Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-05-29 · Heft 22 (29.5.1872) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 22 (29.5.1872)
Date
1872-05-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447573--10538-2466281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

498 tettöen Aeußerung bedürfe, um sie zu beleidigen. Es ist wahr, der Jude ist leicht beleidigt, und es ist vielleicht oft eine harmlose Aeußerung, die ihn verletzt, doch hat die lange Leidenszeit ihn auch wohl, und wahrlich nicht ohne Grund, mit der Befürchtung erfüllt, daß eme anscheinend harmlose Aeußerung über eine seiner Eigenthümlichkeiten mehr verbirgt als sie offen ausdrückt. Wie er aber einerseits empfindlich ist gegen Spott, und sei es auch ein nur leiser, so ist er aber auch dankbar gegen die geringste Smnpawie, die man ihm entgegenbringt, gegen die kleinste Anerkennung, die man seinem Streben nach dem Wahren und Guten zollt. Man hat es oft als Eitelkeit ausgclegt, wenn man sich der Zustimmung zu den Bestrebungen der Juden seitens Andersgläubiger erfreut und eine lobende Anerkennung unserer christlichen Mitbürger weiteren Kreisen zugänglich gemacht hat. Doch es ist dies vielmehr einmal ein Act der Dankbarkeit, wenn man auf das Urtheil edler Menschen Gewicht legt und sich freut, daß man ihre Zuneigung erworben yat, andererseits ist das alte Vorurtheil gegen Juden, das in ihnen nur Schacherer, Geldmenschen u. s. w. erblickt, noch immer nicht vollständig geschwunden, als daß es unnöthig wäre, diejenigen zu regiftriren, die sich diesem Vorurtheile entschlagen und dazu beitragen, dasselbe in der Welt zu tilgen. Nun können wir allerdings mit Genugthmmg sagen , daß das Vorurtheil gegen die Juden abnimmt, daß man das sittliche Streben der Juden nach den edlen und höheren Gütern der Menschheit anzuerkennen sich anschickt, desto mehr mufe man erstaunen, daß jetzt ein Jude das Geschäft der früheren Judenfeinde übernommen hat und seinen Glaubensgenossen das streitig macht, was man chriftlicherseits, wenigstens in den gebildeten und vorurtheilslosen Kreisen, den Juden zuerkennt: den Trieb nach Bildung. Mit einem Aufwande von Sophismus, der einem Gorgias Ehre gemacht hätte, streitet Bernstein, der Alles in Allem sein möchte, seinen, wenn auch nur der Geburt nach, Glaubensgenossen den Bildungstcieb ab, trotz den unerbittlichen Zahlen der Statistik, die gerade das Gegentheil beweisen. Wir haben gelegentlich der Besprechung eines Werkes vonDittes in einer der früheren Nummern dieser Blätter das hervorgehoben, was dieser, ein gewiegter Fachmann und eine anerkannte Autorität, über die Juden sagt und gezeigt, mit welcher Begeisterung er über die Bestrebungen der Juden, von Alters her bis heute den Unterricht zu fördern, spricht. Heute sind wir im Stande, eine andere Autorität anzuführen, die hundert Bernstein aufwiegt, einen Fröbel. In dem zweiten Hefte der „Rheinischen Blätter" von diesem Jahre veröffentlicht Wichard Lange einige bisher ungedruckte Briefe des großen Pädagogen Fröbel. Im Jahre 1839 hatte der Schulrath der „israel. Bürgerschule" in Frankfurt a. M. die Fröbel'schen Grundsätze an der genannten Schule zur praktischen Geltung gebracht, in Folge dessen Fröbel unter Anderem an diesen Schutrath schreibt: „Ich verhehle es Ihnen nicht, wie es mir große Freude macht, daß eine mir vor Ausführung Ihrer Kinder-Pflege und Spiel-Anstalt ausgesprochene Ueberzeugung: „„daß sich in Ihrer Glaubensgenossenschaft und Gemeinsamheit eine große Empfänglichkeit für das menschheitlich Bessere und Beste befinde, wenn es derselben nur auf eine praktisch einsichtige Weise! nahe gebracht werde,"" — bestätigt hat. Darum haben j Sie sich dadurch, daß Sie nicht nur einen rein allgej mein menschlichen Gedanken, sondern auch einen Gedänj ken, welcher das äußere wie das innere Lebensglück eines! Rauschen in wirren ersten Bedingungerr früh im Kinde | keimen macht und begründet — zuer st zu einer allgemeinen Ausführung und Anwendung brachten, ein hohes! menschheitliches Verdienst erworben, welches Ihnen nun,! indem es als Thatsache einmal dasteht, Niemand vcri kürzen kann; und ich hoffe. Sie werden sich dasselbe in aller Reinheit zu erhalten wissen und dafür sorgen, daß es die edelsten Früchte trage. Ich wünsche, daß Sie Sich dadurch den Dank der Nachwelt erringen, und dies nach dein oberr erwähnten Worte aus Ihrer Mitte, wenn Sie die Empfänglichkeit Ihrer Glaubensgenossenschaft für das Bessere treu pflegen." Dieses Urtheil Fröbels, das vor schon 33 Jahren von ihm über den Bildungstrieb der Juden gefällt wurde, fällt gewichtiger in die Wagschale als alle Sophismen Bernsteins, durch welche den Juden eine Tugend abgesprochen werden soll, auf welche sie mit Recht stolz sind. Wir können nicht umhin, hier noch ein Citat anzuführen, das von den Verdiensten spricht, die sich gerade die Juden um die Verbreitung der Wissenschaft erworben haben. In einer Abhandlung „Ritter Karl v. Linne" bespricht der Naturforscher M. I. Schleiden den Stand der Universitäten und Bildungsanstalten zu Ende des Mittelalters und sagt unter Änderm Folgendes: „Es ist eine wunderbare Erscheinung, daß dasselbe Judenthum, von einem verwandten semitischen Stamme, den Arabern, in Spanien geschützt, auch die Erlöfimg der Menschheit von der geistigen Nacht des Mittelalters einleitete. Die sogenannte Zeit des Wiedererwachens der Wissenschaften im Mittelalter beginnt mit der erneuerten Erkenntniß der griechischen Literatur, welche die Araber von Spanien ails verbreiteten. Aber die eigentlichen Träger dieses neuen Lebens waren die spanischen Juden, in deren Schulen ernste Philosophie, rerche Sprachkenntnisse und ein für jene Zeit großes Wissen in der Naturerkenntniß, besonders der Chemie und Medicin, herrschte, und welche zuerst die griechischen Geistesheroen, zumal den Hypokrates und Aristoteles, ins Arabische und aus dem Arabischen ins Lateinische übertrugen und so der Welt, die die Griechen selbst längst vergessen hatte, wieder zugänglich machten." (Westerm. Monatsh. Juni 1871, S. 284.) Wer wollte nun noch einem Volke,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.