Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1872)
- Date
- 1872-06-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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TrW^UWYSWW»" 512 zige in der Welt, die er wahrhaft liebte! Wie vereinsamt würde er feinj, wenn Gitel von ihm genommen würde! Was würde da all der Reich- Ihum dem einsamen, alten Manne nützen? Nach einigen Tagen trat eine Krise ein. Der r 'sor erklärte, eine Operation sei nothwendig, eine Operation aus Leben und Tod. Nachmittag wollte er wiederkommen, um die Operation vorzunehmen. Simon war außer sich; er ließ „Tilim sagen", in der Synagoge, er ließ zweihundert Thaler an Arme vertheilen. Nachmittags kam der Professor und legte seine Messer und Instrumente zurecht. Simon graute es oeim Anblicke derselben. Da rief ihm sein Gewissen zu: „Es ist eine versündete Sach', Simon, Du hast kein Maaßer gegeben; Du wirst jetzt bestraft in der Einzigen, die Du liebst auf Erden!" Da faßte er einen raschen Entschluß. „Herr Professor", rief er, „warten Sie einen Augenblick «och mit der Operation; ich komme gleich wieder herein." Und ohne eine Antwort abzuwarten, lief er in das Nebenzimmer, sein Schlafzimmer, wo sein eiserner Geldschrank stand, öffnete ihn mit zitternder Hand, nahm Papiere heraus, schätzte ihren Werth, fing an zu rechnen und zu zählen, bis er zwanzigtausend Thaler beisammen hatte Der Professor war unterdeß ungeduldig geworden; er öffnete die Thüre und sah den sonderbaren Bruder über einen Haufen Papiere gebückt, rechnend, zählend, in diesem Augenblicke, da das Leben seiner einzigen Schwester in Gefahr schwebte, für die er doch so viel Theilnahme zu haben schien. „Herr Levi", rief der Professor, „ich kann nicht länger warten, zumal Sie so wichtige Geschäfte zu haben scheinen." „Wichtige Geschäfte? Jawohl wichtig, wichtiger als Sie glauben. Doch jetzt komme ich." Er wickelte die Werthpapiere, die er ausgelesen hatte, in einen großen Zeitungsbogen und schloß feinen Geldschrank wieder ab. Dann ging er hinein und sagte zu seiner Schwester: „Gitelchen, mein Herz-Leben, laß ihn jetzt anfangen, in Gottes, des Allmächtigen, großem Namen! Ich sage Dir, Du wirst gesund." „„Wie kannst Du das so sicher sagen?"" „Mordche soll nicht falliren, er soll die zwanzigtausend Thaler haben." „Gott segne Dich, Du guter Bruder!"" V. (Schluß.) Die Operation ging glücklich vorüber und . Gitelchen genas allmählich. Noch an demselben j Tage, an welchem Simon das Maaßer „abgeschiej den" hatte, brachte er das Geld dem nicht wenig j erstaunten Bruder, der nun allen seinen Verbindlichkeiten Nachkommen konnte. Auch ihm lächelte jetzt das Glück wieder, und er wurde wohlhabender als je zuvor. Unter diesen Umständen brauchte die Hochzeit von Friedrich Levi und Friederike Jakobsohn nicht länger hinausgeschoben zu werden. Simon war glücklich und heiter. Nicht allein die Schwester war ihm zurückgegeben worden, auch die Gemüthsruhe, der innere Friede. Er hatte seinen Geiz überwunden, all die niedern Gedanken der Rache und Vergeltung pegen den Bruder aufgegeben; er hatte als ein liebevoller Bruder, als ein frommer Jehudi gehandelt. Er ward munter und scherzhaft, sanft und wohlthätig; denn sein Einkommen wuchs in Folge guter Geschäfte, und erhalte somit viel Maaßer zu vertheilen, was er denn auch gewissenhaft that. Friedrichs Hochzeit wurde glanzvoll gefeiert. Als nun die Trauung vorüber und all die Gäste, Freunde, Verwandte, das Brautpaar und Schwester Gitel schön geputzt und feierlich an der Tafel saßen, da dachte Simon: „das ist mein Werk. Gelobt sei Gott, der mich im rechten Augenblicke erleuchtet hat, daß ich meine Pflicht erfüllt und Maaßer gegeben! Gelobt sei Gott! Wunderbar und gut sind Seine Wege! Wie unglücklich würde ich mich fühlen, wenn er nicht mein Herz erweicht, und ich den Mordche zum Aeußersten hätte kommen lassen! Und was hätte ich davon,.wenn ich zwanzig« taufend Thaler mehr liegen hätte, die nicht einmal mein wären? Nochmals, gelobt sei Gott und gepriesen sein heiliger Name!" Man aß und trank, und der Wein löste die Zungen. Als nun einer der jüngeren Gäste sich erhob, um einen Toast auf das Brautpaar auszubringen, da winkte ihm der Vater des Bräutigams zu schweigen. Martin Levi erhob sich dann und sprach mit lauter Stimme: „Ein Toast geht vor allen andern vor. Mein Bruder Simon zuerst! Daß wir heute so fröhlich beisammen sind, das schöne Fest zu feiern, das ist sein Werk. Meiner Kinder Kinder sollen seinen Namen segnen. Mein Bruder Simon lebe hoch!" Und: „hoch, hoch", tönte es aus allen Kehlen. Simon aber umarmte den Bruder und die Schwester und den Bräutigam, und sie weinten vor Freude. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Nedaction: l)r. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Goltsleben's Buchdruckerei in Main,.