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Der Israelit · 1872-06-11 · Heft 24 (11.6.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 24 (11.6.1872)
Date
1872-06-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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mmm 056 so schließen chn unsere engherzigen Gesetze von jedem Amte, von allen Ehrenstetten, von der Theilnahme am politischen Leben aus — er stirbt zum neunten Male, bis endlich der zehnte, der wirkliche Tod ihn von allen Leiden befreit, nicht ohne daß die liebe Straßenjugend lachend und höhnend seinen Leichenzug begleitet und endlich sein Grab schändet." So ungefähr sprach damals ein christlicher Abgeordneter, und wahrlich, er hat die Farben nicht zu dick ausgetragen! Von diesen Plackereien, Quälereien, und Ungerechtigkeiten mag die nachfolgende Erzählung den Lesern ein kleines Bild vorführen. Es war im November des Jahres 1822, als dev Kaufmann Erthal im Städtchen V. im damaligen Königreich Hannover iiü Kreise der Seinen am Tische saß und seine Handlungsbücher ordnete. Es war noch früh am Abend. Neben Erthal saß seine noch jugendliche Frau, das jüngste Kind auf dem Schooße, den Strickstrumpf in den fleißigen Händen. Rings um den Tisch saßen die älteren Kinder, mit ihren Aufgaben für die Schule beschäftigt. Es war ein Bild des Friedens und des häuslichen Glückes, das sich hier darbot, wiewohl die Familie in jüngster Zeit gar Schweres erduldet hatte. Allein das unerschütterliche Vertrauen auf Gott, den Allgütigen, hielt Herrn Erthal und seine fromme Gattin aufrecht und ließ sie mit ungebrochener Kraft allen Stürmen des Lebens entgcgentreten. Eine tiefe Stille herrschte in der behaglichen, wohldurchwärmten, von einigen Talglichtern erleuchteten Stube; da wurde an die Thüre geklopft und auf das einladende „ Herein!" trat ein Gerichtsbote in's Zimmer. „Schönen. guten Abend to Hope! *)" rief dieser, einen großen Brief mit rothem Amtssiegel in den Händen haltend. „„Guten Abend, Brinkmann,"" sagte Herr Erthal, „was bringen Sie Neues?"" „Nicht viel Gutes!" entgegnete der Angeredete, gab den Brief ab und entfernte sich wieder. Herr Erthal nahm die Scheere, die ihm seine älteste Tochter zuvorkommend reichte, schnitt mit zitternder Hand das Schreiben auf, blickte voll Angst binein, ließ die Hände finken und rief mit herzzerreißender Stimme: „daß Gott erbarm!" Die Frau hatte den Strickstrumpf fallen lassen und saß wie erstarrt da; das kleine Kind fing an zu weinen; die andern Kinder drängten sich voll Angst um den Vater. „Was ist?" fragte endlich Frau Erthal, während Thränen ihre Augen füllten« „„Fünfzehnhundert ThaterSttafe und drei Monat 1) plattdenisch: „zu Haufen,- d. h. dtisammen. Gefängniß,"" antwortete der Angeredete schluchzend. „„Der Schurke Zäpfer, Gott möge ihn verderben, hat falsch geschworen, und hier sendet mir das Gericht das Urtheil. Hole mir meinen Rock. Leah, ich will gleich zu meinem Advocaten gehen»"" Die Frau fing bei dieser schlimmen Nachricht an au weinen. Nichtsdestoweniger eilte sie hinaus, um den Rock ihres Mannes zu holen, den dieser mit dem Schlafrock vertauschte. „Was wirft Du beginnen, Moses?" ftagte sie. „„Ich weiß es nicht,"" antwortete er, „„ich will Dr. M. fragen, ob ich werde appelliren können."" Mit diesen Worten stürmte er hinaus in die trübe Winternacht, Frau und Kinder in banger Sorge zurücklassend. Nach einer halben Stunde kehrte er zurück. „Ich bin ruinirt," sagte er, „auf immer ruinitt. Der Adoocat hält eine Appellation für vollständig fruchtlos. Die Geldstrafe wird den letzten Rest meines Vermögens verschlingen. Die Gefängnißstrafe wird mir einen dauernden Makel anheften. Das Geschäft wird in der langen Zeit zu Grunde gehen, in der ich unthätig sein muß! Ach, Gott im Himmel, erbarme Dich, wenn auch nicht meiner, doch meines armen Weibes, meiner unschuldigen Kinder!" „ „Sei getrost, lieber Mann, Gott wird Dich und uns nicht verlassen; Er wird Dich und uns erretten aus der Hand unserer Verfolger!" " „Sein heiliger Wille geschehe! Ich bin ein sündiger Mensch und habe gewiß verdient, was Gott über mich verhängt; aber in dieser Sache bin ich so unschuldig wie die. kleine Minna auf Deinem Arme." „„Ich weiß es, geliebter Mann, ich weiß es, und eine innere Ahnung sagt mir, daß es nur eine Prüfung ist, dre Gott uns schickt, daß Du noch frei ausgchen wirst trotz des ungerechten Urthells, das man gegen Dich erlassen hat."" „O, daß Du wahr sprächest, theures Weib! Dieses ungerechte Urtheil bringt sonst Schande und Armuth über uns!" Du wirst begierig sein, lieber Leser, zu erfahren, welches schwere Verbrechen Moses Erthal begangen haben soll, daß so harte Strafe über ihn verhängt war worden. So w^sse denn, er war fälschlich angeklagt, Tuch zu einem Rocke verkauft zu haben, nicht etwa gestohlene Waare, sondern rechtlich erworbene. Wieso diese einfache Thatsache dem Juden zum Verbrechen gestempelt wurde, das sollst Du im nächsten Capitel erfahren. (Fortsetzung folgt,) Hierzu eine Beilage. Berantw^lick'? Nedaction. i‘r. Lehmann. -- '' erlag der Le Reux'sckrn Hofhuchbandlunsi. I. Gottsleben's Kuchdruckerei in Main?.

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