Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1872)
- Date
- 1872-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447573--10522-2466265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
in demselben gewissermaßen eine Verschmelzung herbei- Zufuhren. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn ist groß genug, um allein die Opfer bringen zu können, deren wir bedürfen. Es ist direct unjüdisch, den Nichtjuden anzugehen, um Juden Almosen zu geben. Jore Deah p. 254 §. 1 heißt es: Es ist dem Israeliten verboten, Almosen von einem Nichtjuden öffentlich anzunehmen, kann er sich aber durch das Almosen der Israeliten nicht ernähren, und kann von dem Nichtjuden privatim Nichts erhalten, dann ist es erlaubt. Beide Glossatoren erklären den Passus: wegen cupn Freilich nytp d. h. in bedrängter Zeit hört dieses Verbot auf, wie Vieles dann aufhört; aber sind wir denn so bedrängt, so arm, daß wir der Nichtjuden nicht entbehren könnend Wo bliebe die jüdische Wohlthätigkei't? Wenn Sie aber einwenden: „Parität wollen wir!" so sage ich Ihnen: In diesen Dingen wollen wir nicht zur Liebe zwingen. Sie werden nun fragen: „Wenn dem so, dann thäten die Christen Recht, auch von uns Nichts zu nehmen." O dazu hat's Zeit, jüdisches Geld nimmt man immer gern; und dann wäre es immer noch erlaubt, freiwillig angebotene Geschenke anzunehmen .12'« dwd, um keinen Verdruß zu erregen. Aber darnach streben! das verstehe ich nicht; Sache der Christen wäre es, uns, wenn sie wollen, solche Geschenke anzubieten. 3) Was soll der Plan mit den polnischen Bettlern? Sie haben ganz Recht und thun sehr gut, wenn Sie gegen das Unwesen der Bettelei kämpfen. Denn der Jore Deah warnt vor der Bettelei in der schärfsten Weife; tz. 255 heißt es: „Stets^halte sich der Mensch fern von Almosenaunehmen, und'quäle sich, ehe er der Menschen bedürfe; haben doch unsere Lehrer gesagt: Verlebe lieber deinen Sabbat so einfach wie den Wochentag, falle nur nicht den Menschen zur Last, und selbst wenn man ein ehrbarer Gelehrter ist und verarmt, so ergreife man lieber ein Handwerk und wäre es ein widerliches, nur falle man den Menschen nicht zur Last". Stärker kann das Betteln nicht verurtheilt werden. Aber wollen wir das Betteln nüt Gewalt abschaffen, haben wir dann geholfen? Erstens: „wie wollen wir das Betteln der Polen abschaffen?" Wenn gar alle Bundesgemeinden Nichts geben, so werden dennoch Private geben und über deren Gaben hat der Bund weder die Kraft noch das Recht, Controle zu üben. Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, daß der rafsinirte Bettler sich besser steht durch das Sammeln der Einzelspenden, als durch die Auszahlungen der Kassen. Hier haben wir täglich das Beispiel. Zweitens: den Bettler an der Grenze zurückzuweisen, ist ganz unmöglich. Denn sollte es mit Polizeigewalt geschehen, so wäre cs eine Härte, die Gott nicht Wohlgefallen könnte, es wäre ein Verrath. Ich halte also diese Mittel zur Verhütung der Bettelei für unpraktisch, evenr. für einen Verrath am Heiligsten. Wohl aber wäre es gut, dahin zu wirken, daß die vielen Uebelstände, welche die Ursache der Bettelei sind, in Polen selbst beseitigt würden. Freilich ein riesenhaftes Werk. Aber mit Gott wird es gelingen. Wirken wir dahin, daß die gebildeten Juden Polens durch freundliche, humane Mittel die Regierung bewegen, den Juden ihre Ernährung im russischen Reiche durch Freizügigkeit und Gewcrbefreiheit zu erleichtern, und es wird dann nicht mehr lange währen und die Bettelei wird abnehmen. Man heilt moralische Schäden, materielle Noth nicht mit Gewalt, sondern mit Geist und Gemüth, mit Liebe und Religion." Die im Obigen ausgesprochenen gewichtigen Bedenken und Rügen werden unsere geehrten Leser überzeugen, daß dieser deutsch -isr. Gemeindebund nicht geeignet ist, eine würdige und gerechte Vertretung der deutschen Judenheit anzubahnen. Das könnte nur dann geschehen, wenn eine Vereinigung gegründet würde, die direct und durchaus auf den Grundlagen des Judenthums basirte, auf den Grundlagen unserer heiligen Religion, wie solche in schriftlicher und mündlicher Lehre ausgesprochen und im Schulchan Aruch codificirt sind. Zur Aufklärung über „Iacutlät und Seminar". 8. „Blinder Mißverständnisse Gewalt bringt oft den Besten aus dem rechten Gleise," An diese Worte wurden wir lebhaft durch die gegen unsere Artikel „Facultät und Seminar" gerichtete "Replik erinnert, der wir im Interesse der Sache einige aufklärende Worte, „sine ira et studio,“ entgegenzusetzen schuldig sind. Ein Zweikampf mit unserem Gegner ist dabei umsoweniger in Aussicht zu stellen, als er der Hauptsache nach mit uns gleicher Ansicht ist und nur in den Consequenzen unseres gemeinschaftlichen Princips, wie wir glauben, sich verirrt hat. Wir haben an mehreren Stellen der genannten Artikel nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die von dem Seminar neu aufzuuehmendeu Hilfswissenschaften nur dann heilsame Folgen verbürgen, „wenn „sie in ein richtiges Verhältnis; zu dem „Kernpunkt alles jüdischen Studiums, der anmE/ mm gestellt würden," daß sie ihren Zweck verfehlen, „wenn ihnen ein allzugroßer, das Hauplstudium beeinträchtigender Spielraum angewiesen wird," wir haben klar betont, daß ihre Vertheiluug auf verschiedene Semester in einer Weise geordnet werden muß, „daß