Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1872)
- Date
- 1872-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XU!. Jahrgang. Beilaae zu Nr. 30 des Israelit. Leitender Artikel. Lrligiöft Mehrung im Md. Familienkreise. Veröffentlicht durch I. B. W. In deni Gewühle der großen Weltstädte, wo das rastlose Kämpfen und Ringen für die Existenz die ganze Zeit und Thätigtett des Menschen absorbirt und das Streben nach höheren als materiellen Zielen bei dem Individuum so sehr in den Hintergrund gedrängt wird, ist es eine besonders wohlthuende Erscheinung, $aniilienväler an zu treffen, deren Herzen noch warm für die Erhaltung und Ucbcrlieferung jüd. Welt- und Lebensanschauung im Familienkreise schlagen, und welche es sich angelegentlich sein lassen, nachzusinnen, wie die echt jüd. Weltideen und wahrhaft jüd. Leben dem kindlichen Verstände am klarsten und faßlichsten und den Kinderherzen am eindringlichsten und erfolgreichsten übermittelt werden können. Daß diese Aufgabe, selbst in solchen Kreisen, wo das Leben und die jüd. Umgebung nicht, wie in den meisten rcichbevölkerten Städten, in so grellem Widerspruche mit dem überlieferten und dem zu überliefernden Judenthume steht, keilte leichte ist, wird jeder, für die religiöse Zukunft seiner Kinder bedachte Vater schon oft empfunden haben. Viele der geehrten Leser des „Israelit" werden daher mit Freuden die Veröffentlichung einer Reihe belehrender Unterhaltungen über jüdisch - religiöse Anschauungen und Pflichten begrüßen, welche der Feder eines wahrhaft orthodoxen und religiös gebildeten Familienvaters entflossen sind und ihren Ursprung dem faktischen väterlichen Erziehungs-Unterrichte verdanken. Veröffentlicher dieser Zeilen hat es daher unternommen, einige Muster dieser Gespräche aus der französischen Sprache, in welcher dieselben zuerst gehalten wurden, in's Deutsche zu übertragen und ist gerne bereit, die Uebersetzung und Veröffentlichung derselben im „Israelit" fortzusetzen, wenn es die verehrliche Redaction wünschcnswerth finden sollte. 1 f Liebe zu Gott. Du sollst lieben den Ewigen Dernen Gott, ranw >*3") 'n na. - Frage: Ich bitte Dich, lieber Vater, mir zu er-! klären, was es heißt, Gott befiehlt uns, ihn zu lieben.! Gebieten läßt sich ja die Liebe nicht und wenn es keinem menschlichen Herrscher in den Sinn kömmt, seinen Untergebenen Liebe zu ihm zu gebieten, so läßt sich doch ein solcher Befehl noch weniger von Gott erwartend Antwort des Vaters: Mein Sohn! Deine Frage ist freilich sehr verständig, aber wir werden zur richtigen Auffassung dieses Gebotes gelangen, wenn wir das eigenthümliche Wesen des Menschen näher betrachten Du weiht, daß der Arensch aus Körper und Seele zusammengesetzt ist: ebenso wirst Du auch schon beobachtet haben. daß jeder Gegenstand das Bestreben hat, nach der Quelle feines Ursprunges zurückzukebren. Schleuderst Du ciueu Stein in die Höhe, so fällt er wieder zur Muttererde zurück, sowie hingegen das Feuer, dem Urquell des Lichtes entgegenstrebend, sich auffteigend bewegt. Dasselbe Verhältuiß findet auch bei bem Menschen statt. Der Körper der Erde entstammend, sucht immer irdische Vergnügungen, während die Seele, der Hauch Gottes, stets das Geistige, Gottgefällige anstrebt. Der Körper für sich allein ist stets für den Genuß offen und findet dem Thiere gleich ausschließlich in dem Irdischen seine Befriedigung; die Seele aber kennt keine andere Wonne als in der Liebe zu Gott und in dem Hinstreben zu Allem, was mit Göttlichem in Beziehung steht. Die Verbindung von Körper und Seele in dem Menschen ergibt daher den Kampf zwischen den menschlich-thierischen und den menschlich-göttlichen Neigungen und Begierden oder, wie wir es nennen, zwischen Tugenden und Lastern, und der Erfolg dieses Kampfes bildet den mannigfachen Unterschied unter den Menschen. Bei dem einen behält der Körper die Oberhand, bei dem andern ist es die Seele, welche den Sieg davonträgt. Die Aufgabe, welche Gott uns übertragen, besteht aber eben darin, der Seele zum Siege zu verhelfen, indem er die ihm verliehenen Kräfte in erster Linie der Seele widmet. Denn wie bei den Wagichaalen diejenige die überwiegende ist, welche zuerst mit dem Gewichte belastet worden, so wird auch die Seele den Körper zum Nachgeben zwingen, wenn ihr das Vorrecht in der Verwendung der menschlichen Willenskraft cin^crämut wird. Ist aber die Seele die Tonangeberin in unseren Entschlüssen und die Führerin aus unserem Lebenswege, so wird auch der Körper bald willig in ihre Dienste treten und der Mensch wird. geleitet von dem ureignen Streben der Seele, immer mehr zu Gott hinstreben, sich ihm anznschließen i bemüht sein und nur gottgefällige Ziele verfolgen mit eij nem Worte: er wird Gott lieben-! Wenn uns daher Gott befiehlt, ihn zu lieben, so j ist damit gemeint: Du sollst dem Göttlichen in Dir die