Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1872)
- Date
- 1872-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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594 Der zweite Fall ist folgender: Das hart an der Bukowinaer Grenze gelegene Städtchen Michaileny — dem Fürsten Michael Stourdza gehörend, dem es auch den Namen verdankt — ist vor einigen Wochen von einem verheerenden Brande heimgesucht worden; beinahe 300 Häuser, fast ausschließlich jüdisches Eigenthum , wurden ein Raub der Flammen; auch vier Menschenleben sind zu beklagen. Was das Feuer nicht Verzehrte, ist die Beute der bei solchen Anlässen nie fehlenden Plünderer geworden, so daß die vom Unglücke Betroffenen jetzt abdachlos herumirren, Wetter und Wind ausgesctzt. An einem Brande ist an und für sich nichts Uebertnatürliches, Außergewöhnliches, jedoch wissen Sie, wer in diesem Falle als der Urheber des Brandes bezeichnet wird? Niemand Anderer, als der Steuereinnehmer des Städtchens, ein verkommenes Individuum, ein polnischer Emigrant, der deshalb zur griechisch-orthodoxen Kirche übertrat, um rumänische Dienste annehmen zu können. Die Kreatur, ein mauvais sujet in des Wortes weitgehendster Bedeutung, konnte es nicht gut leiden, daß die Juden in Frieden und Eintracht gelebt und ihre Abgaben und Steuern aus einer gemeinschaftlichen Kaffe bestritten haben. Er sah seine Wege versperrt, den Juden auf unrechtliche Weise Geld abzupresfen und trat an die Judengemeinde mit der Forderung heran, sie sollen ihm Geld leihen und überdies noch eine Kaution für ihn leisten, was der Gemeindeoorstand kurzweg abschlug, wußte er doch, daß Geld und Kaution von vornherein verloren sein würden. - Darob entbrannte heiliger Zorn in der Brust unseres Herrn Steuereinnehmers und er ließ das Städtchen an allen vier Ecken durch seine Helfershelfer in Brand stecken. Den Behörden ist die diesbezügliche Anzeige gemacht, doch nicht einmal die Untersuchung ist eingeleitet worden, find es ja am Ende nur Juden, die Schaden gelitten. Man verfolgt bei uns das höchst vcrdammenswerthe System der Vertuschung, anstatt sich in, freilich langwierige, Amtshandlungen einzulassen. In vielen Zweigen der öffentlichen Verwaltung herrscht die krasseste Ignoranz, gepaart mit Korruption; man feilscht um sein gutes Recht wie nm eine Waare ^rnd behält es auch nur dann, wenn man mehr Geld als die Gegenpartei anbietet, und trotzdem will sich jeder als Patriot, als des Landes wahre Stütze ausposaunt wissen. Anstatt die arg zerrütteten Verhältnisse in ein geordnetes Geleise bringen zu helfen, schlägt man der Gerechtigkeit in der unverschämtesten Weise ins Gesicht, flunkert man mir Panlatinismus, nennt sich die Abkömmlinge der lateinischen Race, schlägt Lärm, daß dieses kleine Natiönchen an der untern Donau berufen ist — man höre! — den Orient zu civilistren, und lebt sich in den wahnwitzigsten Gedanken hinein, im Vereine mit den Rumänen der Bukowina und Siebenbirgens auf den Trümmern des alten Dacien ein neues großes daco-rumänisches Zukunftsreich zu errichten. Diese Klique von Krakehlern — im Rumänischen Ezokoi genannt — wollen im dolce far miente in Ueberfluß und Verschwendung leben aus Kosten des armen, arbeitenden Volkes. Geht es nicht nach ihrem Wunsche, so constatiren sie als Universalhilssmittel eine politische Partei, machen einem jeden, und sei es dem friedliebendsten Ministerium, die unmotivirteste Opposition, zu dem einzigen Zwecke, daß ihnen, um sie zum Schweigen zu bringen, Staatsdienste angeboten werden, damit sie mit dem Gesetze und der Konstitution in der Hand, ihren rohen Gelüsten nach Herzenslust fröhnen können. Industrie und Hanhel, Schule und Justiz, liegen bei uns brach; es kümmert sich Niemand darum; Politik um jeden Preis, das ist die Losung des Tages. Wohin uns diese wahrhast kanlinarische Wirthschaft führen wird, ist eine schwer zu beantwortende Frage. (§- B.) Feuilleton. Aor fünfzig Jahren. IV. Um diesen Zweck anssühren, beschloß der Doron von Sch. dem Ortsrichter L., der den Titel „Syndicus" führte, einen Besuch zu machen. Syndicus L. war ein tüchtiger, gerechter und vorurtheilsloser Jurist. Er war Abgeordneter für V. und gehörte als solcher stets der Opposition an. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Zeit, in welche unsere Erzählung fällt, im Jahre 1848, schickte ihn das Vertrauen seiner Mitbürger in das deutsche Parlament nach Frankfurt a. M., dessen Alterspräsident er wurde. Als später der Reichsverweser Erzherzog Johann ihm darob ein Compliment 'machte, sagte er: „Kaiserliche Hoheit, es ist kein Verdienst, all zu sein." Mit seltener Geistesgegenwart antwortete ihm der liebenswürdige Fürst: „Es ist wohl kein Verdienst alt zu sein, wohl aber ist es ehrenvoll, in so hohem Alter noch das Vertrauen seiner Mitbürger zu genießen." Doch kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Syndicus L. empfing den Sohn des Ministers aufs Zuvorkommendste. Nachdem sich dieser eine Zeit lang mit dem geistreichen Juristen über allerlei Dinge unterhalten hatte, lenkte er das Gespräch aus die verschiedenen Klassen der Bevölkerung des Städtchens. „Sie haben auch Juden hier, Herr Syndicus?" fragte der Baron. *