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Der Israelit · 1872-08-28 · Heft 35 (28.8.1872) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 35 (28.8.1872)
Date
1872-08-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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744 nimmermehr mit unserem Gewissen vereinbaren könnten, ein Weg, der so abschüssig ist, so viel Anstößiges bietet, daß es ungemein schwer ist, nicht zu straucheln. Unser Weg ist auch schwer und mühevoll, aber — er führt aufwärts, und da fällt man nicht so leicht. Mögen das jene Herren bedenken, und ganz besonders auch, wie wohl die Welt und einst die Geschichte ihr Verfahren bcurtheilen wird. Vorläustg überlassen wir das Urtheil unfern Lesern. »> > ' jgr'Hggy— Zeitungsnachrichten und Correspondenzcn. Deutschland. München, Ende August. Wenn ich Sie, geehrter Herr Rcdacteur, um Aufnahme nachfolgender Zeilen bitte, so geschieht dieses nur, um die Lese, Ihres geschätzten Blattes mit den hiesigen religiösen Zuständen, die leider sehr traurig find, bekannt zu machen. In unserer bis vor Kurzem so friedlichen Stadt haben sich seit netlerer Zeit zwei Parteien gebildet — eine conservative und eine neologe — die sich ziemlich schroff gegenüberstehen, was besonders stark bei den jüngsten Wahlen hervortrat. Nack heftigem, erbittertem Kampfe wurden die wenigen Conservativen. die sonst in dem Verwaltungskörpcr waren, aus demselben verdrängt, und eine neue Vertretung von 18 Mitgliedern ging aus der Urne hervor, deren Hauptvorzng darin besteht, daß sie sämmtlich den Sabbat öffentlich entweihen und die jüdischen Speisegesetze, als längst überwundenen Standpunkt, unbeachtet lassen. Die jüdischen Schulen sind diesen Herren nicht mehr zeitgemäß. Wenn man im städtischen Gemcinderath sich als Apostel der confessionslosen Schule verehren läßt, darf man sich llicht gleichgiltig zu dem Aufblühen einer jüdischerl Gemcindeschulc verhalten. Um jedoch den Gesetzen des Staates zu genügen, die. den Religionsunterricht vorschreibett, läßt man den Kindern wöchentlich 3 oder 4 Stunden Unterricht crtheilcn und hat dann die lästige Angelegenheit vom Halse. So war also das erste Lebenszeichen der neuen Verwaltung die Einsargung eines blühenden Instituts trotz eines Protestes von circa 250 Männern, das heißt, von mehr als der Hafte der bei der jüngsten Wahl abgegebenen Stimmen. Wer eine Blume in der Blüthczeit knickt, der schreckt auch vor der That nicht zurück. einer dahinsiechenden den Gnadenstoß zit versetzen. Der Gottesdienst in der Synagoge genügt längst den Anfordnungen der strengen Religiosität nicht mehr. Schon das alte Rabbinat hatte der religiösen Gleichgiltigkeit die Piutim geopfert, hatte in einem Chor, aus jüdischen und nichtjüdischen Elementen gebildet, eine Hebung der Andacht gesucht. Die neue Aera bezeichnet auch hierin einen Fortschritt. Während der Mannerchor sich auch heute wie früher ein Armnthszcugniß in der Rccitation des »burollullursellmnu!!" ausstellt, hat er nun auch eine zweite Rolle erhalten, ein deutsches Lied vor und nach der Predigt zur Erbauung der Zuhörer abzusingcn. Das wird nur noch vom ]in allein vergebet, wozu auch von der Gemeinde? Die Herren an der Spitze haben ja keine Zeit dazu, sie müssen doch am Samstag zur Börse oder ins Comptoir gehen, während der Herr Anwalt beim Bezirks- oder'Schwurgericht eine Vercheidigung zu übernehmen hat. Die Herren konnten cs nicht einmal über sich bringen, den -nv'2 et zu verschonen und das AlleH mit Zustimmung des Rabbiners. Dieselbe rauhe Hand, die >'"t? strich, erkühnte sich, die gleiche Härte bei 'mj bs obwalten zu lassen, dessen Stelle nun ein deutsches Ge-. bet vertreten muß. Unsere Administration scheint um jeden Preis eine traurige Berühmtheit erlangen zu wollen. Hatten doch bisher die äußersten Neologcn eine heilige Scheu vor dem Versöhnnngstage, und^ selbst diese soll hier in der Stadt der Intelligenz und des Fortschritts, gebrochen Werdern Als einen weiteren Fortschritt (!) haben wir zu bezeichnen, daß in der neu zu erbauenden Synagoge die lieblichen Töne der Orgel erschallen werden. Wir könnten noch viele derartige Dinge anfzählen, doch dazu rnangelt einerseits die Zeit, andrerseits hieße cs die Geduld 'des Lesers mißbrauchen. Was läßt sich von einer Gemeindevertretung crwarterr, deren thätigftes Mitglied sich in einer öffentlichen Versammlung vor einem zahlreichen Auditorium äußerte: „Wir wollen keine Inden sein, wir sind Deutsche." Solche Leute erdreiftcn sich das Wohl und Wehe einer jüdischen Gemeinde von circa 650 Mitgliedern zu bestimmen. Auf, Ihr Orthodoxen Münchens! Was^zögert Ihr noch ferner? Ihr habt lange genug den Frieden bewahrt — nun ist er gebrochen. Wenn noch jüdisches Gefühl in Eurer Brust wohnt, so schaaret Euch um das Panier des wahren und unverfälschten Indenthums: trennt Euch: sagt Euch los von jenen Sabbatschäudern, die unsere heilige Religion herabwürdigen und bildet eine besondere Gemeinde nach dem Muster anderer Städte. Wohl werden Euch Schwierigkeiten verschiedener Art in den Weg treten, Ihr seid cs scdoch Eurer religiösen Ueberzeugung, Euren Kindern schuldig, Euch von diesen Kleinlichkeiten nicht abschrecken zu lassen, sondern rasch und frohen Muthcs ans Werk zu gehen. »n mr nvr«.

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