Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1872)
- Date
- 1872-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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-ns anb der Selbstthätigkeit der nunmehr mit genügender kritischer Befähigung ausgestatteten Hörer überlassen. Auch gut! Was sollte man aber zu einer Schule sagen, die das nioellirende Princip der „Gleichheit Aller" in dem Maße ausdehnt, gar keine „Classification" anzuerkennen! Was sollte man sagen, wenn junge Kinder, denen die ersten Rudimente auf talmudischem Gebiete noch nicht bekannt, mit Männern einen imb denselben Vortrag hören, welche nur deßhalo noch nicht als namhafte Rabbinen thätig, da sich ihnen bisher keine oder keine entsprechenden Posten dargeboten! Wir sind erklärte Feinde aller pedantischen Schulmeifterei, die etwa mit der Strenge egyptischer Priester einem Schüler die gelehrten Mysterien der vierten Classe vorenthalten, bevor derselbe einen Frachtbrief über die richtige Verladung der Lehrgegenstände der dritten Classe vorweisen kann. Doch mühte ich jenem Pädagogen allen und jeden didaktischen Sinn entschieden absprechcn, der ein gemischtes Auditorium hätte: bestehend aus Schülern der ersten Elemcntarclasse und Studenten, welche die Matoritätsprüfung bereits mit Erfolg bestanden. Nein! Auch in der Gelehrten - Republik darf die Demokratie nicht so weit getrieben werden; auch da müssen niedere und höhere Stände anerkannt werden, freilich nicht vermöge der Geburt, um so entschiedener aber kraft der Verschiedenheit der Geistesbildung, des Faffungs- und Urcheilsoermögens. Und dieser Uebelstand im Jeschibawesen tritt uns leider täglich in jenen zahlreichen Gestalten entgegen, die demselben zum Opfer gefallen. Sprechen wir diesen Moment doch deutlich und unverblümt aus. Die Häupter der Jefchiboth können bei ihrer „gemischten" Zuhörerschaft unmöglich auf jene ihrer Jünger genaue Rücksicht nehmen, die eigentlich noch so zu sagen einen „Anfangsunterricht" im Talmud bedürfen. Da sie selbst „lernen" und ihre zumeist recht scharfsinnigen „Chidusche Thora" Vorträgen wollen, haben sie hiebei eben vorzüglich nur jenen vorgeschrittenen Theil der Jeschiba im Auge, der zur geistigen Erfassung derartiger Vorträge denn auch genügend vorbereitet ist. Die noch schwachen Jünger gehen hiebei natürlich ganz leer aus, da für sie ein Vortrag, welcher eine umfassende Belesenheit im Talmud nebst einem gereiften, ja geschärften Urtheilsvermögen voraussetzt, nothwendig spurlos verhallen muh. Und welche Resultate fördert eine derartige unmethodische Methode zu Tage 2 Dieselben Resultate, die etwa ein weitgehender Unterricht in der Gymnastik bei jenen Kindern erzielen würoe, die nicht einmal im gewöhnlichen „Gehen" die gehörige Fertigkeit erlangt. Einige wenige unter denselben, mit einem besonders glücklichen Nervensysteme begabt, gedeihen vermöge dieser frühzeitigen körperl. Uebungen vortrefflich, während die übrigen, in überwiegender Mehrzahl, wenn ste eben nicht gänzlich zu Grunde gehen, doch wohl verstümmelt und verkrüppelt werden. Ganz so verhält es sich mit der auf talmudischem Gebiete, ohne Berücksichtigung der schwächeren Kinder, angestellten Geistesgymnastik. Wenige reichbegabte Naturen gewinnen durch dieses, gleichsam gewaltsames geistige Aufrutteln unendlich, während die Uebrigen zu jämmerlichen Geisteskrüppeln hinabsinken, da sie zur Erklimmung steiler Höhen genöthigt wurden, bevor sie noch ordentlich „gehen" gelernt. Deßhalb entbehrte die Judenheit nach altem Zuschnitte bisher einen „geistigen Mittelstand". Wir begegnen im Schoße unserer Glaubensbrüder einigen durch Tiefe des Geistes und Schärfe des Urtheils wahrhaft hervorragenden Persönlichkeiten; es find dieses eben diejenigen, deren Geiste der gymnastikartige Talmudunterricht unserer Jefchiboth in eminenter Werse zuträglich war. Ein anderer Theil besteht ans sogenannten „verschrobenen Köpfen".- Die Ignoranten sind diejenigen, welche den Jeschiba - Vortrag gar nicht verstanden — was für sie halbwegs noch ein Glück — oder einen solchen überhaupt nicht gehört. Die „verschrobenen Köpfe" leiden an nebelhaften Reminiscenzen aus den Jeschiba- Studierr, die sie aber nie klarerfaßt, und nur den Nutzen hatten, daß wenn gleich nicht immer deren Rücken, doch wohl der Geist derselben einen herzl. „Buckel" davongetragen. In Obigem ist die Mangelhaftigkeit des Tatmud- Unterrichtes an unseren Jefchiboth klar dargestellt. Wir sind nun daran, den zweiten Grundfehler erwähnter Institute zu veranschaulichen. Es genügt unstreitig heutzutage nicht mehr, wenn das religiöse Oberhaupt einer Gemeinde auf die an ihn gerichteten religiösen und rituellen Fragen gründlich Bescheid ertheiU. Ob dies früher den Gemeinden ja genügt, mögen wir diesmal nicht erörtern. Wir erachteten diese Genügsamkeit der Gemeinden hinsichtlich der Ansprüche an ihre Rabbinen nie als besondere Tugend. Wären die Männer, die an der Spitze der jüd.-religiösen Angelegenheit standen, zu jeder Zeit vollkommen befähigt, durch die „Kraft des Wortes" auf Gemüth und Herz ihrer Zuhörer bestimmend und bleibend einzuwirken — die Reform hätte gewiß nicht so im Sturmschritte ein weites Terrain erobern können, das nunmehr als „verloren" ausgegeben «erden muß. Allein die Rabbinen waren sich leider selbst dieses Theiles ihrer Aufgabe nicht bewußt; sie versenkten sich unablässig in die Tiefen des Talmuds, um stets in der Lage zu sein, die religiösen Fragen quellengemäß zu beantworten. Von dev großen Welt und deren buntem Getriebe abgeschnitten, vollständig isolirt überhörten sie den Flügelschlag der Zeit und merkten nicht, wie ein großer Theil der jüd. Bevölkerung von der unermüdlichen Reform auf Ab- und Umwege verleitet ward. Ach! sie merkten nicht, daß, während sie für „etwaige Fragen" die „Antworten" sich zurecht legten, diese den praktischen Werth zum