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Der Israelit · 1872-05-29 · Heft 22 (29.5.1872) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 22 (29.5.1872)
Date
1872-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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484 ten die magnetische Anziehungskraft reformistischer Lehren nicht durch das kräftige Gegengewicht einer gründlichen Vorbildung d. h. eines freien wissenschaftlichen Urtheils paralysirt wird. Gleichviel aber, ob Sie in dieser Frage mit uns einverstanden sind oder nicht; was ist naturgemäßer und methodischer, daß unsere angehenden Rabbiner sich während ihrer Universitätszeit mit der Geschichte der Perser, Griechen und Römer oder mit der Geschichte ihres eigenen, des jüdischen Volkes beschäftigend Was ist zweckmäßiger und ersprießlicher, daß sie die Philosophie des Aristoteles und Kant oder die des Saadia und Maimonides kennen lernen? Dabei läßt cs sich sehr wohl einrichten, daß eine solche Anstalt nicht zu einem Tummelplatz für historische und religionsphilosophische Notizenkrämerei wird, uud es ist für die Sachkundigen überflüssig hinzuzufügen, daß z. B. Rambam sich schon mit beiden Wissenschaften (vergl. mo'P no-ipn a’jni und non: mir:) beschäftigte, ohne sich gerade der „Breslauer hohlen historischen Phrasenmacherei ebenbürtig zu zeigen". Wenn Sie trotz alledem dagegen eifern, daß solche Studien „zum Berufe eines Rabbiners gemacht werden", wenn Sie in diesem heiligen Eifer eine Lanze dafür einlegen, daß auch die -pn Exegese, die zwar zum Paßkenen nicht verwendbar ist, aber doch von unseren Alten immer hochgehalten wurde, ohne daß sie deßwegen von der Veritas des „Dünkels und Schwindels und der selbsttäuschenden Eitelkeit" geziehen wurden, „möglichst gefördert," aber nicht in einer Anstalt gelehrt werden solle, während Sic vorher selbst zugegeben, daß die nothwendigen wissenschaftlichen Kenntnisse eines Rabbiners „weit besser an einer Anstalt als in autodidaktischer Weise zu erlangen" seien, so ist das doch sehr-kurzsichtig. Und wenn Sie selbst die „Creirung eines Rabbinerseminars" für wünschenswerth halten, wo die Hörer mit „allgemeiner wissenschaftlicher Bildung" versorgt werden, dagegen nimmermehr die Hand dazu bieten, „traurige Zustände durch Gründung einer Anstalt zu sanctioniren," wo neben ausreichenden talmudischen Kenntnissen speciell jüdisch wissenschaftliche Bildung verbreitet wird, als ob gerade das jüdische Element in der wissenschaftlichen Bildung ein Gifthauch für jüdische Herzen sei, ist das nicht sehr — kurzsichtig? Doch da Sie sicherlich Ihre Ansichten äußern, so muß man Ihnen Manches Nachsehen, so z B. auch, daß, obgleich Sie und Ihre Gesinnungsgenossen in dieser Frage sich „frei von jeglichem Dünkel und selbsttäuschender Eitelkeit" wissen, Sie in Ihrer Dcmuth nicht müde werden, das Monopol der „wahrhaften Orthodoxie" und für die alleinige „Echtheit" Ihrer „kerngesunden" Strenggläubigkeit für sich allein in Anspruch zu nehmen. Wenoen wir uns zu dem Project, welches der gesch Mitarbeiter aus Wien, Herr 1'n. Wiener, nämlich eine Erweiterung des Jeschiwowesens, vorschlug, so glauben wir darin zu unserer Freude eine ähnliche Tendemz wie die unserige erblicken zu dürfen; die Differenz unserer Vorschläge hat nach unserem Dafürhalten ihren tieferen Grund in der Verschiedenheit der Verhältnisse, und der wissenschaftlichen Anforderungen, welche von den österreichischen und andererseits von den deutschen Gemeinden an ihre Rabbiner gestellt werden. Demnach wäre nach wie vor das „Resumo unsere» Raisonnements" Folgendes: Wir müssen ein Rabbinerseminar haben, welches erstens den talmudischen Bildungsgang der Studirenden völlig ausreichend leitet und regelt , welches nicht allein eine genügende Anzahl don ony/zr seinen Hörern bietet, sondern auch deren häuslichen Privatfleiß Materien zum Selbststudium und später Probleme zum selbstständigen Bearbeiten überweist, und das diese häusliche Thätigkeit gewissenhaft contrelirt; welches zweitens eine entsprechende Zahl von Vorlesungen (täglich etwa zweistündig) über .^-Exegese, jüdische Geschichte, Religionsphilosophie u. s. w. den Hörern zur Verfügung stellt; und welches so den Gemeinden für die aus demselben entlassenen Rabbiner Garantie für deren allseitige gründliche Ausbildung gewähre» kann. Wohl sind wir uns der Schwierigkeit, die georderten Leistungen zu bewältigen, in ihrem vollen Umfang bewußt; wohl wird Mancher, der nicht „eine M sondere Capacität, verbunden mit eisernem Fleiße" t'i zwei und drei Jahre später, als ihm angenehm »ärc.| seinen Beruf antreten können; wohl bedarf es einer! tüchtigen Organisation, einer sicheren Leitung, eines seitrgen kräftigen Zusammenwirkens. Aber kein Hindcrniß darf uns schrecken; das Ziel ist ein großes. ©öi Ansehen, die Wirkungsfähigkeit und der tiefgreifende hcilvolle Einfluß solcher Rabbinen, die selbst ihren Gemeinden ein Beispiel sind, daß echte wissenschaftliche Bildung mit gediegener Frömmigkeit und tüchtiger Thcrakenntniß so schön Hand in Hand geht, ist von da mächtigsten Tragweite für die Verbreitung und Hoch-! Haltung unserer heiligsten Principien; gehen wir mul ans Werk, eine solche Anstalt zur Ehre^ zum Heile de,| Judenthums zu gründen: wm nvb -rnw tpdj: V D”pnm nsiD. Zeitungsnachrichten und Correspondenjeu. I Deutschland Mainz, 24. Mai. Von dem eyrirlo^ gen Herrn Oberrabbiner zu P re ßb u rg. Rabbi Si>n^! Bunäm Schreiber '"j, emjifangeu wir soeben 16001

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