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Der Israelit · 1872-06-11 · Heft 24 (11.6.1872) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 24 (11.6.1872)
Date
1872-06-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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631 denen Winken seines Gottgeoffenbarten Gesetzes sein Staats- und Tempetwesen vergöttert und sich so den eigenen Untergang bereitet. Diese Vergötterung haben die Propheten längst vor der unabwendbaren Katastrophe erkannt und sie mit dem Aufgebot ihrer ganzen Autorität veruttheilt. „Als Israel seinen Schöpfer vergaß, baute es Tempel, undJehuda vergrößerte seinen festen Starrt, ich aber werde Feuer senden in seinen Staat und das wird auch seine Prachtbauten zerstören." So klagt Hoschea 8, 14. Und der mit Hoschea gleichzeitig lebende Jesaias, der mit seinem »kdd Q’D»n om die Schranken niederreißt, in welche eine thörichte Staatsweisheit Gott und Welt kerkern nröchte und dann fortfährt, den geift- und herzlosen Tempeldrenst zu geißeln, wie er an die Stelle wahrer Gottesverehrung trat, er hat es den ->21 d« on-in vorher gesagt, daß Staat und Tempel der Verwüstung anheimfallen mußten, damit der ungehört verhallenden Gottesstimme wieder ihr Recht -verde. tavio bip *vyo pfctv bip v-va cbtpo 'n (Jes. 66). Der mißachteten Gottesstimme aber ward ihr Recht. Sie hat Staat und Tempel überdauert, und feiert um so glänzender Triumphe, je feindlicher sich die Zeit ihr entgegenstemmt. Sie, die so oft belächelte, oft verhöhnte oder bemitleidete Erzieherin und Erlöserin der Menschheit, erblickt in jedem Hohn und jedem Spott, den, man ihr entgegenschleudert, einen neuen Sporn für ihr still aber rastlos arbeitendes Erlösungswerk, das so gewiß sein Ziel erreichen wird, als auf jede Nacht ein Morgen folgt. Wenn wir daher in wenigen Tagen zum dreitausend einhundert zweiundneunzigsten Male unserer geistigen Ahnmutter den Welteneid schwören, den alle jüdischen Seelen einst am Sinai gelobt, auszuharren mit ihr und mit Gut und Blut ihre Welten und Völker beglückende Mission zu fördern, dann sollten alle diejenigen, welche noch zu den 'n "Qi Pa D>“nn zählen möchten, sich bewußt werden, daß ihnen und ihrer Sache nicht nur die Zukunft, die vielleicht nicht allzuferne Zukunft, sondern auch die Gegenwart, die ftisch pulsirende Gegenwart gehört. Are Reorganisation des Ieschiöawesens. *) Wien, Ende Mai. In dem jüngsten meiner „Adreßlosen Wiener Briefe" habe ich mich gegen das Project der Kröirung *) Anm. der Red.: Wiewohl mit Manchem in dem vorliegenden Aufsatze nicht einverstanden, nehmen wir doch keinen Anstand, durch Abdruck desselben die Discussion über eine Frage )u eröffnen, welche das Judenthum so außerordentlich tangirt und die;u den wichtigsten gehört, die jemals erörtert wurden. eines „orthod. Rabbinerseminars" ausgesprochen. Ich motivirte meinen Standpunkt in dieser Frage mit der Behauptung: die orthod. Gemeinden forderten von deft Rabbinen durchaus nicht jenen Bildungsgang, der meinem Seminar, schon vermöge seiner Aufgabe und inneren Orgarrisation, nothwendig vorgezeichnet werden muß. Nicht archäologische und ähnliche, von rein wiffenschastlichem Gesichtspunkte gewiß schätzenswerthe Studien, fordern die otthod. Gemeinden von ihren religiösen Oberhäuptern, sondern tüchtige rabbinische Fachkenntniffe im Vereine mit jener Routine im Gedankenausdrucke, ditz allein geeignet, den Volksredner und Volkslebrer auf die Höhe feiner Mission zu stellen. Indem wir die Anforderungen der orthod. Gemeinden in obigem Satze präcisirten, glauben wir, der diesbezüglichen Ansicht der überwiegenden Majorität der orthod. Judenheit der Gegenwart treuen Ausdruck verliehen zu haben. Aus diesem Grunde ist es denn auch, daß ich nicht in der Errichtung eines orthod. Seminars, sondern in einer durchgreifenden Reorganisation unseres heutigen Jefchibawefens das geeignete Mittel erblicke, den verderblichen Einflüssen der reformistischen Fakultäten und Rabbinerseminäre, mindestens betreffs der wirklich orthod. Judenheit, in wirksamer Weise Einhalt thun zu können. Worin soll aber die „Reorganisation desJeschibawesens" bestehen, so diese altjüdische Jnstitutton den wohl modernen, doch religiös zulässigen, mithin vollkommen berechtigten Anforderungen der Gemeinden genügen sollte? Das bisherige Jeschibawesen hat unstreitig zwei Grundfehler, die seine Forteristenz in bedenklicher Weise bedrohen. Es sind dies zwei in die Augen springende Grundfehler, deren Beseitigung bisher gewiß nur deßhalb unterlassen wurde, weil man die theilweise gegründete Besorgniß hegte: auch das leiseste Rütteln an dem alten Gebäude könnte gewisse Männer ermuntern, den gänzlichen Einsturz deffelben zu bewirken und an deffen Stelle einen Neubau auszuführen, in dem das wahre Judenthum nichts weniger denn ein sicheres Asyl fände. Mit anderen Worten, man fürchtete eben: aus der versuchten Reorganisation des Jefchibawefens möchte sich alsbald ein „Seminar" entpuppen mit all dem bedenklichen unjüdischen Apparate, mit all der gegen den Fortbestand des wahren Judenthums gerichteten Zerstörungs- Maschinerie. Die berührten zwei Grundfehler bestehen in folgenden Fakten: Erstens. Die Häupter und Leiter der Jefchiboth „lehren" eigentlich blos „lernend". Zweitens. Es wird den Talmudjüngern durchaus keine Gelegenheit geboten, außer einem unstreitig reichen Ausmaße talmudischen Wissens auch jene Qualificatiou sich anzueignen, welche den Rabbinen nicht bloß zum „Moreh-Haraah", sondern auch zuni „Volkslehrer" auf der Kanzel befähigt.

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