Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1872)
- Date
- 1872-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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596 „„Eine schöne Zeit, Herr Rittmeister.' Jetzt ist's eine lumpige Leit; jetzt muß ein braver Soldat, der dreißig Schlachten mitgemacht hat, von seiner lumpigen Pension leben und hat kaum so viel, seinen Durst zu löschen, und doch kommen die Bäcker, die Schlächter, die Juden und wollen immer Geld haben."" „Die Juden? Was habt Ihr denn mit den Juden zu schaffen, Zapfer?" „„Nun wenn ich mir Tuch zu einem Rocke und Wollenzeug für meine Frau und Töchter kaufe! Der Jude Erthal, der kriegt aber nichts, der muß mir noch herausgeben, ha, ha, ha!"" „Das ist wohl eine lustige Geschichte?" „„Sehr lustig, Herr Rittmeister. Ich kaufe mir voriges Jahr Tuch zum Rock von dem Erthal."" „Voriges Jahr?" „„Ja, voriges Jahr! Andern Tags, ehe ich noch das Tuch zum Schneider trage, läßt niich mein alter Oberstlieutenant rufen und schenkt mir einen noch ganz guten feinen Rock. Wart denke ich, da brauchst du aus dem neuen Zeuge nichts machen zu lassen, bis dieser Rock aufgetragen ist. Wie ich nun das Tuch vor einigen Wochen zum Schneider trage, ist da ein hiesiger Kaufmann. „Feines Tuch!" sagt der Schneider, „was kostet das?" „Zwei Thaler die Elle," sage ich. „Gar nicht theuer" . sagt der Schneider, „bei wem habt Ihr das gekauft, Zapfer?" „Beim Juden Erthal", sage ich. „Wie", ruft der Kaufmann, „hat der, verdammte Jude schon swieder Tuch verkauft? Zeigt ihn doch au, das bringt Euch ein schönes Stück Geld ein." Ich ließ mir das nicht zweimal sagen! wie es heißt, bekomme ich viel Geld."" „Ihr habt aber doch das Tuch schon ein Jahr vorher gekauft?" „„Ha, ha, ha, das habe ich nicht gesagt, da habe ich mich wohl gehütet, das zu sagen."" „Hat aber der Jude das nicht gesagt?" „„Der Jude? Gewiß hat er's gesagt; ich habe aber geschworen, ich hätte es erst jetzt gekauft."" „Aber, Zapfer, einen falschen Eid, einen Meineid!" „„Ach, Herr Rittmeister, es ist ja nur ein Jude, den ich daran kriege! Ist's nicht ein gutes Werk, daß der Jude das Geld wieder hergeben muß, das er ja doch nur den Christen gestohlen hat?"" „Zäpfer, Ihr seid ein meineidiger Schurke, entfernt Euch!" „„Herr Rittmeister, Sie werden mich doch nicht verrathen?"" rief Zäpfer, den das harte Wort des Barons plötzlich nüchtern machte. „Entfernt Euch, oder ich lasse Euch durch meinen Burschen hinauswerfew" Todtenbleich wankte Zäpfer zur Thüre hinaus. Der Baron trat ins Nebenzimmer. „Meine Herren", redete er die Gerichtsfchreiber an, „haben Sie die Bekenntnisse dieses Schuftes zu Papier gebracht?" Als die Gerichtsfchreiber das bejahten, belohnte sie der edle Baron und bat sie, bis zur Verhandlung vor dem Obergerichte von der ganzen Angelegenheit zu schweigen. Mir Bangen und Zagen sah Erthal dem zur Obergerjchts'Verhandlung angesetzten Termine entgegen; die Gerichtskosten waren zu jener Zeit des schriftlichen Gerichts-Verfahrens ungeheuer groß. Wenn er wiederum verurtheilt würde, was sollte er beginnen? Sollte er dem Rathe des Rittmeisters von Sch. folgen und noch einmal appelliren? Und was war mit diesem vorgegangen, der ihm seit einiger Zeit absichtlich auswich, ja sich hatte verleugnen lassen, als Erthal ihn besuchen wollte? Hatten die Neider des jüd. Kaufmannes vielleicht den Baron gegen ihn aufgehetzt? „Gott, mein Gott," sagte Erthal vor sich hin, als er die Treppe zum Gerichtssaale hinausschritt, „nur auf Dich vertraue ich und nicht auf Menschen." Wie erstaunte Erthal, als bei der erneuten Verhandlung Baron von Sch. und zwei Gerichtsfchreiber als Zeugen vernommen zu werden begehrten, als der Rittmeister seine Unterredung mit dem Invaliden Zäpfer ausführlich erzählte, als die Gerichtsfchreiber verlasen, was sie uiedergeschrieben hatten! Zäpfer konnte kein Wort entgegnen; er konnte nicht leugnen und versuchte nicht, 'ich zu rechtfertigen. Er wurde sogleich verhaftet, wegen Meineids in Anklagezustand versetzt und später zu einer Zuchthausstrafe auf die Dauer von fünf Jahren verurtheilt. Das erstinstanzliche Urtheil gegen Erthal wurde natürlich cassirt, und mit seiner vollständigen Freisprechung endete die Verhandlung. Welch ein Jubel brachte der Hartgeprüpfte in sein Hans, wo Frau und Kinder seiner bangend geharrt hatten! Am Purimfeste, das nicht lange nach den erzählten Ereignissen in der Familie Erthals besonders fröhlich gefeiert wurde, fügten Erthal und die Seinen zu der Formel im Schlußgebet nach der Megillah: „Wegam Charbaunoh sochur latauf" hinzu: Wegam Baron von Lch. sochur latauf, auch des edlen, menschenfreundlichen Freiherrn von Lch. werde stets zum Guten gedacht!" Hierzu zwei Beilagen. ."eraruwoEche Nedaction: Pr. Rebmann. — B erlag der Le Roux'schen Hofhuchhandlung. I. Gottsleben's Buch- und Steindruckerei in Mainz.