Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1872)
- Date
- 1872-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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547 woben mit Dem Gesetze. Dcßhalb beschränkt sich auch nicht das Judenthum aut Gotteshäuser und Tempel, nrr p-nn nenn, aut der Straße, bei jedem Schritt und Tritt folgt es feinen Bekennern. nnjn -ppnrro -py -\22v2 ,-ns*, es ist der Matzstab, mit dem der Jude die Dinge mißt, und den er vor Allem an sein eigenes Wollen und Thun anlegt. Im häuslichen und gesellschaftlichen Leben, in Küche und Comptoir, in den Hallen der Wissenschaft, wie vor den Schranken des Tribunals, überall fordert das Judenthum seine Verwirklichung. Indern so das Gesetz das ganze Gebell nach allen reinen Seiten umfaßt, hat es somit auch alle geisrrge Tyatigteit ui lernen Dienst gestellt. Der Talmud ist eine Encyclopädie des menschlichen Wissens, er behandelt die Jurisprudenz, Medicin, Philosophie, natürlich nur mit Rücksicht auf die Theologie. Und die Kenntniß des Gesetzes ist die Pflicht eines Jeden, ja fein höchstes Ziel: lernen und nichts als Lernen war das Streben unserer Altvordern und ihr höchstes Ideal: ein or-n TdVr zu sein. Bei ihnen unterschied man auch nicht die Menschen nach ihrem „Berufe", sagte sich nicht, hast du Das und Jenes auch später einmal „nöthig". nein; Jeder kannte nur die einzige Aufgabe zu „lernen" und dem Geiste des ‘‘"kv "p~ cp r"n ec gemäß ein r6prep; n:sw, ein redliches und nicht zu sehr in Anspruch nehmendes Geschäft zu treiben. Die Koryphäen der Wissenschaft in der talnrndischen Zeit waren oft Handwerker ttnd Tagelöhner, aber ihre Zeitgenossen kannten deßhalb doch ihren Werth und wußten sie demgennitz zu schätzeil und zu ehren. War und ist jeder Einzelne bestimmt. Träger des Gesetzes und der Wissenschaft zu lein, braucht es da noch Wunder zu nehmen. daß der Bildungsgrad des jüdischen Volkes zu jeder Zeit ein so bedeutender war? Das Ziel, das sich erst unsere Zeit gesteckt. auch die! unteren Volksschichten zum Theilnehmen an der allge-! meinen Cultur und Eustliiation zu veranlassen. dieses j Ziel wurde im jüdischen Kreise stets, von Anfang au, j angestrebt. Oder besser getagt, es wurde nicht angestrebt, indem ein solches Ziel gar nicht eristirte, da die ganzen Abstufungen der Bevölkerung, wie sie der alte und moderne Staat, der eine erschasten. der andere! ererbt hat. dem jüdischen Staate dtirchaus srenrd waren.! Ein „Ständeunterschied" eristirte nicht. Jeder und Alle j waren nur Glieder, gleichberechtigte Glieder des Gottesj üaates. So war auch die Wissenschaft nicht das Pri- \ vilegium Einzelner, Jedem waren die Pforten der Lehr-! Hauser geöffnet, ja schwere mißbilligende Worte sprechen! die alten Gesetzeslehrer über den aus, der das Gesetzes-! studiuin unterläßt, selbst nur nachlässig betreibt. Wenn j detzhalb Unkenntniß oder Böswilligkeit auch das Judenj kbnm als verdummend, als eine das freie Denken hemmende Religion darzustellen versucht, wahrlich, so braucht s'.e sich bloß jene Thatsachen zu vergegenwärtigen, um das Gegentheil als wahr und richtig zu erkennen. Gill in anderen Kreisen das Wort, daß sich über göttliche Dinge nicht disputiren lasse, so sprach man gerade im Judenthum den bedeutsamen Satz aus; ««vw neenc td □’pr.-T -cd c-Dcr dspp. Weil das Judenthum kein Glauben, sondern eine Wissenschaft ist. eben deßhalb braucht Niemand Etwas gläubig anzunehmen, wenn es nicht durch die Geschichte verbürgt ist. Darum sind auch wohl jene Wunderzeichen, die die ri~"r erzählt. zum größten Theile in Gegenwart des ganzen Volkes geschehen, um späteren Generationen jeben Zweifel daran zu nehmen. So halte auch die Wahrheit der niündlichen Ueberlieferung ein ganzes Volk zu Zeugen, und nur in den Stürmen einer wildbewegtcn Zeit. in welcher das Kriegsgetünnnel und das Getöse hochgehender Wogen politischer Erregniig die Stimme der Gesetzeslehrev verstummen machte, konnte es geschehen. daß viele ihrer Aussprüche schwankend und ungenau wurden. Aber nachdem der Frieden wieder in die 'Gcmnther eingezogen, da fand man sich wieder ein. ilyiui auch nicht in den alten, so doch in neugegründeten Lehrhäusern und fing an, der Nothwcndigkeit weichend, die mündliche Ueberlieferung im Geiste einer streng wstst'nschafttichcn Kritik niederzuschreiben. Reit welcher Sorgfalt und ängstlichen Genauigkeit dies geschah, ersteht man daraus, daß ein Lehrsatz oft auf vier vis fünf Geietzeslehrer zurückgefnyrt wird. Auf diese Weise entstand der Talmud, der Inbegriff der miindlichen Lehre, von dessen Bedeutung für die profane Wissenschaft nur schon oben gesprochen haben. Denn unermüdlich tbätig im Studium der göttlichen Lehre, fliegen die Träger derselben zu gleicher Zeit hinab in die Tiefen allgemeinen Wissens, aus deiien sie rpanchen werthvollen Schatz zu Tage förderten, den unsere Zeit, unbekannt mit den Geiftesproducteii jener Heroen, erst gehoben zu haben glaubt. So enthält z B. der Tractat Ehnlin pathologisch - anatomische Studien und Resultate, wie sie erst in unserer Zeit von den Begründern der pathologischen Anatomie Rokitansky und Virchow wieder gewonnen worden sind. Mathematische, physikalische und chemische Studien sind die Grundlagen ganzer Reiben von Gesetzesbestimmungen. Ueberall weht uns ans diesenc Gesetze der Geist der Wissenschaft entgegen; unzertrennlich von jenen empfängt die Wissenschaft die rechte Weihe, indem sie sich in den Dienst des Gesetzes stellt. In der Thal sind Heide ja ein Ausfluß des göttlichen Geistes, das «Gesetz linmittelbar. die Wissenschaft durch den Menschen verunttelt, beide sollen wieder zusammensließen und aus ihrer Vereinigung soll das Heil der Menschheit hervorgehen. Je heller es auf Erden wird, je mehr die Strahlen der Wissenschaft Licht und Erkenntniß verbreiten und den Schleier zerreißen, hinter welchem die Nacht sich birgt, um w mehr wird auch der klebet weichen, der die Augen der Menschen am klaren Sehen hindert und sie die finsteren Gestalten nicht erkennen läßt. die hinter demselben sich bergen und ihnen schwarze Nachlgedanken