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Der Israelit · 1872-06-19 · Heft 25 (19.6.1872) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 25 (19.6.1872)
Date
1872-06-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dem Grade unzeitgemäß. Das Streben des gej lammten deutschen Lehrerstandes geht darauf hinaus, > die Schulaufsicht den Händen der Geistlichen*) zu entwinden; erst in der vergangenen Woche haben sich zu Hamburg bei der allgcm. deutschen Lehrerversammlung fünftausend Stimmen hiefür ausgesprochen. Die pädagogische Wissenschaft, der in diesen geschätzten Blättern schon mehrfach gerühmte Dr. Dittes an der Spitze, vertritt diesen Grundsatz mit stets wachsender Energie und die Schulgesetzgebung der meisten deutschen Staaten ist, theils um den Forderungen der Wissenschaft gerecht zu werden, theils aus naheliegenden politischen Gründen in diesem Sinne in voller Tbätigkeit. Während in Baden, den thüringischen Staaten die Sache schon länger zum Abschlüsse" gekommen, kam erst jüngstens in Sachsen ein Schulgesetz und in Preußen das vielbesprochene Schulaufsichtsgesetz mit dieser Tendenz zu Stande. In Bayern trägt die Staatsregierung am allerwenigsten die Schuld daran, daß nicht schon vor Jahren in dieser Richtung vorgegangen worden ist. Unter solchen Umständen wäre das Streben, den Rabbinen die Localschulaufsicht zu erringen, ein reactionäres, oder erschiene wenigstens als solches. Wir Israeliten haben aber durch die liberale Richtung der heutigen Gesetzgebung materiell schon so viel gewonnen, und können hoffen. auch in religiöser Hinsicht noch so viel durch sie zu gewinnen, daß wir der freisinnigen Zeitströmung in keiner Weise entgegentreten sollten. Von orthodoxer Seite - sollte aber der Eingangs erwähnte Wunsch um so weniger angeregt werden, da er unfern religiösen Gegnern eine Handbabe zu der Anschwärzung böte, als wollten die orthodoxen Rabbinen einen bildungsicindlichen Einfluß auf hie Schule üben, wie das — ob mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt — den Geistlichen anderer Confessionen vorzeworfen wird. Dagegen möchten wir auf ein anderes Mißverhält-! niß bezüglich der Schulaufsicht aufmerksam machen, des-! ien Beseiligung eben so dringend als zeitgemäß wäre. In Bayern fuhrt die Local - und die Districts - Schul-! inspection auch die Aufsicht über die israel. Religionsi schule und demgemäß prüfen die Pfarrer und Dekane j auch in den jüd. Religionslehrgegenständen. Das ist 1 aber ein sehr schlimmer Zustand. Ganz abgesehen von! absichtlicher Proselytenmacherci, kann es auch bei nicht j üblem Willen des Prüfenden Vorkommen, daß der In-! gend falsche Schrifterklärrurgen, falsche religiöse Grund- I 'ätze eingeprägt werden. Dann führt dieser Dualismus — der Rabbiner prüft und beaufsichtigt ebenfalls — zu gehässigen Reibungen zwischen beiden Beamten, zu einer j owitterstellung für die Lehrer, von denen sich manche,! weil ihnen der Pfarrer natürlich nicht so genau in die! *) Aber die Rabbinen sind ja keine Geistliche! Hierarchische > Bestrebungen liegen den Rabbinen unendlich fern. — Red. : Karten schauen kann, wie der Rabbiner, sich oft zum Nachthcile der Schule au ersteren anlehnen. In der ganzen Einrichtung spri ht sich aber ein sehr gehässiges Mitztrauen gegen unsere heilige Religion und ihre Vertreter , die Rabbinen, aus. Hiegegen sollten Schritte geschehen, und das wäre zeitgemäß. Der c nfessionette Religionsunterricht ist Sache der Religionsgenossenschaft, nicht des Staates. Der Staat weist ja heutzutage jede Einmischung in die innern Angelegenheiten der Confessi.men von sich — und hier übt er eine solche Einmischung in die Angelgenheiteu der einen Confession durch die Organe der andern. Dieser Zustand ist so flagrant, daß wir glauben, die bayerische Staatsregierung wird dieses Mißverhältnis; beseitigen, sobald sie nur ernstlich darauf aufmerksam gemacht wird. Die Religionsschulen Unterfrankens leiden aber an noch einem andern, sehr bedenklichen Nebel; wir meinen die geringe Besoldung der Religionslehrer. Während die Elementarlehrer, auch die israelitischen, mit vollen Händen ausgebessert bekommen, so daß sich be>. manchen das Einkommen mehr als verdoppelt, gchen die Religionslehrer leer aus. Die meisten Stellen tragen eben die Minimalbesoldung von zweihundert Gulden - und wenn der Religionslehrer alle seine Künste ausübt, pn und um 2* ist und bei Hochzeits- und Beschneidungsmahlzciten seine schönsten Lieder vorsingt, so darf er sich glücklich schätzen, wenn er es auf dreihundert und fünfzig Gulden bringt. Was ist aber das für ein Einkommen. zu einer Zeit, die jedem aus der Lehre trelcnden Handlungsdiener 500 — 600 fl. in Aussicht stellt. Es wird nicht allzulange dauern, und die meisten derartigen Stellen sind unbesetzt. Freilich können viele kleine Gemeinden nicht mehr leisten, aber manche könnten, aber sie wollen nicht. Denjenigen Gemeinden, die absolut nicht mehr leisten können, müßte unter die Arme gegriffen werden, theils durch Staatstheils durch Privätnachhilfe. Soll diele Hilfe herbeigeführt werden, so wäre ein Verein zu gründen, nicht von Lehrern, von Privaten oder besser fämmtlicher Gemeinden; dieser Verein hätte die Sache der Regierung gegenüber zu vertreten und die von Privaten aufzubringenden Hilfsmittel zu sammeln und an die bedürftigen Gemeinden zu vertheilen. Wir beschränken uns heute auf diese Andeutung, ind.m wir hoffen, sie wrd Beachtung finden. Es handelt sich darum, die Kinder derjenigen Israeliten, deren Verhältnisse es nicht gestatten, in die Stadt zu ziehen, vor religiöser Verwilderung zu bewahren und den Stand der Religionslehrer vor vollkommener Verarmung zu schützen; damit sich nicht erfülle N2p px cur mir px. Paderborn. Dem uns vorliegenden vierzehnten Jahresbericht über die israel. Waisen ErziehungsAnstalt für Knaben und Mädchen in Westfalen und Rheinland-

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