Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1872)
- Date
- 1872-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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487 Ich kann den ganzen Umfang des Unglücks noch nicht ermessen; es ist möglich, daß sie mich mit Hineinreißen und daß auch ich gezwungen sein werde, meine Zahlungen einzustellen." Frau Levi war schneeweiß geworden, als ihr Mann so sprach; jetzt fing sie heftig an zu weinen. „Verliere den Muth nicht, lieber Vater," sagte Friedrich, „es wird sich noch Alles arrangiren lassen. Mit wie viel sind wir bei diesem Falissement betheiligt?" „„Mit zwanzigtausend Thalern."" „Und wird die ganze Summe verloren fein?" „ „Das weiß ich noch nicht. Wenn Schmidt und Compagnie nur 50 Procent zahlen, so könnten wir vielleicht den Verlust verschmerzen; wenn aber gar nichts für die Gläubiger hcrauKömmt, so bin ich ein geschlagener Mann. Ach, mein Sohn, es trifft mich namentlich Deinetwegen so schwer. Du bist ein so glücklicher Bräutigam; aber wie ich den alten Jacobsohn kenne, so wird er, wenn Charpeß *), herauskommen, nichts mehr von Dir wissen wollen."" „Meine Friederike bleibt mir treu!" „„Was kann Dir ihre Treue nützen, wenn ihr Vater die Heirath verbietet? Als Ehrenmann mußt Du ihr unter den veränderten Verhältnissen ihr Wort zurückgeben." " Das waren trübe Aussichten, die sich dem jungen Manne erössneten; jetzt traten auch ihm die Thräncn in die Augen.' „Nun, weine nicht," sagte sein Vater beschwich igend, „wir halten noch nicht Mathae',' am letzten, wie inan zu sagen Pflegt. Meine Verbindlichkeiten sind nicht sofort zu lösen; die Entscheidung kann sich noch Atonale hinausziehen, bis dahin kann der liebe Gott noch gar Vieles eintreten lassen, was der Angelegenheit eine andere Wendung zu geben vermag. Laßt uns jetzt zu Bette gehen; ich bin müde und abgespannt. Gottes Hilst kommt manchmal über Nacht." In dieser Sabbat - Nacht kam kein Schlaf in die Augen der beiden Brüder Leoi. Mordche - Martin sah das drohende Gespenst der Armuth und der Schande an seiner Schwelle lauern, und der Gedanke daran verscheuchte ihm den süßen Schlummer. An ^imon's T'üw hatte ganz unerwartet der Reichthum, und mit Ehre, Macht, Ansehen, Einfluß gepocht. Prächtige Wilder umgaukelten ihn, die aber immer wieder von per Furcht verscheucht wurden, es möchte das Ganze als eus Phantasie-Gebilde zerfließen. Wenn nun der Mimnerialrath, der ihm die Lichter geputzt und nach dem ^en gesehen, sich einen Scherz mit ihm gemacht hat! p-e'chNarrenspossen, woher soll dieser Ministerialrath don Phillpots und den Beziehungen wissen, in denen Simon zu ihm vor 32 Jahren gestanden? Aber vorausgesetzt, der Ministerialrath habe nicht gescherzt, wer sagt denn, daß die Geschichte dennoch so wahr ist? Buenos Ayres ist gar weit entfernt, wer weitz, was daran ist? Aber der Consul hat doch an das Ministerium des Auswärtigen geschrieben! Etwas Wahres muß doch wohl daran sein! „Nun," beruhigt sich Simon, „ich werde ja morgen Alles genau und ausführlich erfahren. Aber, morgen ist Schabboß, darf ich am Schabboß mich nach geschäftlichen Dingen erkundigen? Doch das sind ja keine Geschäfte, es ist eine bloße Erkundigung. Ich werde den Rabbiner tragen, ob ich darf. Allein, wenn sie dann im Ministerium sagen, lau hojo welau niwro, ist gar kein Wort Wahres daran, so ist mir mein Schabboß verstört. Doch, wenn ich nicht gehe, so muß ich bis Montag warten, denn Sonntag finde ich Niemanden im Ministerium. Nun, ich werde bis Montag warten." Unter solchen Selbstgesprächelt, Ausmalungen aller Möglichkeiten, Bildern des Glücks, des Reichthums, der Ehren und andrerseits der Enttäuschung, wenn das Alles in Nebel zerfließen sollte, verging die lange Wintericacht. Als Simon am Morgen in die Synagoge kam und unbeachtet wie immer feinen Platz im Hintergründe derselben einnahm, hatte er ein eigenthümliches Gefühl. Was würden die Leute fageil, wenn sie wüßten, was er weiß! Wie würde da der kleine, bucklige Commisfionär die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen! Man baute gerade ein neues Krankenhaus in der Gemeinde und die zur Thora Gerufenen gelobten größere und kleinere Summen für diesen Zweck; ein reicher Manu spendete 18 Species-Thaler, ein anderer 10, ein dritter 5 Thaler. In Simon zuckte es; er wollte den Schammeß2) beauftragen, ihn auirufen zu lassen; dann wollte er 500 Thaler geloben. Hei, würden. da die Leute gucken! Er rhat es aber nicht. „Narrenspossen!" sagte er, „ein Narr gibt, ehe er selbst was hat. Warten wir, bis ih das Geld habe." Der Gottesdienst war zu Ende; Simon ging nach Hause, um zu Mittag zu enen. Donst pflegren ihm „Kugel und Bohnen" und ein Gläschen echten Nordhäuser Kornbranntweins köstlich zu schmecken. Heute konnte er nicht viel essen und trinken. Trotzdem er sich wie gerädert vorkam, schlief er doch Nachmittags nicht. wie sonst wohl seine Gewohnheit war. Er streifte vielmehr in dcr Nähe des Ministeriums des Auswärtigen umher, war zehnmal im Begriff hineinzugehen und ging doch nicht hinein. Endlich kam der ersehnte Monrag heran, und an ihm erh ell Simon die volle Bestätigung dessen, was Graf Paalsen ihm mitgetheilt hatte. Dann schaffte er die nöthigen Papwre und Vollmachten 1) Schande. 2) Svnagügen-Diener.