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Der Israelit · 1872-07-31 · Heft 31 (31.7.1872) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 31 (31.7.1872)
Date
1872-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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662 Wir sind der festen Ueberzeugung, daß es keinen Juden gibt, mag er auch alles speifisch Jüdische von sich abgestreift haben, der nicht innerlich von der Erhabenheit, Reinheit und Wahrheit des jüdischen Glaubens überzeugt ist, und daß er es sich immer zur Ehre rechnet, dem Judenthume anzugehören; denn die Gottesidee des Judenthums ist die einfachste, begreiflichste und der Vernunft gemäßeste. Zur Gottesidee des Judenthums bekennen sich daher fast ohne Ausnahme alle Juden, welcher Richtung sie auch angehören, anders aber verhält es sich mit dem practischcn jüdischen Leben. Das finden sehr viele unbequem, daher sic einfach dasselbe, alseinen zur Idee nothwendigen Bestandtheil, läugnen. Bekanntlich aber kann eine bloße Idee für die Dauer nicht lebhaft und in ihrer Urfrische dem menschlichen Geiste anhaften, sie verblaßt mit der Zeit, so daß sie am Ende fast unbcmcrkbar ist, es sei denn, daß sie ausschließlich des Menschen Geist erfüllt, durch keine andere verdrängt wird, was aber wohl in der Wirklichkeit niemals vorkommt. Die Gottesidee soll aber stets lebendig und frisch das Judenthum durchwehen, sie soll und darf nie verblassen, nicht verdrängt werden, und das soll bas practisch-jüdische Leben bewirken, die Erfüllung der Gottesgebote, die uns in immerwährendem Zusammenhang mit Gott sein lassen, in jedem Momente mit derselben Frische uns Gott vor Augen hält, so daß der Eindruck immer neu und lebhaft, immer derselbe ist, wie er es vot Jahrtausenden zum ersten Male war. Die Gotteslehre ist also die zur That gewordene und fortwährend zur That werdende Gottesidee. Wer diese Thatsache, diese Wahrheit täugnet, dem ist auch die Gottesidee des Judenthums verloren gegangen, der ist kein wahrer Jehudi, sein Leben, seine Sitten sind nicht mehr fiidisches Leben und jüdische Sitten, weil sie nicht so rein, so edel und wahr sind, wie sie es nur durch die Befolgung der Lehre sein können. Wer das jüdische Leben bekämpft, der will den jüdischen Glauben, wie er uns vom Beginn bis auf den heutigen Moment überliefert, Umstürzen und einen andern an dessen Stelle schieben unter der Firma „Judenthum," ähnlich den taufend Fälschungen, wie sie heute an der Tagesordnung sind. Wir mußten das constatircn und den jüdischen Lesern klar machen, um die amerikanisch-jüdischen Zustände besprechen zu können. Warum wir sie besprechen wollen, hat seine triftigen Gründe, von denen wir einige hier anführen wollen. Es handelt sich heute nicht mehr bloß darum, den Angriffen der Reform entgegenzutreten, uns zu vertheidigcn, sondern ihren Absichten nachzuspüren, ihre Ziele «nd Zwecke der gcsammten jüdischen Welt offen darzulegen, ihre Resultate uns und der Welt zu vergegenwärtigen, um sodann, wenn wir die dem Judcnthnm feindlichen, es geradezu untergrabenden Bestrebungen und Principien zur allgcmeillen Kenntniß gebracht haben, mit Erfolg, der uns schließlich doch so sicher und gewiß ist, so gewiß wie das Judenthum in tausendjährigem Kampfe immer siegreich geblieben, immer sich als Sieger die ihm von dem zeitweise mächtigen Feinde abgerungenen Lehren, Gesetze und Vorschriften wieder zurückerobert hat, auch gegen die heutigen feindlichen Bestrebungen anzukämpfen. Und dazu bedarf es der Aufklärung und Belehrung der Gesammtheit; es muß auch dem „Laien" klar werden, daß ein Judenthum nur im jüdischen Leben, nur innerhalb der Gottcslehre cxistirt und auf keine andere Weise. In Amerika leben ungefähr 200,000 Juden, von denen nur ein verschwindend kleiner Th eil jüdisch lebt, und selbst diese Wenigen leben nicht streng jüdlsch, weil einestheils eine unbeschreibliche Unkenntnis der jüdischen Religion vorherrscht, anderntheils die religiösen Zustände heute ein jüdisches Leben fast nicht ermöglichen. Darum war auch Amerika das gelobte Land der Uinsturzpartei tut Judenthum, und dieselbe hat auch in der That das Möglichste auf leichte Welle erreicht, denn sie hatte freie Hand, brauchte bloß die schon auf dec vom Judenthume wcgführenden Bahn sich Befindenden nur zu rascherem Vorwärtsschreiten zu veranlassen. Wohl hat sich manchmal eine vereinzelte Stimme warnend vernehmen lassen, aber was hatte das zu bedeuten; heute ist auch diese verstummt. Deßhalb, und weil wir noch Manches zu erwägen haben, weil heute Europa und America, wenn auch noch durch Meere von einander getrennt, dennoch sich so nahe gerückt sind, daß ein reger Verkehr, eine lebhafte Verbindung stattfindet und weil endlich rua nt D’iny bü, deßhalb müssen wir, muß die jüdische Presse Enropa's die Stimme erheben und unsern americanischen Brüdern ihr Spiegelbild Vorhalten. Vielleicht, daß sie sich darin erkennen, und wenn auch nur Wenige, oder gar nur ein Einziger, vielleicht sind es diese Wenigen, — vielleicht ist es dieser Eine, der uns die Aufgabe abnimmt und an Ort und Stelle selbst, was gewiß wirksamer wäre, belehrt und aufklärt und in unserem Sinne, im Sinne unserer heiligen Religion handelt und America's Juden zurückhält von gänzlichem Abfall. Daß man nicht an Ort und Stelle gewesen sein muß, um mit den Verhältnissen vertraut sein zu können, das bedarf keiner Versicherung/ wofern nicht alle Berichte und Augenzeugen der Lüge geziehen würden, um so weniger noch, da wir ja in äußerst lebhaftem Verkehr mit America stehen. Es ist daher sicherlich nichts weniger als Anmaßung, wenn wir die dortigen jüdischen Verhältnisse besprechen» Der größte Theil der americanischen Juden besteht aus Einwanderern der letzten fünf Jahrzehnte. Besonders Deutschland lieferte ein großes Contingent. Die unerquickliche Lage, die nach den Freiheitskriegen, wo zum ersten Mal den Juden ein Hoffnungsstrahl leuchtete, die goldene Freiheitssonne auch die düstern Schatten, die den Juden umfingen, zu durchbrechen schien, nur um

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