dein Wille geschehe! (Fortsetzung folgte Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redactton: Dr. veb m a n n. — fterMa der Ve R o u r'scben Hotductzdandlung. 3» @ottSieben'? Buch- und Eteindruckcrei in Mainz.