Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1872)
- Date
- 1872-07-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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616 „„Und warum nicht?"" „Wie, ich soll reisen, übers Meer fahren und wer weiß wie lange im Lernen gestört sein?" „„Kannst Du nicht auch unterwegs lernen?"" „Wohl, aber doch nicht so fleißig, emsig, ruhig und tiefeingehend wie zu Hause." „„Meint man nicht, Du wärst ein Schulknabe, der sein Pensum zu lernen hat!"" „Der Tag ist kurz, der Arbeit viel und der Meister drängt! Und meine Schüler, wie können sie den Lehrer entbehren?" „„Liegen Dir Deine Schüler mehr am Herzen als Dein Bruder, ohne dessen Fürsorge Du Mangel leiden würdest? Du bist nicht im Staude, das Geringste zu erwerben,' so solltest Du Dich wenigstens freuen, Gelegenheit zu haben, mir behilflich zu sein."" „Und wie könnte ich, ich. dessen unpraktischen Sinn Du immer schiltst, Dir in Deinen Geschäften behilflich sein?" „„Ich muß nach London; ich habe da ein großes Geschäft vor; dazu bedarf ich aber der Beihilfe unserer englischen Glaubensgenossen und zu dieser wieder warmer Fürsprache. Der Rabbiner von London, Rabbi Jakob aus Orleans, ist Dein Freund und einstiger Mitschüler. Wenn Du mit mir gehst, so wirst Du in London von ihm mit den höchsten Ehren empfangen werden; alle Londoner Juden werden sich dann glücklich schätzen, mit mir. Deinem Bruder und Begleiter, in Geschäftsverbindung zu treten."" „Aber da würde ja ein Brief von mir genügen „„Nein, es würde nicht dasselbe sein; und dann bedarf ich auch eines Mannes, dem ich vertrauen, mit dem ich mich berathen kann. Das Geschäft, das ich vorhabe, ist groß und bedeutend; es kann mein Vermögen verdoppeln; aber ich muß vorsichtig zu Werke gehen, muß Alles genau überlegen und besprechen, muß manchmal große Summen versenden, die ich keinem Fremden anvertrauen kann. Also entschließe Dich, bestelle Dein Haus, nimm Abschied von den Deinen und reise mit mir. Wenn das Geschäft gelingt, so werde ich Dich so reich belohnen, daß Du mit Deiner Familie für immer zu leben hast."" „Nach London willst Du reisen?" „„Nach London."" „Die Aussicht, meinen Freund, Rabbi Jakob aus Orleans, wieder zu sehen, mit ihm so manches Ergebniß meiner Forschungen zu besprechen, und zu hören, was er erkannt und gefunden hat in den vielen Jahren, daß wir getrennt von einander leben, das Alles macht mir Deinen Vorschlag genehm. Wie lange meinst Du, daß unsere Abwesenheit von zu Haufe währen wird?" „„Längstens ein halbes Jahr."" „Und so lange soll ich meine Schüler verlassen?" „„Wieder Deine Schüler! Was zahlen sie Dir denn für den Unterricht?"" „Wie Du nur io reden magst; Du weißt recht gut . . . „„Nun, weil ich weiß, daß Dir der Unterricht nichts cinbringt, daß Du noch das Geld, das ich Dir gebe, mit armen Schülern theilst, gerade deßhalb bitte ich Dich, zu bedenken, daß Du Verpflichtungen gegen mich hast. Deine Schüler können solange bei Deinem Schwager, Rabbi Moscheh, lernen."" „Das wird schwer gehen; er hat eine andere Methode, er ist ein Sephardi." „„Um so besser; so lernen auch Deine Schüler verschiedene Methoden kennen. Findest Du dann bei Deiner Rückkehr, daß die Deines Schwagers schlechter ist als die Deine, so freust Du Dich, daß Du den reckten Weg gefunden; siehst Du aber ein, daß die jungen Leute ber Rabbi Moscheh mehr gelernt haben als »ei Dir, so änderst Du Deine Methode und eignest Dir die feurige an."" Rabbi Samson lachte. „Davon, lieber Bruder," sagte er, „verstehst Dn nichts. Meine Lern- und Lehrmethode, das bin ich selber. So wie ich bin, ^bin ich geworden durch Lehrer. Genossen u-d Schüler; auf dem eingeschlagenen Wege muß ich beharren oder ich leiste nicht das Geringste. Du könntest ebensogut verlangen, ich solle mir einen andern Kopf aufsetzen; so wenig ich. das kann, so wenig vermag ich eine andere Art des Lernens und LehrenZ mir anzueignen. Dennoch will ich mich über alle'Bedenken hinwegsetzen und will mit Dir reisen. Wann gedenkst Dn zu Schiffe zu gehen?" „„Am nächsten Sonntage."" „Heute ist Mittwoch; ich werde noch viel 51t thun haben vis dahiu."^ „„So will ich Dich denn jetzt verlassen; auch ick habe noch Mancherlei zu besorgen. Lebe wohl!"" „Gott sei mit Dir." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchbandluna. Z. Gottsleben's Buch- und Steindrrrckerei in Mainz.