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Der Israelit · 1872-06-11 · Heft 24 (11.6.1872) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 24 (11.6.1872)
Date
1872-06-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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5 32 Doch ziehen wir vor Allem den ersten Punkt in Erwägung. Die Häupter und Leiter der Jeschiboth lehren bloß lernend. Ich verstehe hierunter den bedauerlichen Umstand, daß die ehrwürdigen Rabbinen, welche eine Jeschiba unterhalten, bei der Wahl des vorzutragenden Talmudabschnittes die praktischen Bedürfnisse ihrer Hörer, ja selbst deren Fassungsvermögen und Vorvereitungsstufe auch im Geringsten nicht berücksichtigen. In ihrem gewiß nur löbl. und preiswürdigen Streben, mindestens einmal im Leben „ganz Schaß" durchzulernen, ttagen sie ihren Jüngern jenen Traktat, resp. jenen Abschnitt vor, an dem sie in ihrem „Lernen" eben angelangt. So kam und kommt es häufig vor, daß ein Bachur nach einem 10—15jährigen Jeschibaleben in „Kodoschim" und „Taharoß" z B. recht gründlich Bescheid weiß, während er noch keine Gelegenheit hatte, in „Dine Schechitoß, Terefoß, Taruvoß, Mikwoh, Jschoß" u. s. w. sich ernstlich zu vertiefen. Ein ausgezeichneter und bewandetter Talmudift, dessen Geist durch das lebhafte und belebende Talmudstudium neue Schwingen gewonnen — mußte der arme Bachur behufs Erlangung einer „Hatarah" nunmehr erst recht zu den eigentlichen praktisch-rabbinischen Fachstudien greifen, die er als Hörer an einer rabbinischen Hochschule — wir wollen die Sache nicht beschönigen - geradezu als Autodidakt sich anzueignen angewiesen war. Solange in Israel im eigentlichsten Sinne „Thora lischmoh" gelernt wurde, war diese Art und Weise der Leitung einer Jeschiba eine recht angemessene. Schickte ja der ftomme Vater seinen Sohn nicht zu dem Zwecke auf eine Jeschiba, um daselbst etwa sich zum Rabbiner zu qualificiren. Nur ein Wunsch schwebte ihm vor Augen: sein Sohn möge „lernen" und ein großer „Talmid-Chacham" werden! Diesem frommen Wunsche entsprachen die Jeschiboth mit ihren bisherigen Einrichtungen denn auch vollkommen. Ja sie entsprachen demselben um so vollkommener, als eben das „lernende" Lehren, unseres Dafürhaltens, für den Talmudunterricht die erprobteste und bewährteste Methode in sich birgt. Der Rabbiner, der „Schaß" durchlernen wollte, ttug seinen Schülern einen Abschnitt vor, der bisher auch ihm selbst wenig geläufig war. Er „leinte" vorerst den „Schiur" in Gegenwart seiner Jeschiba, dann „lernte* er ihn, bis er das ganze, vielfach verwickelte Thema nach all seinen Ausläufen klar überblicken konnte. War er erst seines Gegenstandes Meister, dann begann er zu „lehren" und alle Bemerkungen und gelehrten Resultate zum Ausdrucke zu bringen, die er während des „Lernens" sich errungen. Diese Art des Dozirens mag wohl für den ersten Augenblick als eine höchst „eigenthümliche", „originelle" erscheinen, allein sie war und ist trotzdem dem schwierigen Talmudunterrichte vollkommen angemessen, vollkommen entsprechend. Das „Leinen", „ Lernen " und „ Lehren" bildete den wbvon üin, den sicheren Ariadnefaden, mit dessen Hilfe der Jünger in dem «eiten, unübersehbaren Labyrinthe des Talmudes sich allmählich zu orientiren vermochte. Er wurde in dieser Weise in jene Werkstätte eingeführt, wo es ihm gegönnt war, das Entstehen der wundervollen, staunenerregenden geistigen Gebilde gleichsam mit eigenen Augen zu schauen. Es war dies sonach eine Art „Anschauungsunterricht" in der Vollendung, wie sie unsere moderne Didaktik noch immer nicht erreicht. Und hierin unterschied sich der Unterricht eines „lernend" lehrenden Rabbiners von dem eures Professors, der mit dem fertigen, vollkommen geglätteten Vortrage vor seinen Schülern erscheint, in gar vortheilhafter Weise. Das Doziren, das Lehren, bleibt immerhin bloß eine Art Eintrichtern von außen, während das Lernen dem Geiste der Hörer jene Elasticität verleiht, die durchaus nöthig zur Erreichung jener Stufe, um dereinst selbstständig denken, selbstständig „lernen" zu können. Wie gesagt, so lange das Streben der Eltern ausschließlich in .dem gottgefälligen Wunsche culnrinirte, daß ihr Kind „lerne", ohne Rücksicht auf seine Zukunft, auf seinen dereinstigen Lebensberuf — da war diese Methode eine unstreitig vorzügliche, unübertreffliche. Anders leider heute. Da wird zugleich auf den „Tachliß", auf den „ Zweck " Rücksicht genommen. Der Vater ist orthodox, er ist frommer Jude; allein er lebt in einer Zeit, wo die Sorge um die Zukunft seines Kindes ihm als heilige Pflicht erscheinen muß, der er sich ungestraft nicht entziehen darf. Er denkt darüber nach, wie er seinem Sohne eine Carriere eröffnen könnte, die, wenngleich keine Aussichten auf eine goldene Ernte, demselben doch die Garantie böte, als strenger Jehudi leben zu können. Er entschließt sich für die — Rabbinercarriore. Ja, aber in den Jeschiboth nach altem Zuschnitte wird sein Sohn ein gründlicher Kenner des Talmuds, doch schwerlich die Rabbinerqualification erlangen, da er leicht eine lange Reihe von Jahren hindurch die verschiedenen Jeschiboth durchmachen kann, ohne von dem praktischrabbinischen Theile auch nur die kleinste Partie in sich ausgenommen zu haben. Aus Obigem erhellt, daß das Jeschibawesen bei seiner bisherigen Verfassung auch den Wünschen der Eltern nicht entspricht, die vielleicht eben in Folge dessen mit schwerem Herzen sich dazu entschließen, ihre Kinder anstatt in eine Jeschiba — in ein geregeltes Seminar zu schicken. Allein — wie gesagt — die bisherige Vortragsweise an den Jeschiboth krankt nicht bloß an dem gänzlichen Mangel einer nach System und Plan entworfenen Auswahl des Unterrichtsstoffes, mit gehöriger Berücksichtigung eines praktischen Lehrzieles. Das ließe sich doch endlich verschmerzen. Man könnte höchstens sagen: die Jeschiboth hätten bloß einen formalen Zweck; ihre Aufgabe bestehe bloß in der Entwicklung des Geistes, wahrend sie das Sammeln des praktischnothwendigen wissenschaftlichen Materials dem Fleiße

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