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Der Israelit · 1872-07-24 · Heft 30 (24.7.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 30 (24.7.1872)
Date
1872-07-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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552 nach Norden nehmen würden, nm wieder den Canal zwischen England und Frankreich zu erreichen, so würden wir viele Wochen auf dem Meere bleiben müssen. Dazu reichen aber unsere Vorräthe nicht aus. Wir würden bald Mangel haben an Speise und Trank. Ich lasse daher nach Osten rudern. Wir können hier nicht sehr weit mehr sein von der portugiesischen Küste. Dort hoffe ich in einen portugiesischen Hafen einzulausen, neue Vorräthe einzunehmen, das Schiff vollständig wiederherzustellen und eine frische Brise abzuwarten, die uns nach England bringen wird."" Dann spornte er die Ruderer zu eifriger Arbeit an; allein trotz des angestrengtesten RudernS kam das Schiff nur langsam vorwärts, und die portugiesische Küste wollte sich nicht zeigen. Allmählich gingen die Lebensmittel zu Ende; namentlich trat bald Mangel ein an Getränken. Die Sonne brannte heiß auf die Häupter der Ruderer, und kein Labetrank erquickte die Armen. Der Schiffshauptmann setzte sich selbst an's Ruder, und die Reifenden folgten seinem Beispiele, damit die Knechte ruhen und in den untern Schiffsräumen im Schatten Erholung suchen konnten; allein die ungewohnte Arbeit in der furchtbaren Sonnenhitze ermattete die Reisenden bald, und Schiffsvolk ivwie Paffagiere erschöpften ihre Kräfte vergebens. Wer vermag sich eine Vorstellung von der schrecklichen Lage der unglücklichen Reisenden zu machen? Inmitten der ungeheuren Wassermassen des Meeres verdursten zu müssen, aus all' den Wellen und Fluchen keinen Labetran? schöpfen zu können, um die am Gaumen klebende Zunge zu netzen! Zwar versuchte es Einer im Uebermaße des Durstes, das Seewasser zu trinken; allein es bekam ihm übel; nicht allein, daß der Durst nach dem Genüsse des salzigen Wassers noch brennender wurde, es hatte auch die schlimmsten Folgen; der unbesonnene Mensch wurde krank und starb; sein Leichnam wurde in's Meer versenkt. Fast beneideten ihn die Anderen; war er doch aller Leiden und schmerzen ledig. Während nun die Meisten der Reisenden die über sie verhängten Leiden mit Geduld ertrugen, stellte sich Chajim ganz ungeberdig; er jammerte und klagte, raufte sich das Haar aus, warf sich zur Erde nieder und vermehrte dadurch seine Schmerzen. Namentlich überhäufte er seinen Bruder mit Vorwürfen. „Du hast dieses Unglück über uns heraufbeschworen," sprach er, „Du hast den Wunsch ausgesprochen, daß wir niemals in England landen sollen; so rette uns denn auch aus der Gefahr, die Du über uns Alle gebracht hast." „„WaS soll ich thun,"" entgegnete Rabbi Samson sanft, „„ich bete stündlich zu Gott, daß Er uns Hilfe sende? Auch ich möchte hier nicht sterben vor Hunger und Durst, auch ich möchte, daß ich einst bei meine» Vätern ruhe in heimathlicher Erde — was soll ich thun, mein Bruder, ich bin nicht an der Stelle Gottes, der uns Seine Hilfe versagt?"" „O, wenn Du ernstlich beten wolltest, so würde Gott schon helfen. Du willst aber nicht, Du zürnst mir, und wenn ich und die Andern gestorben sein werden, so wirft Du noch Mittel finden, Dich zu retten." Diese ebenso bösen wie thörichten Worte wiederholte Chajim so oft, daß auch das Schiffsvolk sie hörte und sie endlich glaubte. Alle bestürmten Rabbi Samson und ^erlangten von ihm, daß er sie retten solle. Zuletzt bedrohten sie ihn mit dem Tode. „Wir werden Dich in's Wasser werfen," sagte der Schiffshauptmann, „wie einst die Schiffer den Jonas fn's Wasser warfen, wenn Du uns nicht Hille herbeischaffft." „„Seid nicht so thöricht,"" sagte Rabbi Samson, „„ich kann Euch und mir nicht helfen; ich bin nur ein Mensch wie Ihr."" „Hat nicht der Sturm geschwiegen, da Ihr zu Gott betetet?" „„Und wenn Gott jetzt mein Gebet nicht erhött, was vennag ich da zu thun?"" „Das werden wir sehen; greift ihn, Jungens, werft ihn in's Meer?" Und die Schiffsknechte näherten sich dem ruhig dastehenden Rabbi, um ihn zu ergreifen und in's Meer zu werfen; vor vierzehn Tagen erst hatten sie ihn fast vergöttert, und jetzt wollten sie ihn morden! „Halt," rief Chajim, „werft ihn nicht in's Meer; ein Fisch würde kommen und ihn verschlingen, um ihn wohlbehalten an's Land zu speien; wir aber wären um so sicherer verloren?" „„So wollen wir ihn zuvor tödten?"" schrie der Schiffshauptmann. Er ergriff ein Beil, um Rabbi Samson den Kopf zu spalten. Dieser hatte still und ruhig dagestanden und unverwandt in's Meer hinausgeblickt. Jetzt hob er die Hand und zeigte in die Ferne. „Seht einmal," ries er, „was dort herbeikommt!" Aller Augen folgten der Richtung seines Fingers; der Schiffshauptmann ließ die hocherhobene Hand mit der Art sinken und schrie: „Ein Schiff, ein Schiff! Wir sind gerettet!" (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Beran-wnrtliche Redaktion: ür. Aedmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofhuchhandlung. Z. Gottsleben's Buch- «nd Steindruckerei in Mainz. 4

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