Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1872)
- Date
- 1872-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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745 Berlin In Nr. 33 Ihres gcsch. Blattes brachten Sie die ausführliche Schilderung des neuen jüdischen Waisenhauses dahier, dessen Erbaunag durch die großartige Munificenz des verstorbenen Moritz Reichcnheim ermöglicht wurde. Äußer dieser neuen, prachtroll angelegten Erziehungsanstalt für arme elternlose Kinder cxislirt dahier schon seit einer langen Reihe von Jahren das Äuerbach'sche Waisenhaus, welches in der neueren Zeit, untreu dein Ruse, den dasselbe früher besessen, als das officielle Berliner Jndenthuin noch nicht in den Bahnen der Reform sich bewegte, gar manche der überkommenen Satzungen dieser lieben Freundin zum Opfer gebracht. Dot) ist dieses ältere Institut noch nicht so „ircit fortgeschritten, wie ihre neue Schwesteranstalt, deren Direktor "vor Ucbernahme seines Postens die Bedingung gestellt, eine von den jüdischen Cpeisegesetzen emancipirte, vulgo trephrne Wirtschaft führen zu dürfen. Anfangs glaubte das Euratorinm darauf rächt eiugehen zu sollen und zauderte die flagrante Verletzung der jüdischen Satzungen durch den Direktor einer offiziellen Gcmeindeanstalt öffentlich zu sanctioniren. Doch allmählich wurden die Opportnnitätsgründe und kleinen Bedenken (denn von großen, priucipiellen konnte wahrlich bei dem religiösen Standpunkte der Herren Kuratoren nicht dre Rede sein) niedergekämpst rind Direktor Jntrosinsky ging als Sieger aus diescin welterschütterndcn Kampfe hervor. Wie die religiöse Erziehung der armen, unter solchen Verhältnissen doppelt verwaisten Kinder, die sich allein Anscheine nach großentheils aus der noch frommen Proving recruliren durften, beschaffen sein wird, diese Frage läßt sich ohne viel Scharfsinn' jetzt schon bcainworten. Es sollte uns Wunder nehnren, wenn Dr. Jntrosinsty, der vielleicht noch Manchen der gesch. Leser ans dem zu Ginisien seiner Anstellung an der posencr Realschule seinerzeit entschiedenen Eonflictc derselben mir dem weiland Eultusnrinister v. Mühler bekannt sein wird, die ihm anvertrautcn Kinder nicht nach seinen Ideen erzöge und zu einstigen kräft.gen Streitern für seine hohen „geläuterten" Principien hcranbitdele. Immer mehr wird leider das Wort des Propheten zur Wahrheit: 'KS' 123 -pnnoi 1'D-nO v"L"i Dtemek, den 18. August 1872. (Zum Hilferufe für die Abgebrannten in Schauten.) Cs «eilt sich heraus, daß das Unglück, welches die Kreisstadt Schaulen im Gouvernement Kowno betroffen, von viel große, cm llmsange ist, als man Anfangs dachte. Schaulen oder Szawl ist kein Städtchen, wie das den Brand der Welt verkündeten Telegramm sagt, sondern eine ziemlich bedeutende Stadt mit 6 bis 7000 Seelen davon mehr als 80'* 0 Israeliten sind; etwa der dritte oder vierte Thcit der Stadt liegt in Asche und etwa 2000 Menschen haben Alles ersatzlos eingebüst, was sie besaßen, denn von allen diesen j hatten nur 8, sage acht Familien das Ihrige nolh- I dürftig gegen B andschaden versichert. Eine solche I Versicherung ist in den kleinern Ortschaften Rußlands für den Geringen und Mittelmann aus vielfachen Gründen ciu T ing der Unmöglichkeit. Nun kann man sich Roth und Jammer der Elenden, die theils in Ställen und Schuppe«, theils unter elenden Baracken von Allem, was zu des Lebens Nothdurft gehört, entj blößt, Hausen, bis sie durch wechselfeitigenBeistand so viele Wohnungen wieder hergestellt haben, daß sie alle- > sammt ein Unterkommen finden; da wohnen sie nun 3 bis 4 Familien in einer Stube bis die Einzelnen i sich so weit wieder beraufgea-rbeitet haben, daß sie sich; unter Beihilfe ihrer Mitbewohner ein besonderes Haus! chen bauen können, und wenn sie indessen nicht wieder! frisch abbrennen, so ist in 5—6 Jahren der Schaden ' vollständig ausgeglichen. Wenn wir nun eine ziemlich erkleckliche Summe zusammen -rächten, so könnten wir den unglücklichen Brüdern diese Arbeit anßer- I ordentlich eücichtcn und beschleunigen helfen. Von i dem gespendeten Gelde wird sicher ein jeder Pfennig : nur zur raschern Herstellung von Wohnungen ver- I wandt. Was sie so;u>n Lebensunterhalt brauchen,! ein Stück Schwarzbrod, einen Häring und Tk*e, von; letzterem nur recht viel, denn welche Theemassen von i den russischen Glaubensgenossen consmnirt werden, j davon bat man keinen Begriff, ist leicht gefunden, j Neulich ist in unserer Provinz ein großer Theil! des Städtchens Pillts.Ulen herunter gebrannt. Was! tfwt man und tfjnt man > icht, um den Unglücklichen i bcizuspringen? da ist in der ganzen Provinz kein wohlhabender Mann, kein Verein, keine «Ltadtkapelle, keine i Theaterdirection, die nicht ans die eine oder die andere! Art zu helfen suchten. Auch der Kaiser hat sofort j 1000 Nsthler. gespendet, und das Unglück ist nach j feiner Richtung hin auch nur den zehnten Theil so i groß als in Schaulen.! Bei einem solchen Unglücke müssen alle wohl- > habenden Glaubensgenossen der Welt und alle israe-! litischen Vereine — denn wer soll denn sonst helfen?! — auf jede Weise unterstützungsbereit sich zeigen; der j Hoffnung hierauf Ausdruck, sowie die Anregung hicri zu zu geben, ist Dieses geschrieben. j Im Namen des Local- und Grenz Eomitcs der! * All. Israel. Univers.: vr. R ü l f. l (Wir haben sofort von den, nach Auflösung! der Hi lfscomite'n zu Unterstützung der vom! Hungertodte bedrohten Israeliten Wcstrnßlands bei ' uns cingangenen Geldern einhundert Thaler zum ' Besten der Abgebrannten in Schaulen an das Comitö! nach Memel geschickt und hoffen so im Sinne der! Spender gehandelt zu haben. - Die Redaction des „Israelit".)