Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1872)
- Date
- 1872-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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546 über üas Wesen des Guten und Schlechten nach, woraus sich bcnn als Folgerung Gesetze über Mein und Dein, über die Stellung des Bürgers zum andern rc. ergaben, als deren Urheber man natürlich die Götter bezeichnete. Was die Römer unter religio, verstanden die Griechen; ' unter dem Begriffe uMq, Ehrfurcht vor den Göttern. Auch hier waren es wiederum Dichter und Philosophen, die die Stelle der seligen Bewohner des Olymp vertraten und ihren Milbürgern Gesetze und Rechte gaben. Und als das Heidenthum zerfiel und die christl. Kirche in die Arena der niiteinander kämpfenden Religionen trat, da wurde der „Glaube" das Schibolet der neuerftandenen Kirche, und wer nicht glaubte, der war verdammt. Jetzt standen sich Gläubige und Ungläubige einander gegenüber, ja innerhalb der neuen Kirche selber erhob sich über das Wie des Glaubens blutiger Streit, dessen Gegenstand in zwei Worten, ofioovöioq uriü o^ioiomiioQ. schließlich sich gipfelnd, 250 Jahre erforderte, um dochWnicht zum Ausgleiche gebracht zu werden. So bildeten metaphysische Grübeleien den Hauptgegenftand der kirchlichen Lehre. die sich deshalb mit Recht einen „ Glauben" nannte. In der That war diese Lehre für den „Laien" doch nur ein reiner Glaube, er konnte und durfte sich nicht mit den tiefsinnigen Abstractionen eines Plato befassen, die die Onellcn der neuen Dogmen bildeten. Was so für den Priester und Gelehrten Gegenstand des Forschens war, das erwuchs später als unumstößlicher Glaubensatz, woran zu zweifeln man nicht wagen durfte, wollte man nicht ats Ketzer verschrieen und bestraft werden. Ja, um den Laien (ein Begriff, den erst das Ehristenthum schuf) gar nicht zum Denken zu bringen, wurde er grundsätzlich in völliger Unwissenheit erhalten, und seine Vernunft, um ganz sicher zu gehen, noch obendrein mit einer Reihe von Dogmen in Fesseln geschlagen. Auf einem solchen Fundamente erhob sich das stolze Gebäude der Hierarchie, das erst zu wanken ansing, als die Vernunft nach langen , langen Jahren ihr usurpirtcs Recht geltend zu machen versuchte. Im diametralen Gegensätze zu diesen „Religionen" tritt nun das Judenthum auf, und gibt seinen Bekennern nicht einen Glauben, sondern vor Allem eine Lehre, ein Gesetz, das von seinen Angehörigen keine frommen Empfindungen, heiligen Schauer, sondern in . erster Linie die Tbat verlangt. Und selbst was dieie mm an — wie inan sich heute ausdrückt — Glaubenssätzen enthält, gründet fick auf historische Fakta, von welchen ein ganzes Volk, nicht bloß ein Einzelner, der leicht Täuschungen unterworfen ist, Zeuge war. „Dir ist es gezeigt worden, um zu wissen, spricht daher dieses Gesetz, „daß der Ewige allein Gott ist und außer ihm Keiner." '-:p nym p*nn nnx. Die mm spricht nicht von einem Glauben, auch von kerner Speculation über Gott und 'ein Wesen. sie kennt nickt jene dunkle, selbstunbewußte Reliaionsschwärmerel, welche in anderen Kreisen oft für Religion ausgeboten wurde, sie kennt nur das klare, deutliche Gesetz, das den Menschen zum bewußten, thatkräftigen Handeln auffordert. Sie spricht I daher auch nicht (aber nicht etwa, weil sie es nicht lehrte, sondern weil sie es nicht zu lehren braucht, da es als lebendige Ueberzeugung in der Brust eines Jeden lebt) vom Jenseits, matt nicht die Freuden der Seligen im Elysium und die Oualen der Verdammten im Tartarus, sie umfaßt vielmehr das Diesseits in allen seinen Mannigfaltigkeiten, indem sie die Beziehungen des Menschen zu allen Dingen, mit denen er in Beziehung tritt, regelt und feste, unabänderliche Normen dafür aufftellt. Nicht wie Gott ist, lehrt uns dieses Gesetz, sondern wie wir sein sollen, nicht wie cs im Himmel aussieht, sondern wie es auf Erden ansschcn soll. Wir sollen das Irdische nach dem Göttlichen gestalten, nicht aber uns das Göttliche in sinnlichen Formen vergegenwärtigen'^). Dieser Gegensatz zur christlichen Lehre tritt in andern Beziehungen noch schärfer hervor. Der Leib soll nickt getödtet werden, er soll vielmehr genießen, freilich nur in der von Gott vorgefchriebenen Weise. Der Nasir mußte am achten Tage ein dnbp bringen. ioyy -lyss? T’n io, weil er sich einen vom Gesetze erlaubten Genuß versagt hat. Von demselben Geiste durchdrungen, lehrt der Prophet mm rnrb nx-a mn nicht als Einöde hat Gott die Erde geschaffen, vielmehr zum blühenden Wohnsitze fröhlicher Menscheg. die Erde ist kein Jammerthal, und der Tod nicht das zu erstrebende Ideal, vielmehr ist es das Ziel aller Menschenenrwickelung, daß alle phvsischen Nebel, woran die Menschheit krankt, durch den geistigen und sittlichen Aufschwung derselben einst gehoben werden und der glückselige Urzustand wieder eintreten soll. '.'Q' pn {öo’ ttb ,jp: □’S" P'-y Ty O2'2 n\T r<b (Jes. 65, 20) und amn *n ex: o\xa d’D’ du pypa (Amos 9, 13). Das sind einige Seiten einer Welt- und Lebensanschauung, wie sie das göttliche Gesetz lehrt und wie sie in dem Geiste der jüdischen Gesammtheit lebt, einer Anschauung, die unsern sämmtlichen Institutionen zu Grunde liegt, deren jede einzelne somit einen fortwährenden Protest erhebt gegen die Beschuldigungen und Anklagen verblendeter oder unwissender Zeitgenossen. Weift so das göttlrche Gesetz nicht nach himmlischen Sphären, verbannt es jede schwärmerische Mystik aus seinem Kreise, wrdert es vielmehr klare Erkenntniß der irdischen Verhältnisse, um sie nach Gottes Willen zu gestalten und ihnen dadurch den Stempel der Weihe aufzudrücken, so ist damit die innige Beziehung des Gesetzes zur profanen Wissenschaft unmittelbar ausgesprochen. Alle Beziehungen des Einzelnen zu seinem eigenen Ich, zur Gesellschaft, zur Geschichte und zur Natur find innig ver- *) S> Harsch: Commentar zu Exodus pag. 247.