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Der Israelit · 1872-05-22 · Heft 21 (22.5.1872) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 21 (22.5.1872)
Date
1872-05-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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468 drängte Mittelmäßigkeit in den Vordergrund treten. Kleinliche Gesichtspunkte machten sich geltend, wo früher infolge einer universalen Bildung eine großartigere Behandlung der Verhältnisse vorgeherrscht hatte; an die Stelle der geschlossenen Einheit, welche sich in den bedenklichsten Zeiten wider äußere Angriffe behauptet, traten innere Zerwürfnisse, gegenseitige Anfeindungen, ja sogar Processe, in denen, um lächerlichen Bagatellen und rechthaberischer Schrullen willen ein großer Theil des Gemeindevermögens verloren ging. Hinzukam die aus den angedeuteten Umständen erklärliche Erstarrung in überkommenen Ansichten und Sitten, die Unfähigkeit, den Conflikt altspanischer und deutscher Cultur zu überwinden. Von der geistigen Elasticität eines Rodrigo de Castro, der sich bald nach seiner Ankunft in Hamburg zu einer Hervoragenden Stellung aufgeschwungen, sowie eines Texeira, der mit staatsmännischem Blicke die Zeitverhältnisse überschaute und dessen Rath von gekrönten Häuptern gesucht worden, war keine Spur mehr vorhanden. Man begnügte sich mit den Traditionen einer aus zweiter und dritter empfangenen und darum verblassenden Cultur und blieb daher unempfänglich für die Einflüsse zeitgenössicher Bildung. Die Erinnerung an die Tage der Grötze und des Glanzes, weiche die Vorfahren auf der Pyrenäischen Halbinsel gesehen hatten, wurden allerdings mit zäyester Ausdauer festgehalten, aber es waren eben nur Erinnerungen, unfruchtbare Reminiscenzen, aus denen sich keine lebenskräftige Beziehung zur Gegenwart entwickeln konnte. Mau erzählte sich, daß die Abnen Träger eines echt ritterlichen Sinnes gewesen, daß sie an den Herrlichkeiten spanischer Kunst und Wissenschaft Theil genommen, und blickte nebenbei nicht ohne Selbstüberhebung auf die Glaubensgenossen von deutscher Abkunft, die sich einer so strahlenden Vergangenheit nicht rühmen konnten. Die Väter waren einst als „Ncu- Christen" von keiner öffentlichen Stellung ausgeschlossen gewesen, sie hatten einestheils mit den edelsten Geschlechtern des Landes in Verbindung gestanden, hohe Staatsämter, ja sogar kirchliche Würden bekleidet, andererseits durch bürgerliche Thätigkeit große Besitzthümer erworben und so den Nachkommen das Vollgefühl des sprichwörtlich gewordenen spanischen Stolzes vererbt, während um dieselbe Zeit die deutschen Juden unter der Last einer vielhundertjährigen Verfolgung m verzagter und gedrückter Haltung als heimathlose „Rcichskammerknechte" die unverkennbaren Zeichen der Verkümmerung trugen. Aber jene alte Herrlichkeit war unwiederbringlich dahin; von ihr war nichts übrig geblieben, als ein dürftiges Epjgonenthum. Theils durch den erwähnten Fortgang hervorragender Persönlichkeiten, theils durch die herandringenden Einflüsse der neuen Heimath in ihrem Bestände erschüt.ert, sank die portugiesische Gemeinde im 18. Jahrhundert von der Höhe ihrer ehemaligen Bedeutung herab und es bedurfte erst der gewaltigen assimilirenden Kraft des gegenwärtigen Säculums, um die in ihr stagnrrenden Reste romanischer Bildung in Fluß zu bringen und in die Cultur der Neuzeit hinüberzuführen. Dem unwiderstehlich nivellirenden Zuge dieser letzteren haben wir es zuzuschreiben, wenn heute das Werk der socialen Ausgleichung unaufhaltsam vorwärts schreitet und nur noch in vereinzelten Spuren die Eigentümlichkeit früherer Nationalität sich verräth. Wenn dennoch bis auf den heutigen Tag trotz völlig unterschiedsloser Grundlage der Confession die kleine portugiesische Gemeinde der zahlreichen deutschen gegenüber ein völlig selbstständiges, getrenntes Gemeinwesen bildet, so haben wir die Quelle dieser auffälligen Erscheinung vorwiegend in dem Gottesdienst zu suchen, der auf Seiten jener die Traditionen der Vergangenheit in charakteristischer Eigenthümlichkeit bewahrt. Aus dem trennenden Einfluß der Cnltusformen, deren strenger Conseroatismus die Wandelungen äußerer u>'.d innerer Verhältnisse überdauert hat, erklärt sich vorwiegend die auch für das Gebiet der Verwaltung noch bestehende Sonderung der beigen Genossenschaften. Der Gottesdienst der portugiesischen Juden unterscheidet sich von demjenigen ihrer deutschen Glaubensgenossen von vornherein durch die stark romanische Färbung in der Aussprache des Hebräischen, dessen musikalische Behandlung gleicher Weise das Vorwalten südlicher Bildung nachweift. Die Melodien und Cantilenen klingen theiuveise an die Weisen der katholischen Kirche an, der die Neu-Christen in Spanien und Portugal wenigstens äußerlich angehörten, theils lebt in ihnen das alte spanische und maurische Volkslied in seiner ganzen Eigenthümlrchkeit fort und zeugt von der rückhaltsloM Hingebung, mit welcher einst die Bekenner des Judenthums in das nationale Leben des sie umgebenden Volkes eintraten. So finden wir in den Gebetbüchern des portugiesischen Ritus von verschiedenen Hymnen die Anfangsworte des altspanischen Textes verzeichnet, nach dessen Melodie sie gesungen werden. Bald heißt cs ausdrücklich: Nach der Melodie „1ro8 eolor-68 en uno“ (drei vereinte Farben), oder „Temprano naces Almendro“ (früh blühest du, Mandel), vald entnehmen wir anderen Quellen die Notiz, daß „El vaquero de laMorayna (der Kuhhirt auf der Morayna), oder „A las mortanas, mi alma, ä las montanas me ire“ (nach den Bergen, meine Seele, nach den Bergen will ich ziehen), oder Mue*ame mi alma, ai, muerame (gib mir den Tod, meine Seele, ach, gieb mir den Tod!) aus dein hebräischen Texte wiederklingen. Außerdem ist sowohl die portugiesische, als die spanische Sprache für bestinnnte Theile des Gottesdienstes noch in Gebrauch, namentlich werden um die Zeit des zum Andenken an den Fall Jerusalems und des Tempels eingesetzten Trauertagcs entsprechende Stellen aus

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