Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1872)
- Date
- 1872-08-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen. Deutschland. Perlin. Aus hiesigen politischen Blättern entnehmen wir, daß für die jüdische Gemeinde ein hinter Remkendorf gelegenes Terrain angekauft worden, welches zu einem jüdischen Begräbnißplatz hergerichtet werden toll. Der vor dem Schönhauser Thore befindliche Friedhof dürfte trotz der bedeutenden Erweiterung, welche derselbe ^por mehreren Jahren erfahren hat, höchstens noch f#r jipqt Jahren ausreichen. Außer dem Begräbnißplatze am Schönhauser Thore, woselbst die Fanatiker der hiesigen Reform ihren, eines russischen Gouverneurs nicht unwüdigen Ukas strengstens zur Ausführung bringen lassen, daß nämlich keine mw gemacht, der Verstorbene Nur 'dann in einem in« beerdigt werden könne, wenn er dies ausdrücklich testamentarisch verfügt, kurz das erhebende, alte, pietätsvolle cy pcyrn O’ncn vollständig illusorisch machen, existirt dahier noch ein älteres längst nicht nrehr benutztes rv. jva in der großen Hanlburgerftraße., Hier hat neben so vielen ttierkwürdigen Persönlichkeiten des jüdischen Altberlins Mendelssohn seine einsame Grabstätte gefunden. Aus einem vor einiger Zeit dahier von vr. Julius Beer, einen: Neffen Meyerbeers und Vorsitzenden des „Vereins für die Geschichte Berlins" gehaltenen Vortrage entnehmen wir die interessante Notiz, daß sehr viele der Gräber auf diesem älten Friedhofe von hervorragenden hiesigen christlichen Familien erhalten werden, wie es sich auch statistisch festftellen lasse, daß etwa 20—30000 Einwohner unserer heutigen Kaiserstadt von jüdischem Blute abstammen. Wer die Berliner jüdisch-religiösen Verhältnisse anfangs dieses Jahrhunderts kennt, wird diese Angaben, wie traurig sie auch sind, nicht überraschend finden. Gingen doch damals ganze Familien, und gerade die reichsten und äußerlich gebildetsten, zum Christenthum über; vollständige Massenlaufen konnten christliche Prediger ohne Anstrengung vornehmen und wie Grätz nach einem Briefe der Rahel Lewin an ihren Bruder Robert berichtet, „war in drei Jahrzehnten die Hälfte der Berliner Genreinde zur Kirche übergelreten." Gottlob, daß dieses schmachvolle Verlassen der jüdischen Fahne Heutezulage aufgehört hat; nur noch einige zerlumpte polnische, von Allem entblößte Betteljungen werden zuweilen von dem eifrigen Apostaten Paulus Cassel ins Netz der Taufe gelockt, um dann, wie es schon öfters vorgekomnien, nach erhaltener Remuneration für den eingegangenen Reltgionswechsel, in das Beth Hamidrasch zu gehen. Aber an Stelle des vollständigen Abfalls von der jüdischen Gemeinde ist die Reform getreten, die cs ja den Leutchen, die keine Einschränkung für ihre Lasterhaftigkeit kennen und von dem idealen Wesen der jüdischen Entbehrung keine blasse Ahnung haben, sehr leicht macht, ja, wie die neuester: Ereignisse dargethan, denselben durch chre geistlichen Vertreter noch ruvorthun läßt. In den letzten Nummern der „jüdischen Presse" schildert nämlich eine hiesige höchst achtbare, auch in wissenschaftlichen Kreisen geichätzte Persönlichkeit seine Erlebnisse in dem schlesischen Bade Warmbrunn. Da heißt es unter anderem von der Naivität eines „zweiten Rabbiners" des hiesigen officiellen Rabbiuats-Collegiums, der „auf die Vorstellung seitens eines hiesigen Herrn, daß die Kinder des Rabbiners, hier ebenfalls anwesend, an der trefenen Tafel Theil nehmen, seine Ohnmacht eingesteht, dieses anders bestimmen zu können," und welcher, wie wir aus anderer glaubwürdiger Quelle erfahren, am ra» mit seinem, eine duftige Havanah rauchenden Schwiegersöhne (nebenbei gesagt einem Sohne des Rabbiners Goldschmidt in Leipzig) in den Badeanlagen 8aus gene, wahrscheinlich zur Bereannng der Schabbeskngel, flanirte. „Was werden Sie aber ferner sagen," fährt der genannte Correspondent weiter fort, „wenn ich Ihnen versichere, die tleberzeugung gewonnen zu haben, wie auch der Herr Rabbrner selbst vom verbotenen Genüsse nicht fern bleibt. So erkläre ich Ihnen auf Treu' und Glauben, daß dieser jüdische Geistliche am vorigen Dienstag den 9. Juli zwischen 8 und 9 Uhr Abends, in der hiesigen christlichen Gartenrestauration der „Gallerte" von mir und zwei anderen Personen, die Sie kennen, mit dem? trefenenAbendbrod vor sich, bestehend in einemHähnchen und Kartoffeln mit Sauce, betroffen worden ist. Gerade den Bissen zmn Munde führend, mußte ihn gleichsant als nx'rn der Gruß eines dieser Augenzeugen anfschrecken. So in flagranti überrascht zu werden, konnte ihm nur die hellste Rothe in's Gesicht jagen und ohne Weiteres den Rabbiner erkennen lassen, der mit Recht schon vor 4 Jahren aus feinem Siddur das Bekenntniß am BersöhnungStage „roas wir durch Essen und Trinken gesündigt haben" gestrichen hatte? So weit die „jüdische Presse". Sie können sich denken, daß diese Nachricht in dem hierin sonst nicht so rigorosen Berlin dennoch großes Aussehen erregt hat. Man wollte nicht glauben, daß obwohl cuv?' nn p dx xbrr xuin px, ein Resormrabbiner jo unklug handeln könne, öffentlich verbotene Speisen zu essen, wo es politische Klugheit sei, sich mit dem Mantel der Scheinyeiligkeit zu "umhüllen. Man konnte es nicht verstehen, daß der Mann