Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-06-05 · Heft 23 (5.6.1872) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 23 (5.6.1872)
Date
1872-06-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447574--10554-2466298
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

LI1I. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 23 des Israelit. Leitender Artikel. Einige Worte üöer die Mchstentieöe im IrrdentHurn Es ist bekannt, daß von christlicher Seite, besonders von christlichen Gelehrten, dem mosaischen Gesetze stets der Vorwurf entgegengeschleudert wird, es lehre nicht nur nicht die Liebe zu Nichtjuden, sondern predige vielmehr den Haß gegen dieselben. Es ist das, wie gesagt, schon so oft geschehen und ebenso oft gründlich widerlegt worden, daß wir so ziemlich kaltblütig dabei bleiben, wenn doch immer wieder hie und da dieselbe Behauptung aufgestellt wird. Wir sind daran gewöhnt, solche harte Beschuldigungen zu hören, wenn wir sie auch oft nicht begreifen. Daß aber das Judenthum den Beruf hatte, den Haß gegen alles leichtjüdische zu heiligen, das haben'wir zy unserer Verwunderung zufällig aus einem vor einigen Jahren erst erschienenen Werke des Prof. Ur. Haneberg in München erfahren, ja zu unserer höchsten Verwunderung haben wir das erfahren, da wir jenen Herrn häufig als tüchtigen Kenner des Judenthums, der sogar in talmudischen Schriften bewandert sein soll, und als edlen Menschen, der sich der Juden öfters schon in Schriften angenommen, rühmen hörten. Wir sind erstaunt', wie wir das Gehörte in Einklang bringen sollen mit dem uns vorliegenden Werke. Allein das gehört nicht zur Sache, weßhalb wir seinen Beweis, den er als Gelehrter der gelehrten Welt gegenüber anführt, etwas näher beleuchten. Denn als gläubigem Christen, wie es der Herr Professor ist, könnten wir ihm einfach entgegenhalten, oaß ja der Stifter der christlichen Religion ausdrücklich betonte, er komme nicht, die Lehre umzustoßen. Nach des Herrn Professors Beweis aber hätte ein sehr großer und wichtiger Theil geändert werden müssen. Aber als Talmudkenner wollen wir ihm doch einige Stellen anführen, die das Gegentheil von seiner Behauptung sagen: so eine Mischna in Gittin DpvI noy ”jy -p:: pnco p« i_p rpnnoi, rwsDi nnDtp worin sogar der Heide einen Vorzug vor dem armen Israeliten hat. Ferner Gittin 60: "jy Dy D’u ”jy d’djisd 2-'^ >no "ninpi D’u oin ünp^oi „nichtjüdische «tme müssen gleich den jüdischen unterstützt werden, ihre Kranken besucht, ihre Todten begraben werden." Ferner Cholin 94 rvon nyn tv 'nyt r^E\v- „man darf Niemanden, selbst nicht den Heiden täuschen." Das sind talmudische Vorschriften, die ihre Grundlage in der Bibel haben, und zwar in dem Verse "pdd iyr? nansr. Und gerade auf diesen Vers stützt sich Herr Prof. H. und sagt: „Welcher Kenner des Alterthums kann für wahrscheinlich halten, daß y-> amicus und r.’cy socius auf einen Heiden anwendbar sei." Also nach H. und den meisten ihm gleichgesinnten christlichen Gelehrten wären alle jene ' Stellen, wo yn oder r*cy vorkommt, nur auf Juden anwendbar und würden stillschweigend alles das gegen Nichtjuden erlauben, was gegen Juden untersagt wird. So z. B. Nbi .irron urojsn nS lrvcya trw nrtrn „Ihr sollt nicht stehlen, nicht ableugnen und nicht belügen einer den andern", würde zum Diebstahl und zur Lüge gegen den Nichtjuden ansfordern, und so hundert andere Stellen. Welcher Vernünftige wird das heute noch glauben? Daß aber yn auch auf Heiden Anwendung hat, das beweist unwiderleglich II. B. M. 11, 2. nnyi pnd ntcwi iny~i tnd etn wo sich yn doch sicherlich auf die Egypter bezieht. Wenn nun einmal yn auch ans die Heiden angewendet wird, so kann man doch wahrlich nicht ausschließlich Juden darunter begreifen. Und selbst wenn diese Stelle nicht da wäre, so ist es doch immerhin etwas schwache Logik, zu sagen, weil Stehlen dem Bruder gegenüber verboten ist, so läge hierin eine Aufforderung zum Diebstahl an Nichtjuden! Und das will ja Herr H. wohl sagen mit seiner Behauptung , das Judenthum heilige den Haß gegen Nichtjuden! Welche absurde Behauptung! Kein Volk hat mehr Unbilden, Unrecht und Kränkungen erduldet, als das jüdische, und kein Volk hat leichter vergessen und verziehen, sobald man ihm freundlich und liebevoll begegnete, als gerade das jüdische. Die jüdische Wohlthätigkeit gegen Juden und Nichtjuden ist so anerkannt, daß wir getrost an das Urtheil der ganzen Welt appelliren dürfen. Und das sollte Haß sein? Wir glauben, der ist aus anderem Stoffe. Nein, geehrter Herr Professor, Sie verstehen nicht, was "pos iyn nanw heißt, ich will es Ihnen sagen: „liebe Deinen Nebenmenschen*) wie Dich selbst", so ist er von allen Juden, zu allen Zeiten aufgefaßt worden. *) Anm. der Red.: Wenn sich das Gebot nur auf Juden beziehen sollte, so müßte es vnfrh heißen. Vergleiche V. B. M. Cap. 15, 3; das. «ap. 23, B. 20 u. 21.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.