Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1872)
- Date
- 1872-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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743 uns dafür, daß sie nicht unbedacht, nicht allzuleicht und leichtsinnig dabei verfuhren. Dieses nun zugestanden, so ist cs ganz natürlich, daß, was einmal auf Grund der Verhältnisse und des herrschenden Zeitgeistes nothwendig geworden, auch für alle Zeiten Geltung hat. Denn, war einmal das Beispiel der Ucbertretung des Gesetzes gegeben, so liegt es doch sehr nahe, daß derselbe Fall wieder Vorkommen kann; und hatte man einmal für nethwendig gefunden, ei: e Grenze zu ziehen, einen Zaun auszuführen, eine Schutzmauer aufzubauen, warum sollte man sie aufgeben und cin^eißen. solange nicht die Gewißheit und die Bürgschaft gegeben, daß auch ohne sie der „Weinberg" nicht unbefugter Weise betreten werde? Wer vermöchte diese Bürgschaft zu übernehmen? Wer dafür stehen, daß alle Menschen vernünftig und nichts Unrechtes thun würden? Um übrigens nur ein Beispiel einer solchen Verordnung anznführen und zu zeigen, daß nur die Noth- «endigkeit sie veranlaßt, und dennoch nur insoweit die Schranken gezogen wurden, als dadurch nicht einem all- >f*afcin bestehenden Gebrauch und anerkanntem Bedürfnisse zu nahe getreten wurde, diene die bekannte Stelle im Tractat Sabbat fol. 40: pyc» fm-ay *-aiy?*snn rn m\nrü x"2P -o awo m p '"^x »ds p P2?2 cnnb pban P’nrni ßf''ya lonna? pona vn pnyi ny*n r-x rmn pm rx ’-ox tann njnn rx p*> rox ^mx py*;a ma xr pana ps-ri ’^cixi txd ’ana psnn vn pnyi xn_a *sn n\mi p) n’mi x*mu ran p? nox mm xnaa '.na ’on p? rp n ]rb -my mm px-axa p-n rx p:mx nayn;xa xir -iax mo*y nopca ryp. x'~aa .xrnay rrb rvmo? ’ir „Was sind Gesetzesübertreter? Rabbi Schimeon bcn Paßi sagte: Rabbi Jchoschua ben Levi berichtet im Namen des Bar Kepara: Anfangs wurde erlaubt, sich am Sabbat mit Wasser, welches Tags zuvor warm gemacht wurde, zu baden. Da wurde aber von den Bademeistern das Wasser am Sabbat gewärmt und vorgegeben, daß es schon am Freitag geschehen, worauf das Verbot erlassen wurde, sich mit warmem Wasser zu waschen, doch erlaubte man Dampfbäder. Doch das Verbot wurde umgangen, so daß auch Dampfbäder verboten wurden rind nur die warmen Wasser von Tiberias (Mineralwasser) gestattet wurden; und dennoch bediente man sich -es durch Feuer erwärmten Wassers und gab vor, es sei Wasser von Tiberias. Hierauf wurde auch dieses verboten nnd nur kaltes Wasser erlaubt; allein man sah ein, daß diese Verordnung keinen Bestand haben werde und erlaubte daher schließlich das Wasser von Tiberias'und hielt nur das Verbot der Dampfbäder aufrecht. Raba sprach nun: Wer eine Verordnung unserer Rabbincn Übertritt, den darf man Gcsctzesübertecter nennen." Diese mm bedarf keines Commentars, nur wollen v^ir hiezu bemerken, daß die Menschen heute gerade so l'iitD wie damals; heute wie damals suchen sich gewisse Leute das Leben bequem urrd behaglich zu machen rurd zwar aus Kosten der Religiorr. Und weil heute wie damals die mm einzig und allein den Zweck hat. zu verhüten, daß man nicht (weil der Unwissende keinen Unterschied kennt, keine Grenze zu ziehen werß zwischen 'm-vjn rrv'x und mm td'n) zur Ucbertretung und Entweihung der göttlichen Gebote schreite, dcßhalb ist diese so unantastbar, ja noch unverletzlicher als die Gottesgebote. Daß diese Verordnungen uns sehr cinschränken, das ist richtig; wer aber ist Schuld daran? Und daß es ein Schutzmittel sei und zur strengeren Beobachtung der Gottesgebote führe, ja sogar die H'rna rer und mmo ’^axa möglicherweise zur Beobachtung der „wichtigeren" Gebote zurückführen soll, zum wenigsten aber einen weiteren Abfall verhüte, wenn man die Schranken, Zäune, Erschwerungen k. niederrisfe und anthebe; daß das Publikum, welches ungeduldig darüber, daß die Schranken es noch zurückhalten nnd ihm den freien Zutritt zum — Genüsse noch erschweren und wehren, nach Beseitigung derselben ruhig und in heiliger Scheu stehen bleiben werde, zufrieden damit, daß es seinen Willen durchgesetzt und nun frei und ungehindert ist; das zu glauben, grenzt denn doch an ungemeine Leichtgläubigkeit. So verkehrt die Erziehung wäre, die dem kindischen Trotze und Eigensinn nachgibt, um bei anderen Gelegenheiten den Gehorsam verlangen zu können, ebenso, ja in noch viel höherem Grade wäre diese Nachgiebigkeit verkehrt und verderblich. Und das sollte jenen Leuten der goldenen Mitte ganz entgangen sein? Hat denn die Reform von heute, welche ein Judenthum. aber keine jüdische Religion, nnd eine jüdische Religion ohne Gesetz anerkennt, nicht gleichfalls damit angefangen, daß sie diese Schranken , Zäune, Verordnungen und Erschwerungen beseitigte? Daß sie „Wichtiges" und „Unwichtiges" von einander sonderte. um später Alles zusammen in ein Bündel zu packen und — über Bord zu werfen? Müssen wir denn das den Historikern erst in's Gedächtniß zurückrufen? Und das nennt man die goldene Mitte? Meinen jene Herren cs aufrichtig mit ihrem Vermittelungs - und Ausglcichsversuch, dann ist es sehr zu bedauern, daß sie sich gegen den einfachen gesunden'Menschenverstand und gegen die Logik der Thatsachen verschließen; ist aber ihr Auftreten und Vorgehen nur ein «cheinmanövcr, um die eigentlichen Ansichten dahinter zu verstecken; hat diese goldene Mittelstraße nur den Zweck, durch scheinbare Neutralität keinen der beiden Gegner heranszuwrdern, für keinen sich entscheiden zu müssen, so ist das unter den obwaltenden Verhältnissen vielleicht klug, aber gewiß nicht der rechte Weg, nicht die goldene Mitte, sondern ein ganz eigener Weg, ein Weg. den zu gehen wir als offene, ehrliche Kämpfer für die Erhaltung des Judenthums und des Gottesgesetzes,