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Der Israelit · 1872-07-31 · Heft 31 (31.7.1872) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 31 (31.7.1872)
Date
1872-07-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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663 so unerträglicher wurde, als der Bundestag der Juden nicht gedachte, sondern sie vergaß und herzlos sie im die alte Abhängigkeit zurücksließ, veranlaßte Lausende, dem undankbaren Batertande, wie hart es auch ankam, den Rücken zu kehren und weit fort zu ziehen in ein fremdes Land. Mit blutendem Herzen nahnl man Abschied von Vater und Mutter, Geschwister und Verwandten, von der lieben Heimath — auf ewig. America lag ja viele Hundette von Meilen entfernt, eine Reise dahin war lebensgefährlich, daher eine Trennung für's ganze Leben. Ai an überwand auch diesen Schmerz, winkte ja „drüben" Freiheit, Ehre, Vermögen. Doch so leicht erging's nicht, wie man sich vorgestellt. Fremd, mit der Landessprache nicht vertraut, stand man ganz allein, nur wenigen Glaubensgenossen begegnete man, und diese hatten meistens selbst noch zu kämpfen und zu sorgen und dazu galt dort der Spruch „delp your seif“, der zwar etwas hart, aber für das Wohl des Einzelnen wie zum Wohle des Staates unendlich viel beitrug. Die nleisten Einwanderer waren, nachdem sie die Kosten der Ueberfahrt bestritten und überdieß in der ersten Zeit durch Unkenntniß mit Land und Leuten oft noch um das Wenige, das sie noch hatten, betrogen, vollständig mittellos und entblößt vom Allernothwendigsten und griffen daher begierig jede Gelegenheit, welche Aussicht bot, das Leben zu fristen. Die Religion trat da völlig in den Hintergrund, denn es galt die Erhaltung des Lebens. Jahre lang dauerte oft dieser harte Kampf um das Allernothwendigste; Jahre lang wanderte man oft von Ort zu Ort durch unbebaute Gegenden, mit den größten Mühseligkeiten und Entbehrungen kämpfend, ohne auch nur mit einem zusammenzutreffen, und hatte man endlich einen günstigen Ort gefunden, wo man glaubte, sich niederlassen zn können, so war inan oft der einzige Jude. Bei diesem Kampfe mit dem Leben, bei diesen Irrfahrten hatte man so ziemlich vergessen, daß man Jude sei, oder war wenigstens der Religion entfremdet und gleichgiltig gegen sie^ geworden. Hatte man endlich die ersten Schwierigkeiten überwunden, so galt es auch für die Lieben in der Heimath zu sorgen, um deren Lage zu verbessern ja häufig der fremde Welttheil war aufgesucht worden, und Jahrzehnte angestrengtester Arbeit gehörten oft dazu, um ihnen helfend beistehen zu können. Natürlich mußte da sich alles Streben auf den einen Punkt des Gelderwerbs concentriren, was sich heute noch in America fühlbar macht, so daß der Americaner nur auf das Practische seinen Sinn richtet, für Künste und Wissenschaften aber, die nicht practisch verwertet werden können, nur geringes Interesse und Verständniß an den Tag legt. Durch diese Sorge für die Seinigen in Europa, erinnerte sich der Jude aber immer wieder, daß er Jude sei, er wurde häufig auch von seinen frommen Eltern ermahnt, und nicht selten war ein solcher Brief von Europa Ursache, daß sich Plötzlich eine Gemeinde bildete, daß man das Bedürfniß fühlte, gemeinschaftlich nach der. Väter Weife zu beten und jüdische Gebräuche und Vorschriften zu üben. Freilich war von einem jüdische» Leben, wie es in der Heimath Sitte war, nicht mehr die Rede. Durch die Nothwendigkeit einmal gezwungen, sich hinwcgzusetzen über die Beobachtung der Gesetze und nun seit Jahren daran gewöhnt, übertrat man ohne großes Bedenken die wichtigsten Gebote, und meinte,, die Freiheit, welche dadurch im Verkehr und Leben gewonnen, nicht mehr missen zu können. Aber auf der andern Seite suchte man womöglich das Judenthum zu Ehren zu bringen, ihm Achtung zu verschaffen und zu zeigen, daß es der Freiheit nicht hinderlich sei und deu Verkehr mit den christlichen Brüdern nicht störe; mau constituirte sich also als jüdische Gemeinde. Nun aber fragte es sich, woher Beamte nehmen. In Americaselbst hatte man nie dafür gesorgt, daß solche Beamte sich zu ihrem Berufe heranbilden konnten und ans Europa ging nicht leicht Jemand, der dort irgendwelche Aussicht auf eine Stelle hatte, deßhalb nach America; Fromme nun einmal gar nicht. So war America anfangs und großentheils heute noch daraus angewiesen, Leute, die in Europa oft einen geringen Lehrer- und- Schochetpoften auf dem Lande bekleidet hatten, oft sehr zweifelhafte Individuum, die sich aber „drüben" als Rabbiner refp. Prediger ansgaben, anzustellen. Daß diese, welche ihre Stellung mehr als ein für sie günstiges Geschäft, als eine Pfründe betrachteten, sich nicht um Hebung und Förderung jüdischen Lebens und jüdischer Sitte kümmerten, ist leicht begreiflich, ihr Hauptstrebe» ging vielniehr dahin, das Judenthum den Americaner» recht bequem, wie jene es wünschten, zu machen. Sie hüteten sich wohl, irgend etwas zu rügen, selbst wenn sie nicht ganz einverstanden damit waren; allein wollten sie nicht gegen den Strom schwimmen. Um nun doch etwas zu thun, suchte man vorzüglich den Gottesdienst zu verherrlichen; prachtvolle Tempel wurden gebaut, für. die größte Bequemlichkeit und — Unterhaltung während des Gottesdienstes gesorgt, Vereine für wohlthätige Zwecke gegründet und — fast hätten wir es aufzuzählen ver- - gesfen — war begeistert für das Judenthum, ja sogar, wenn wir der „Deborah" Glauben schenken wollen, bestrebten sie sich, die jüdische Lehre und das jüdische Gesetz hochzuachten nnd zu^ lieben, mit Begeisterung es aller Welt gegenüber zu verkünden" obgleich „unumwunden" erklärt wird, die „Ha lach ah nebst allen nachtalmudischeu Satzungen" können keine „religiöse Bedeutung" haben und „alle biblischen Gebote, die nicht naturgemäß im Decalog enthalten oder angedeutet sind" gingen uns nichts an. Eine merkwürdige Liebe zur jüdischen Lehre und zum jüdischen Gesetze das! eine außerordentliche, ganz sonderbare Hochachtung vor denselben! eine seltsame Begeisterung! Ich wünschte wohl, daß mir einige Americaner offen und

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