Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1872)
- Date
- 1872-07-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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615 Namen hervorgebracht hat. Da war der in der Weltgeschichte wohlbekannte Ritter und Feldherr Naoul I. Fürst (sires) von Coucy, der im Jahre 1191 bei der Belagerung von Acre den Heldentod starb. Sein Castellan Ren and von Coucy, der ebenfalls im dritter: Kreuzzuge nach dein heiligen Lande als Kämpfer zog, ist einer der berühmtesten französischen Minstrels (Minnesänger); er und das Fräulein von Fael, die er in seinen Liedern verherrlicht, sind wie Tristan und Isolde Prototypen unglücklicher Liebespaare geworden. Diese Beiden kennt die Welt, und alle Handbücher der beschichte und Literatur-Geschichte nennen ihre Namen. In gleicher Zeit aber lebten in Coucy noch zwei Männer, von ungleich größerer Bedeutung als jene, aber nur in jüdischen Kreisen bekannt: der eine war Rabbi Moses von Coucy, der große Verfasser desSemag"), und der Andere war dessen Schwager, der große Toßastst Rabbi Samson von Coucy. Kennst Du, lieber Leser, die große, französische Toßaststenschule, den Stotz und den Ruhm Israels? Wahrlich,, daß das Studium der Gotteslehre den großen Männern Israels Lust und Wonne geworden, dazu haben die Toßafisten nicht wenig beigetragen. Sie haben das Studium des Talmuds in die richtigen Bahnen ge- Witet; sie haben aus dem ganzen talmudischen Meere das sich anscheinend Widersprechende einander gegenübergestellt, haben mit unsäglichem Scharfsinne die fcheinbareu Widersprüche gelöst und gehoben, haben uns die feinsten Nüamen des logischen Denkens erkennen und würdigen gelehrt. Die Begründer dieser unschätzbaren Lehr- und Lernmethode waren drei Brüder, Cnkel des großen Raschi (Rabbi Schelomoh Jizchakiy des berühmten Commentators von Bibel und Talmud: Rabbi Samuel (Raschbam), Rabbi Jizchak (Ribam), Rabbi Jakob (Rabbenu Tam), alle Söhne des Rabbenu Me'ir, des Schwiegersohnes von Raschi. Zu den Bedeutendsten der Schüler dieser Männer, und namentlich des Jüngsten und Größten unter ihnen, gehörte unser Lehrer Samson von Coucy. Zu der großen Gelehrsamkeit und zu dem außerordentlichen Rufe des Rabbi Samson standen seine materiellen Mittel in gar keinem Verhältnisse; er war arm, 'ehr arm, und hätte nicht sein reicher Bruder, Chajim, ihm eine kärgliche Unterstützung zu Theil werden lassen, er hätte mit Weib und Kündern hungern müssen. Man konnte sich keine größeren Gegensätze denken als diese zwei Brüder es waren. Schon in ihrer Körperbildung unterschieden sie sich ganz außerordentlich von einander. Rabbi Samson war ein großer, schöner Mann mit edel geformten Gesichtszügen, hoher Denkerstirne und leuchtenden, schwarzen Augen. Chajim da- *) /'»a i)7.i mi» w das große Buch der Gebote. gegen war klein von Gestalt, und sein Gesicht war häßlich; seine Stirn war niedrig und aus seinen grauen Augen sprühte ein unruhiger Geist, der wohl ein Streben nach Erwerb und Besitz, aber kein Aufkommen wissenschaftlichen Denkens ahnen ließ. Eines Tages saß Rabbi Samson in seinem Studirzimmer, vor sich einen aufgeschlagenen Tractat des Talmuds, dessen Rand mit Bemerkungen aller Art beschrieben war. Er stützte das Haupt mit der Hand und starrte in's Leere wie Jemand, der über irgend ein Problem in tiefes Nachdenken versunken ist. So hörte er denn auch nicht, daß sich die Thüre öffnete und sein Bruder Chajim hereintrat. „Ha," rief dieser, „sitzest Du wieder bei Deinen tiefsinnigen Forschungen, mein gelehrter Bruder, und hörst und siehst nicht? Ich möchte wissen, was Dir das immerwährende Lernen nützt! Weib und Kinder würden dabei verhungern, wenn ich nicht Erbarmen mit ihnen hätte." „„Guten Morgen, Bruder Ehajim,"" sagte Rabbi Samson, milde lächelnd; „„ich danke Dir, daß Du ohne Gruß hereingekommcn und mir dadurch Gelegenheit gegeben, zuerst zu grüßen, wie es die Mischnah in Aboth vorschreibt."" „Was das wieder für Possen sind! Was ist ein Gruß? Nichts! Kann man von einem Gruße seinen Hunger stillen, seinen Durst löschen, seine Blöße bedecken? Hier, hier bringe ich Dir, was mehr ist als ein Gruß!_ Hier ist Geld, damit Ihr, Du und'die Deinen, essen, trinken und Euch kleiden könnt." Bei diesen Worten warf er zwei Gold-Doublonen auf den Tisch. „Ich danke Dir, guter Bruder," sagte Rabbi Samson, „auch Du hast Theil an dem himmlischen Verdienst, das ich durch's Thora-Lernen erwerbe; Du gleichst dem Sebulon, der Handel trieb, damit Jißachar ungestört der himmlischen Wissenschaft leben konnte, dem Asarja, der für seinen Bruder Simon sorgte. Aber sage mir, ganz ungewöhnlich groß ist Deine Gabe beute — was hat das zu bedeuten?" „„Ei, ei, Du bist doch klüger als ich glaubte. Du merkst gleich, daß bei nur etwas Ungewöhnliches nur durch ungewöhnliche Umstände hervorgerufen wird. Du hast Recht, ich bin nicht solch ein Träumer wie Du, und der himmlische Lohn, den Du mir in Aussicht stellst, reicht noch nicht hin, mir zwei Dublonen zu entlocken. Nun, diese große Summe soll dazu dienen, Deiner Familie auf längere Zeit den Unterhalt zu gewähren. Ich muß nämlich eine Reise nach England machen, und ich wünsche, daß Du mich begleitest."" „Bruder, das wirft Du nicht verlangen."