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Der Israelit · 1872-06-05 · Heft 23 (5.6.1872) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 23 (5.6.1872)
Date
1872-06-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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I t « i II ( i o i. Maaßer. (Nach dem Dänischen des M. Goldschmidt.) III. Simon Levi war allmählich in den Besitz des ganzen Geldes gekommen, das die Summe von zweimalhunderttausend Thaler noch um mehrere Tausend überstieg; er hatte sich eine schöne Wohnung gemiethet und sie comfortabel eingerichtet; auch mit schönen Kleidern hatte er sich und seine Schwester versehen. Er gab auch den Armen und wohlrhätigen Stiftungen, wie er es sich vorgenommen; als er zur Thora gerufen wurde, spendete er 500 Thaler für das neue Krankenhaus, und so waren die zweitausend Thaler, die tausend an seinen Bruder mitgerechnet, bald ansgegeben. Aber er hatte auch unterdeß gute Geschäfte mit seinem Gelde gemacht, hatte Staatspapiere billig eingekauft und zu höheren Coursen wieder abgegeben, jo daß seine Schuld an den lieben Gott genau wieder 20,000 Thaler Maaßer betrug. Die fortzugeben, konnte er sich nicht entschließen. Umsonst waren Gitels Bitten für Bruder Mordche; er wollte nichts davon hören. Unterdeß hatte auch Simon manches Bittere zu erdulden; aus seiner bisherigen Sphäre so plötzlich herausgerückt, wollte es ihm doch nicht gelingen, den Kozin *) zu spielen; er blieb immer uno immer der kleine Commissionär ohne Bildung und Einfluß. Und nun war Simon plötzlich ehrgeizig geworden; er wollte sich Hervorthun, wollte glänzen, wollte absolut den Rang einnebmen, den ihm seine zweimal Mealophim von Rechtswegen hätten gewähren sollen. Er wollte auch eine Einladung geben, wie andere Kezinim. Er lud dann auch zu einem zweiten Frühstück am Sabbatmorgen einige reiche Leute ein, und um nicht stolz zu erscheinen, auch Leute aus seiner alten Bekanntschaft. Das Mahl nahm anfangs einen sehr gezwungenen Verlauf: die einzelnen Elemente der so zusammengewnrfelten Gesellschaft waren in zu verschiedenen Kreisen heimisch, als daß eine gemüthliche Unterhültnug sovald Härte aufkommen können. Allein Juden haben doch immer etwas Gemeinsames. Man sprach über die Sidra, die Haphtara, über den Cantor, den Rabbiner, über Gemeindeangelegenheiten, Stiftungen, über Persien und Rumämen, über Cremieux und Montefiore; man erzählte änecdoten und Witze; man ließ sich die Speisen und Getränke schmecken, und Alles schien gut z» gehen. Da wurde unter Anderm eine Geschichte von einem Emporkömmling erzählt, der mit seinem Reichthum überall prahlte, herausforderte, intriguirte, sich wichtig machte, bis er endlich gedehmüthigt wurde. Einer der Angesehendsten der Gesellschaft bemerkte dazu: „Geschieht ihm Recht; solche Chutzpo?) muß bestraft werden. Man darf nicht mit seinem Gelde prahlen. Geld ist viel, Geld ist aoer nicht Alles. Es gehört mehr dazu, sich als echter Kozin zu benehmen, als nur Geld zu haben." Der gute Mann hatte bei diesen Worten nicht im Entferntesten an seinen Wirth gedacht; dieser aber bezog die Aeußerung auf sich und wurde feuerroth; seine Verlegenheit wurde bemerkt, und betreten schwieg Alles; Simon hätte in die Erde sinken mögen vor Scham. Er veranstaltete keine Einladungen wieder. Unterdeß waren Mordche's Verlegenheiten immer größer geworden; er stand am Rande des Abgrunds. Schon hatte der alte Jacobsohn Wind davon bekommen und hatte gedroht, die Partie „wieder abgehen" zu lassen. Roch einmal ging der sonst so stolze Mann zu seinem Bruder und bat und flehte. Simon blieb unerbittlich. „Fallire," sagte er, „nachher will ich Dir helfen." „Das heißt," rief der Bruder, „Du willst Rachmones^) haben und uns Almosen geben! Ich soll zu Dir kommen, um Wochengeld von dem Maaßer zu kriegen, das Du geben solltest! Das werde ich nicht thun, Simon. Lieber werde ich Alles verkaufen; mein Silber und die Kissen von meinem Bett. Lieber werde ich mit Frau und Kindern betteln gehen. Du wendest Dich ab von mir, Gott wird helfen!" Mit diesen Worten ging er zur Thüre hinaus; Simon trat der kalte Schweiß auf die Stirne, als sein Bruder so davon ging. Die Mahnung an das Maaßer hatte ihn getroffen. Wenn er auch der brüderlichen Liebe sich zu verschließen ein Recht zu haben vermeinte, durfte er sich auch der religiösen Pflicht entziehen? Gitel, die schon eine Zeit lang gekränkelt hatte, wurde ernstlich krank. Simon sparte nichts; die beste Wartefrau wurde gedungen, die kranke Schwester zu pflegen. Der rennomirteste Arzt, ein Professor an der Universität, wurde herbeigerufen. Er erklärte Gitel's Zustand für nicht unbedenklich. Simon war sehr ängstlich. War doch Gitel die ein- 1) Angesehener, reicher Mann. 2) Anmaßung. 3) Mitleid.

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