Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1872)
- Date
- 1872-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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572 „„Ich danke Ihnen. Also die 175 Thaler schicken Sie mir sofort und das andere Geld wann es Ihnen paßt, in meine Wohnung. Adieu!"" „Verziehen Sie noch einen Augenblick, Herr Baron; ich will Ihnen über die 633* 1 3 Thaler, die Sie noch zu empfangen haben, einen Schein ausstellen." „„Ist nicht nöthig; ich vertraue Ihnen. Sie sind ern ehrlicher Mann, und ich bin froh so bald nach meiner Ankunft am hiesigen Platze einen Geschäftsmann gesunden zu haben, der, wie Sie, alles Vertrauen verdient."" „Und doch", sagte Erthal seufzend, „will man mich ins Gefängniß stecken." „-Was? wie? ins Gefängniß? Und weßhalb?"" „Weil ich angeklagt bin, Tuch zu einem Rocke verkauft zu haben?u „„Gestohlene Waare wahrscheinlich! Da hätten Sie vorsichtiger sein sollen!"" „Nicht doch, gnädiger Herr; vielmehr Tuch, das ich auf der Braunschweiger Messe vom Fabrikanten gekauft und baar bezahlt habe." „„Sie sprechen in Räthseln."" „Dürfte ich Sie bitten, mit mir ins Zimmer zu treten? Da will ich Ihnen die traurige Geschichte ausführlich erzählen." Der Offizier that so und konnte, nachdem Erthal Alles erzählt ha te, seinem schmerzlichen Erstaunen nicht genug Ausdruck geben. „„Und Sie irren Sich nicht?"" sagte er, dieser Zäpfer hat wirklich falsch geschworen?"" „So ist es, gnädiger Herr!" „„Was gedenken Sie dagegen zu thnn?"" „Ich habe appellirt, aber mit gar keiner Aussicht auf Erfolg Die Sache wird beim Obergericht denselben Verlauf nehmen, und ich werde nur noch die schweren Gerichtskosten zu tragen laben " „..Nun, vielle cht gelingt cs Ihnen doch Ihre Unschuld zu beweisen. Sollten Sie aber vom Obergericht nicht freigcsprochen werden, so gehen Sie bis ans Oberappellatioi.sgericht in Celle. Sollte Ihnen aber auch das nichls nutzen, so werde ich Papa bitten,! daß er s ch für Sie beim Könige um Gnade verwende,! damit Ihnen wenigstens die Gefängnißslrafe nackge-! sehen werde. Auf Cavalier-Parole, ich werde alles : aufbieten, daß Sie wegen dieser Bagatelle nicht ins j Prison zu wandern brauchen. Das wäre ja eine i schreiende Ungerechtigkeit!"" _ , „Ich danke Ihnen, gnädiger Herr, für Ihr trostj reiches Wort. Gebe Gott, daß Ihre giuigen Bez mühungen von Erfolg sein mögen." i Der Baron ging, und Erthal sandte ihm pünktlich das Geld. Ein neuer Hoffnungsstrahl war irr das Herz des schwergeprüften Kaufmannes eingekehrt. Der Mensch hofft so gern, und selbst der Ertrinkende sucht sich noch an einem Strohhalme über dem Wasser zu erhalten. Der Baron von Sch., der erst seit kurzer Zeit zu dem Regimente in B. als Nittm ister war versetzt worden — er hatte vorher bei den Liürassieren in Celle als Premier-Lieutenant gestanden — ließ es sich angelegen sein, eifrig Erkundigungen über Erthal einzuziehen. Alle Welt war des Lobes über ihn voll; man rühmte seine Rechtschaffenheit, seinen Edelmuth, sein glückliches Familienleben, feime und seiner Frau Wohlthätigkeit; in dem Hungerjahre 1817 hatte F,au Erthal eine ganze Reihe armer christlicher Familien mit Kartoffeln versorgt, alle . durchreisenden armen Juden — in der Stadt selbst wohnte kein armer Glaubensgenosse fanden das Erthalsche Haus stets offen, fanden dort Speise, Trank, Kleider und Schuhe, nebst reichlicher Geldunterstützung; niemals hatte Jemand vernommen, daß Erthal Geld gegen Wucher-Zinsen verleihe; dagegen war er vielen seiner christlichen Mitbürger zur Zeit der Noth gefällig gewesen, manchmal trotz der sicheren Voraussicht, daß er sein Geld niemals wieder erhalte; die ganze Stadt ehrte und liebte ihn mit Ausnahme Einiger, die in ihm den Concurrenten haßten und fürchteten. Auch über den Invaliden Zäpfer zog der Baron Erkundigungen ein; da hörte er jedoch nicht viel Gutes; derselbe war allerdings einst ein tapferer Soldat gewesen, hatte schon im amerikanischen Befreiungskriege unter den Engländern bei Gibraltar gegen die Spanier gekämpft, hatte nachher den Krieg in Spanien unter Wallington gegen die Franzosen mitgemacht; bei Waterloo halte er sich sogar ausgezeichnet, Orden und Medaillen bedeckten seine Brust — allein er war dem Trünke ergeben, mißhandelte Frau und Kinder und hatte seine älteste Tochter gezwungen, zu einem vornehmen Herrn in ein unlauteres Verbältuiß zu treten. Wiewohl er von England eine auskömmliche Pension bezog, so ließ er die Seinigen häi fig Mangel leiden, da er Alles im Trunk vergeudete. Das Ergebniß dieser Erkundigungen beüäikte den edlen Baron in dem Entschlüsse, den jüdischen Kaufmann von dem drohenden Verderben zu erretten. (Schluß folgt.) Hierzu drei Beilagen. Weruntworriidje ikebaction: i»r. L'enmonn. — il erlag der i!e A o ux'schen Hofhilchhandtung. I. Gottsleben's Buchdruckern m Mainz.