Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1872)
- Date
- 1872-07-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447578--10640-2466388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
595 ' 4 „„Nur wenige Familien" antwortete der Beamte, „„die sich wahrend der Fremdherrschaft hier angesiedelt haben."" „Nun, die Fremdherrschaft hat doch manches Gute gebracht. Sie hat in Mecklenburg die Leibeigenschaft abgeschafft, Napoleon hat Brücken und Verkehrswege anlegen lassen und ohne die Fremdherrschaft hätten wir keine Constitution, keine parlamentarische Vertretung und keine Opposition." „„Was vielleicht — das Letztere wenigstens — Ihrem Herrn Vater sehr angenehm wäre!"" „Vtag sein! Ach, Sie gehören ja auch zur Opposition! Ich habe neulick/in der Hofloge einer Sitzung der zweiten Kammer angewohnt; ich habe Sie auf der linken Seite des Hauses bemerkt und habe mich über Ihre Schlagfertigkcit höchlich amüsirt; ich glaube, ich habe noch nie so gelacht wie damals. Erinnern Sie Sich vielleicht? Ein bäuerlicher Abgeordneter unterbrach Ihre Rede gegen den Militär-Etat mit den Worten: „Wenns nun meinetwegen Krieg gibt!" Da riesen Sie ihm zu: „Wenn's Ihretwegen Krieg gibt, so will ich die Kosten bezahlen!" Ha, ha, ha!" Auch der Syndicus lachte. „Aber sagen Sie, Herr Syndicus," nahm der Baron wieder das Wort, „wie konnte ein freisinniger Mann, wie Sic, ein so hartes — Sie verzeihen den Ausdruck — ein so grausames Unheil gegen den armen, unschuldigen Erthal fällen?" „„Mein lieber Herr Baron, ich bedauere den Mann von Herzen; auch ich achte ihn hoch, auch ich halte den allen Trunkenbold Zapfer für einen nichtswürdigen Schurken; allein er ist juristisch unbescholten, und desihalb genießt sein Eid vollkommenen Glauben. Freilich steht dennoch die Strafe zum Vergehen in keinerlei Verhältniß undist in der Thal nur durch die vielfach wiederholten Contraventionen zu solcher Höhe gestiegen." „Wie mir Erthal erzählt hat, ist er auch daran vollkommen unschuldig; ich möchte gern die Iustlz ein wenig corrigiren und möchte Sie, Herr Syndicus, vor dem Vollzüge eines ungerechten Unheils schützen. Dazu bedarf ich ihrer Mithilfe. Wollen Sie mir auf morgen Vormittag halb 10 Uhr zwei Gerichtsschreiber senden, die eine Unterredung zwischen mir und Zäpfer prowcolliren sollen?" „„Mit Vergnügen, Herr Baron!"" Als der Baron nach Hause kam, beauftragte er seinen Bedienten, den Invaliden Zäpfer aufzusuchen und ihm zu sagen, daß der Freiherr Rittmeister von Sch. schon viel von seinen Kriegsabenteuern gehört habe und wünsche, seine persönliche Bekanntschaft zu machen; er lasse ihn deßhalb auf morgen Vormittag 10 Uhr zum Frühstücke einladen. Zäpfer fühlte sieb durch diese Einladung hochgeehrt; er nahm sie mit Freuden an und erschien am andern Tage pünktlich im Zimmer des Barons. Der Tisch war aufs Schönste gedeckt; die köstlichsten Speisen, die feinsten Weine und Liqueure bedeckten ihn. Die Thüre zum Nebenzimmer war halbgeöffnet; da saßen die Feder in der Hand, zwei Gerichtsschreiber, der Dinge harrend, die da kommen sollten." „Willkommen, Zäpfer", rief der Baron dem Eintretenden entgegen, „fetzt Euch und langt zu!" „„Zu viel Ehre, Herr Rittmeister, zu viel Ehre!"" „Nur heran! So, laßt uns essen und trinken, da plaudert sich's besser. Ein Glas Eherry?" „„Ah, Cherry,"" rief Zäpfer mit bei ßunge schnalzend „„Seit der Belagerung von Gibraltar habe ich keinen getrunken."" „So trinkt und esset nach Herzenslust. Ihr erzählt mir nachher." Der Invalide ließ sich sich's nicht zweimal heißen. Nachdem er von allen Speisen gegessen und stets dazu getrunken halte, sagte der Rittmeister. „Bei Gibraltar ging's wohl hoch her?" „„Sas wollte ich meinen, Herr Rittmeister! Die Spanier haben uns hart zugesetzt. Als wir ihre Schiffe in den Grund schossen, bauten sie welche aus Korkhol z, die nichts untergingen. Wir aber schossen sie mit glühenden Kugeln in Brand." „Später waren die Spanier Eure Waffenbrüder?" „„Zu Befehl, Herr Rittweisier. Als die Franzosen das Hannoverland besetzten, da entflohen die Offiziere, und ich begleitete meinen Obersten, den jetzigen General Best; ivir traten in die deutsche Legion ein und haben alle Kämpfe in Spanien mitgemacht. Bei Vittoria wurde ich verwundel."" Der Rittmeister füllte sein Glas und das des Invaliden. „Es lebe Wellington, der eiserne Herzog!" rief er, mil dem Invaliden anstoßend. Dieser leerte sein Glas aus einen Zug; der Rittmeister füllte es sogleich wieder. „„Und General von Allen, der Eommandeur der deutschen Legion!"" rief er, das Glas aufs Neue leerend Der Rittmeister goß es wieder voll. „„Und mein braver Oberst, der jetzige General Best!"" schrie Zäpfer und trank sein Glas aus bis auf den letzten Tropfen. Der Rittmeister holte eine neue Flasche herbei, goß ein und sagte: „Alle Helden der Befreiungskriege sollen leben!" „„Sie sollen leben!"" schrie Zäpfer, dem der schwere Wein zu Kopse stieg, und er goß den Inhalt seines Glases in die immer durstige Kehle. „Es war eine schöne Zeit!" sagte der Rittmeister. ,