Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1872)
- Date
- 1872-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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684 socialen Gründen ihre Zahlen finden und beweisen zu können glaubt. Nachdem sie an einem Beispiel nachgewiesen, wie gleichfalls vor einigen Jahren an einer! eigenthümckchen Krankheit der Kopfhaare der Katholizisi mus Schuld gewesen sein soll, während cs sich dann i herausstellte, daß dieselbe einfach auf die localen Ver- > hältnisse zurückzuführen war und zufällig dort, wo diese! Krankheit auftrat, die Bewohner größtentheils Kathoi liken waren, glaubt sie auch den Grund der größeren! Zahl jüdischer Taubstummen nicht in den bei den Inl den häufig oorkommendcn Heirathen allzunaher Verwandtschaftsgrade, als vielmehr in der bei den Juden im Allgemeinen sorgfältigerem Kinderpflege zu erblicken. Lassen wir hier ihre Auseinandersetzung folgen: „Die Taubstummheit läßt sich bei der Geburt nicht erkennen. Sie tritt erst unverkennbarer für die Ettern in der Zeit auf, wo Kinder anfangen, für das Gehörte ein Verständnis zu zeigen. Die Statistik aber beginnt mit ihren Zählungen der Taubstummen viel später. Es erfolgt diese Zählung, wenn die Schulpflicht eintritt oder gar erst, wenn der Besuch der Taubstummen-Institute beginnt. Nun ist es eine sehr einleuchtende Thatsache, daß die Erziehung elnes taubstummen Kindes bis in das schulpflichtige Alter eine sehr schwere Last der Eltern ist. In den ärmsten Volksklassen, wo die Mütter auf Arbeit gehen, und die Kinder unbewacht sich selber überlassen bleiben., wird das taubstumme Kino selten über die ersten Jahre hinaus ko muten. Die Kinder sterben weg, ohne unter den Taubstummen mitzuzählen. Nur besser situirte Eltern und gesichertere Familienverhältnisse werden das Material von Taubstummen für die Statistik darbieten. Im Proletariat vermehrt die Zahl der taubgeborenen Kinder nur die Todtenlisten, ohne die Taubstummheitslisten zu bereichern. Das Resultat dieser Umstände ergibt sich hiernach ganz von selber. Unter Juden herrscht das Proletariat sehr wenig vor. Die Mütter gehen selten auf Arbeit aus, während die Kinder ihrer Pflege bedürfen. Folglich wird eine große Anzahl von taubstummen Kindern das Alter erreichen, wo sie vom Statistiker gezählt werden. Die Juden werden also verhältnißmäßig die nteisten Taubstummen zählen. Bei Protestanten und Katholiken wird dies je nach den Ländern verschieden sein. In Frankreich, wo das Proletariat meist katholisch ist und die Protestanten eher in Wohlstand leben, sterben mehr katholische taubstumme Kinder im frühen Alter fort und bei der späteren Zählung erscheint diese Religion begünstigt. In Deutschland wird es stellenweise umgekehrt sein; in Nassau wird das protestantische Proletariat überwicgen und die taubstummen Kinder im früheren Alter dem Grabe zuführen, bevor sie statistisch gezählt werden, folglich wird es bei der Zählung scheinen, als wenn der Protestant von diesem Uebel mehr verschont ist als der Katholik! Alles in Allem betrachtet, ergibt sich hieraus wiederum, daß die Statistik stümperhaft bleibt, so lange sie ihre Zahlen nach R e l i g i o ns - S ch e m a's aufführt und die tiesern socialen «»runde derselben unerkannt läßt." Berlin. Gewöhnlich wünscht Jeder, der zur Polizei geführt wird, so rasch wie möglich diesen, besonders für ein böses Gewissen so unangenehmen, beängstigenden Ort wieder zu verlassen. um sich vor der Sicherhecksbehörde in Sicherheit zu bringen. Daß aber ein gutes Genüssen selbst an solch unsicherem Orte sicher und friedlich ruhen kann, das bewies jüngst eine arme polnische Judenfancklie, die uckt Sack und Pack, Kindern. Pferd und Wägelchen zur Polizei abgeführt wurde. Dieses Unglück ereignete sich gerade an einem Freitag. Nachdem sich jedoch herausgestellt, — wie es scheint, hatte man dabei keine große Eile — daß diese Leute zwar sehr arm, doch ebenso harmlos waren, erhielten sie die Erlanbnitz abzuziehen. Aber — die Polizei denkt und Gott lenkt. Es war näullich spät geworden, und die Familie. die sich indeß in aller Gemüthsruhe änf dem Polizeihofe „P2vb ioq gewesen", erklärte, am nicht wecker gehen zu können. Die Polizei Ueß die Leute ungestört ihren pti* halten, nur der Pöbel Berlins, der nicht begreifen konnte, wie man freiwillig an solch gefährlichein Platze bleiben könne, neckte und verspottete die arme Familie. Wir wollen hiermit nur constatiren, daß es auch unter den herumwandernden armen Polen brave Leute gibt, und daß man nicht Alle, weil so viele der Unterstützung Unwürdige zu uns kommen. mit einein Maaße messen darf. Berlin. Die tetzterschwnene Nummer der von Herrn 0r. v. Holtzendorf redigirten „Strafrechtszcitung" enthält eine Beschwerde über die Behandlung der jüd. Strafgefangenen in der Anstalt zu Spandau, von dem Seelsorger derselben Dr. M. S. Krüger, welcher wir Folgendes entnehmen: Es war am 23. März d. I., ain Sabbate — also nachdem den Tag zuvor die Geburtstagsfeier des Kaisers im Synagogenlokal der Strafanstalt mit Gottesdienst und Predigt von mir abgehalten worden war — da wird mitten im sabbatlichen Vormittags-Gottesdienste ein jüd. Strafgefangener von einem Aufseher im Namen des neuen conrmiffarischen Directors, Herrn Hauptmann Gnügge, gefordert, um aus dem Tempel nach dem Arreste abgeführt zu werden! Es wurde dies sogleich zu rneiner Kenntniß gebracht; ich sah mich genöthigt, unter solchem Umstande auf einige Augenblicke den Gottesdienst zu pausiren, und begab mich selbst zu dem vor der Thür stehenden Aufseher mit den Worten: er möchte dern Herrn Hauptmann sagen, daß ich als der jüd. Seelsorger gegen ein solches Ver-