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Der Israelit · 1872-07-17 · Heft 29 (17.7.1872) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 29 (17.7.1872)
Date
1872-07-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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635 \ „„Nichts als daß Du glücklich wieder heimkehrest."" Rabbi Samson trocknete eine Thräne, die ihm in's Auge trat. „Kinder," sagte er dann, „verlaßt uns einen Augenblick; ich habe mit der Mutter zu reden." Die Kinder gingen hinaus. „Dinah," sagte Rabbi Samson, „ich reise sehr ungern mit meinem Bruder; allein ich kann, ich darf ihm seine Bitte, die in meiner Lage mir wie ein Befehl gelten muß, nicht abfchlagen; eine trübe Ahnung weissagt mir nichts Gutes. Alle Wege, sagen die Weisen, sind gefahrvoll, eine Seereise ist es doppelt, und auf jener Insel, die man Engelland nennt, wohnt ein wildes, barbarisches Volk, das sich in einem bittern aus Gerste gebrautem Getränke berauscht und in berauschtem Zustande den Söhnen unseres Volkes sehr gefährlich ist. Nun, wie Gott will.. Sollte mir aber, geliebtes Weib, etwas zustoßen, sollte ich nicht wieder heimkehren von dieser Reise, so erziehe Du meine Söhne zur Thora und lasse meine Töchter nur Talmide Chachamim heirathen. Versprich es mir, geliebtes Weib." „„Du betrübst mich, Samson. O, bleibe hier und ziehe nicht mit Deinem Bruder!"" „Ich muß, ich mutz ihn begleiten. Allein, ich werde ruhig dem Tode in's Auge schauen, wenn ich weiß, daß Du Dich bemühest, meine Söhne zu Talmide Chachamim zu erziehen." „„O, geliebter Mann, zweifelst Du daran, daß ich, die Tochter des großen Rabbi Chajim ha Cohen, an etwas Anderes denken werde als an die Pflicht, meine Kinder in Deinem Sinne und in dem meines in Gott ruhenden Vaters zu erziehend"" „Nein, ich zweifle nicht daran, theure Dinah! Du bist das biedere Weib, welches König Salomo besingt und dessen Besitz seltener ist als der kostbarer Perlen. Jetzt, nachdem ich für meine Kinder gesorgt habe, will ich auch für meine Schüler sorgen; ich will zu Rabbi Moscheh gehen, dem Gatten Deiner Schwester, und ihn bitten, daß er sich meiner Schüler annehme bis zu meiner, so Gott will, glücklichen Heimkehr." Rabbi Samson that so, und sein Schwager erfüllte seinen Wunsch auf's Bereitwilligste; dann ordnete er seine Mannscrivte und übergab sie in einer sorgfältig verschlossenen Kiste seiner Frau, die unterdeß ihm Kleider und andere zur Reise nothwendige Dinge einpackte. So kam der Sabbat heran, für lange, lange Zeit der letzte Sabbat, den Rabbi Samson im Kreise seiner Familie und seiner Schüler verbrachte. Die ganze Gemeinde begleitete die beiden Brüder bis an das Meeresufer, wo eine wohlausgerüstete Gallone die Reisenden erwartete. Wir wollen den Abschied nicht schildern; in unsern Tagen der Eisenbahnen, Dampfboote und Telegraphendrähte ist das Reisen so etwas Alltägliches geworden, daß man bei einer so kleinen Reise, wie von Frankreich nach England, es kaum der Mühe werth hält, Abschied zu nehmen; in kaum zwei Stunden fährt jetzt das Dampfboot den Reisenden von Calais nach Dover, und kaum ist das französische Ufer außer Sicht, so erblickt man schon die weißen Kreidefelsen von Englands bergiger Küste. Anders war es vor sieben Jahrhunderten. Da brachten Ruderer mühsam das Schiff von einer Küste zur andern, und schwieriger und gefahrvoller war die kürzeste Seereise als jetzt eine Fahrt nach der andern Seite des Erdballs. Es war ein prachtvoll heiterer Sommertag; der Helle Sonnenschein und die frische, reine Seeluft wirkten wohlthätig auf das Gemüth Rabbi Samsons, der auf dem Verdecke stand und wehmuthsvoll die französische Küste betrachtete, von der aus seine Lieben mit ihren Taschentüchern zum Abschiede winkten. Allmählich entfernte sich das Schiff vom Ufer, und man konnte nichts mehr unterscheiden. „Komm," sprach Chajim zu seinem Bruder, „folge mir in die Cajüte; ich habe Dir noch gar nicht gesagt, welcher Art das Geschäft ist, welches ich in England zu machen gedenke." Rabbi Samson folgte dem Bruder. Dieser deckte einen Tisch und holte ans einem großen Korbe Wein, Brod und Fleisch hervor. „Wasche Dir die Hände, Bruder," sprach er, „und dann wollen wir uns niedersetzen zum Essen. Die Seeluft zehrt und erregt Hunger; auch spricht sich's besser, nachdem man gut gegessen und getrunken hat." Die Brüder aßen und tranken und als sie nach vollendeter Mahlzeit das Tischgebet gesprochen, sagte Chajim: „Du weißt, mein Bruder, daß in unserm Frankreich die Pferde sehr schlecht gedeihen; dazu kömmt noch, daß seit länger als achtzig Jahren die Blüthc der jungem französischen Ritterschaft nach dem heiligen Lande zieht, ein Jeder mit einem Gefolge berittener Knechte. Selten kehrt Jemand zurück; geschieht es, so fährt er über's Meer und durchwandert das trockene Land zu Fuß; denn, wenn auch der Mann am Leben geblieben, so hat sicher das Pferd das heiße Clima nicht ertragen können, und sein Leichnam modert in der Wüste oder wird in's Meer geworfen, um eine Beute der Fische zu werden. Dadurch herrscht in ganz Frankreich ein Pferdemangel wie noch nie. Die guten, zum Reiten geeigneten Rosse werden mit schwerem Golde bezahlt und kosten mehr als das Dreifache denn in Engelland. Deßhalb haben in Erwägung dieser Verhältnisse sich viele reiche Glaubensgenossen aus Isle de France, aus Burgund, aus der Provence, aus Navarra un) vielen andern Ländern Frankreichs zusammengethan und haben mir die Mittel übergeben, um den Pferdekanf in England im Großen zu betreiben. Ich wurde deßhalv zu diesem Geschäfte auscrseheu, weil wir in Coucy Uriterthanen des Königs von Engelland sind; so wird man

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