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Der Israelit · 1872-07-24 · Heft 30 (24.7.1872) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 30 (24.7.1872)
Date
1872-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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647 Wir können daher heute nur Gehört«^ und Gelesenes, aber nicht Gesehenes berichten. Das geistliche Triumvirat — Geiger-Aul)-Ungerleider — kann natürlich, in so unfruchtbaren Boden gepflanzt, nur dürre Früchte zeitigen, oft auch nicht einmal solche hervorbringen, denn das neueste Geistesproduct Geigers, womit er die Besucher der Heidereutersynagoge beglückte, indem er in cnncn O*' *0*133 die Berechtigung zu all seinen Neuerungen zu finden glaubt ist doch sicherlich nicht allzufrisch, da Hunderte schon vor ihm und mit derselben Halbheit — bekanntlich ist der Satz noch nicht zu Ende und spricht sich nicht zum Lobe und zur Verherrlichung Geiger's und seiner Reformen aus — Anspruch auf diese geistreiche Entdeckung machen können, cs sei denn, sie hätten Herrn Geiger das Erstlingsrecht eingeräumt, welche Bescheidenheit wir jedoch kaum jenen Herren Zutrauen. Abgesehen von dieser neuen (!) Idee, deren Harmlosigkeit und Naivetät wir, wie es billig ist, unser Lächeln gezollt haben, hätten wir nur wenige Notizen zu bieten. Die eine besteht darin, daß nach dem neuesten Rechenschaftsbericht des Comita's die Sammlung für die rumänischen Juden bereits 12,125 Thlr. lJ/2 Sgr. beträgt, ein Beweis, wie das entsetzliche Elend unserer Glaubensgenossen in Rumänien die vollste Theilnahme erweckt. Wichtiger und hochcrfreulich ist die in der jüd. Presse obenanstehende Nachricht, daß die beabsichtigte Gründung eines orthodoxen Rabbiner-Seminars durch das große Interesse, welches diese Angelegenheit in ganz Deutschland hervorgeniten. soviel wie gesichert ist und hoffentlich bald sich verwirklichen wird. Wie uns aus guter Quelle bekannt, sind schon bedeutende Summen, theils jährliche Beiträge, theils einmalige gezeichnet und w rd sicherlich ein allgemeiner Aufruf die nothwendigen Summen in kurzer Zeit zusammenbringen. — Das „Berliner Tagblatt" bringt heute die Nachricht, daß innerhalb der jüd. Gemeinde für die Hebung und Verbesserung der Lage der jüd. Taubstummen, welche bis jetzt in religiöser Beziehung vollständig vernachlässigt wurden, gesorgt werden soll. Zugleich gibt gen. Blatt einige statistische Bemerkungen Betreff der Taubstummen. Nach Bondin in Paris kommt auf 673 Juden ein Taubstummer, während aus 2173 Protestanten und aus 3179 Katholiken je ein Taubstummer kommt, vr. Merkel in Nassau rechnet für Deutschland auf 650 Juden, auf 2632 Protestanten und auf 1814 Katholiken je einen Taubstununen. Diese für die Juden ungünstige Ziffer soll durch Heirathen in allzu nahen Verwandtschaftsgraden ihre Ursache haben. Wir bezweifeln sehr, ob diese Beobachtung gegründet ist; jedenfalls läßt sich heute über die Ursache der Taubstummgeborenen noch wenig Genaues und Sicheres angeben. Nicht uninteressant wäre es, nach dieser Richtung hin Nachforschungen anzustellen, obgleich auch dadurch noch keine festen Schlüsse zu ziehen wären. Wir wünschten, daß der geehrte Director des jüdischen jTaubstummeninstituts in Wien uns einige Notizen über diesen Punkt zukommen ließe, oder fick, wenn er es noch nicht gethan. darüber insormiren und das Resultat veröffentlichen würde. Köln. Dem diesjährigen Berichte des Localco» mit6's der „Alliance Jsr." in Cöln entnehmen wir: Die Adoptirung von Waisenknaben hat einen namhaften Zuwachs gewonnen, indem die verehrliche Synqgogen-Gemeinde in Aachen kürzlich zur Ausführung schon vor dem Kriege beschlossenen Annahme von aHt Waisen schritt, welche nun auch an ihrem neuen Bestimmungsorte anzelangt sind. Sohin werden in der Rheinprovinz und zwar in Köln, Creseld, Aachen, Bonn, Kreuznach, Goch, Merzig und Saarwellingen 20. von den Herren Jacob Simon in Düsseldorf, Simon Harff in Dülken, Benjamin in Gladbach und Horn in Mülheim am Rhein je einer, und unter unserer speciellen Obhut und Fürsorge: in Köln, Wattenscheid, Jülich, Oberstein, Solingen, Düsseldorf und Holzminden 18, von welchen 2 Buchbinder. 2 Schneider, 2 Cigarrenarbeiter, 2 Klempner, 1 Drechsler, 2 Uhrmacher, 1 Mechaniker. 4 Handlungs-Lehrlinge, 2 höhere Lehranstalten besuchende, also zusammen 42 russische Waisenknaben verpflegt und erzogen. Auch ist uns gelungen, außer diesen 42, 1 Friseur, 2 Kappenmacher, 2 Cigarrenarbeiter und 1 Buch- - binder, nachdem wir sie in Uebereinstimmung ihrer Lehiherren mit der nöthigen Fachkenntniß ausgerüstet fanden, auf ihren eigenen Wunsch zur Erlangung einer selbstständigen Existenz entlasten zu können. Aber nicht alle. weder die in der Lehre verbliebenen, noch entlassenen Jünglinge, sind uns vom HauFt- Grenz - Comite in Königsberg zugeschickt worden; wir haben vielmehr unsere Unterstützung auch denjenigen zugewendet. welche uns aus den hunderten von russischpolnischen Bettlern, die jahrein und jahraus Köln passiven, besonderer Fürsorge nothwendig und würdig schienen , und wir müssen bekennen, daß wir keine Ursache haben, das Überschreiten des anfänglich enger gestelllew Zieles zu bereuen. Denn einerseits glaubten wir, nur durch ein solches Verfahren den wahren Intentionen der „Alliance" vollkommen gerecht werden zu können, andererseits erfreuen uns in der That gerade da die überraschendsten Resultate, wo wir unerwartet in die Zukunft derer eingriffen, die im jugendlichen Alter dem gemeinen und entsittlichenden Vagabundiren preisgegeb^n waren. Allerdings sind dadurch auch unsere Ausgaben ansehnlich vermehrt worden und können noch leicht größere Dimensionen annehmen, wir hoffen aber auch, doiß uns umsomehr Wohlwollen und Opserwilligkeit entgegengebracht werden, je ersprießlicher die Thätigkeit ist, die entfaltet wird. Verhehlen wir aber auch nicht, welchen Gcduldproben wir seitens der in Rede stehenden Knaben zuweilen ausgesetzt sind, zumal da, wo es sich um die Wahl des ihren physischen und intelectuellen Qualitäten

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