Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1872)
- Date
- 1872-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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726 Rumänien. Bukarest, 16. Aug. Der amerikanische Consul hat an die rumänische Regierrrng das Ersuchen gerichtet, die Auswanderung hiesiger Israeliten nach Amerika zu unterstützen. Feuilleton. Dcr Fürst vo« Loucy. VII. In Coucy hatte man lange vergebens auf die Ankunft Rabbi Samson's und seines Bruders gewartet; alle Reisende, die von England kamen, wurden auf's Sorgfältigste ausgeforscht. Niemand hatte etwas von der Landung Rabbi Samson's oder von dem Aufenthalte seines Bruders in diesem Lande erfahren. Es wurde bald zur Gewißheit, daß den beiden Brüdern ein Unglück zugeftoßen sei Das Geld, welches Rabbi Samson seinem Weibe zurückaelassen, war nach wenigen: Monaten verzehrt; auch das Weib Chajim's gerieth in Noth, da ihr Gatte fast seine ganze Habe zu Gelde gemacht und mit auf's Meer genommen hatte. Die Mildthätigkeit nahm sich der Verlassenen an, und namentlich war es Rabbi Moscheh von Coucy, der mit der größten Liebe und Aufopferung für seine unglücklichen Verwandten sorgte. Waren nun die Familien der beiden Brüder vor der dringendsten Noth geschützt, so verbrachten sie doch ein höchst kummervolles Leben. Nur was die Erde deckt, vergißt das Menschenherz, und der peinigende Zustand zwischen Furcht und Hoffnung ist schlimmer als die traurigste Gewißheit, :st eine nimmer endende Qual. Zwei Jahre waren in dieser Weise vergangen und lange schon sprach man von den beiden Brüdern wie von längst Verstorbenen. Wiederholt war der Gedanke aufgetaucht, für die Verlorenen die Trauergebräuche zu halten und das Kaddischgebet zu verrichten; allein Rabbi Moscheh erlaubte es nicht, da von ihren: Tode noch keinerlei gewisse Kunde gekommen war. An einem schönen Sonnnerabende saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, die beiden verlassenen Frauen in dem Garten hinter dem Hanse Chajim's, während die Kinder, deren Jugendirohsinn das traurige Geschick der Väter kaum zu trüben vermocht hatte, an fröhlichen Kinderspielen sich ergötzten. Nur Zaire, Rabbi Samson's älteste Tochter, saß neben der Mutter und theilte deren Arbeit. Wie gewöhnlich wandte sich das Gespräch den entschwundenen Ehegatten zu. „Wo mag er jetzt weilen," fragte Dinah, Rabbi Samson's Weib, „mein geliebter Mann"? vielleicht haben schon die -Fische des Meeres sein Fleisch verzehrt, und seine Knochen bleichen an irgend einen: fernen Gestade!" Sie nahm ihr Tuch, um die Thränen zu trocknen, die ihren Augen entströmten. „Weine nicht, lieb Mütterchen," sagte Zaire, „mir sagt eine innere Ahnung, daß der geliebte Vater noch lebt und daß er wohlbehalten zu uns zurückkehren wird." „„Ich habe nur wenig Hoffnung,"" sprach Chajims Weib, Sarah. „„Wenn sie noch lebten, wo sollten sie weilend Die einzige Möglichkeit wäre, daß sie in Gefangenschaft gerathen und als Sclaven verkauft sind worden, —, ein fürchterliches Loos, schlimmer als der Tod. Doch, was höre ich für einen Tumult auf der Straße, Stimmen des Ausrufes und des Erstaunens! ich meine den Namen meines Mannes, den Namen Chajim zu unterscheiden. Gehen wir hin, um zu hören, was sich ereignet hat."" In fieberhafter Aufregung eilten die Frauen durch das Hans auf die Straße. Hier hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Alle Bewohner von t^oucy waren zusammengelaufen. Ein mit einen: Pferde bespanntes Wägelchen hielt vor dem Hause. „Chajim, Chajim, seid Ihr es wirklich?" hörte man von allen Seiten rufen. „Boruch mechajeh Hain eszim, Gelobt sei, der die Todten belebt!" Und Chajim sprang von: Wagen herunter, gerade als sein Weib vor die Hausthüre trat. „Sarah," rief er, „bist Du gesund, sind die Kinder gesund?" Sarah wankte ihm entgegen; aber sie fiel zur Erde, einer Ohnmacht nahe. Als Chajim auf sie zusprang, um sie in seinen Arinen aufzufangen, winkte sie ihn? abwehrend. So groß war die Kraft der jüdischen Sitte in dem schwachen Weibe, daß sie den längst todtgeglaubten, wie durch ein Wunder wiedergekehrten Gatten nicht umarmte, sondern sich selbst in diesem Augenblicke des strengen Gesetzes erinnerte, das ihr die Umarmung versagte. Jetzt trat auch Dinah hinzu. „Bist Du hcimgckehrt, Schwager," rief sie, „lebst Du, bist Du gesund und wo ist Rabbi Samson, mein Gatte?" „„Rabbi Samson,"" entgegnete Chajim, „„ist der edelste Bruder, der beste Mensch Meinetwegen, mich zu befreien, um mir die Heimkehr zu ermöglichen, hat er fich als Sclave verkaufen lassen. Unser Schiff wurde