Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1872)
- Date
- 1872-05-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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467 Unsere Stadt, die von jeher gerne den Beinamen Paris des Orients sich beilegen hört und in Bezug auf Moden in der That das Unsterbliche leistet, wollte auch eine neue Mode nachäffen, die besonders in den Fürstenthümern sehr beliebt geworden und sich sogar vis nach Czechien verpflanzt hat, nämlich die Judenhetze. Ein zweijähriges Griechenkind, das vor einigen Tagen ersäuft gefunden wurde, war hinreichend, um mit Blitzesschnelle in der ganzen Stadt das Gerücht zu verbreiten, das Kind sei absichtlich voll Juden getödtet worden, weil sie ohne Christenblut ihr Osterfest nicht zu feiern vermöchten? Und dieses Ammenmährchen, das niemals' noch seine Wirkung auf die fanatische, rachesüchtige Menge verfehlte, hatte auch hier eine überraschende Wirkung. Es setzte eine ganze Stadt von beinahe 200,000 Menschen in Alarm und hatte bald einen. Kampf von unberechenbaren Folgen heraufbeschworen. Das Konsulatskorps intervenirte und verlangte vom Pascha die energischsten Maßregeln. Bon allen Seiten wurden Truppen herbeigezogen, die Landwehr (Redifs) wurde einbernfen und so eine bewaffnete Macht von circa 2500 Mann geschaffen, welche in Patrouillen von 20 Mann Tag und Nacht die Straßen durchzogen. Auf diese Weise wurde die arg bedrohte Ruhe wieder hergestellt, während die positive Erklärung des ärztlichen Befundes, daß an der Kindcsleiche keinerlei Spuren von Gewalt entdeckt worden, ganz, fruchtlos geblieben war und die leichtgläubige, judenfeindliche Menge es so weit trieb, sogar ihren Metropoliten zu bedrohen, weil dieser es gewagt hatte, einen Israeliten, Herrn Ventura, zu beschützen, welcher es höchst unvorsichtigerweise gerade im Momente der größten Aufregung unternommen hatte, nach dem bischöflichen Palais zu gehen und die Unterstützung des Metropoliten zu erbitten. Der italienische Consul, unter dessen Schutz Herr Ventura steht, traf sofort Anstalten, um diesen, welcher in großer Gefahr war, vor der Wuth der Menge zu retten. Auch der österreichische Generalconsul sandte einen Dragoman und einen Wagen, uni Herrn Ventura die Möglichkeit zu bieten, aus dem bischöflichen Gebäude, wo er mehrere Stunden versteckt blieb, ungefährdet nach Hause zurückzukehren. Sehr rühmenswerth ist, daß -der griechische Consul Alles aufbietet, die Massen zur Raison zu bringen und wgar aus eigener Initiative das gewöhnlich mit Aufzug und mit vielen Böllerschüssen begangene Georgsfest auf eine einfache Kirchenfeier beschränken ließ, um nicht eine neue Gefahr heraufzubcschwören, indem auch die türkische Bevölkerung in Folge Verwundung mehrerer Türken Mn die Griechen, sehr erbittert ist. Jni Ganzen wurden 2 Juden getödtet und 8 schwer verwundet, während 10 Griechen nur ganz leichte Verwundungen bavontrugen. Wir hoffen, daß die türkische Regierung unter den Griechen, welche entschieden die Angreifer waren , zahlreiche Verhaftungen vornehmen und eine | ernste Untersuchung einleiten wird. Einem Privatschreiben entnimmt die „K. Z.", daß Herr Ventura seine Rettung hauptsächlich der Entschlossenheit des griechischen Bischofs,' so wie dem muthvollen Einschreiten seiner griechischen Freunde zn danken hatte, die ihn gegen den wüthenden Pöbelhaufen beschützten. Dasselbe Schreiben spricht sich mit großen Lobeserhebungen über Herrn Generalconsul von Scherzer und dessen Gemahlin aus. Smyrna, 4. Mai. Die Ruhe ist wieder vollkommen hergestellt. Das „Journal de Smyrna" veröffentlicht eine Danksagung der jüdischen Familien an den österreichischen Generalkonsul v. Scherzer für den wirksamen Schutz, welchen er denselben angedeihen ließ. Consiantinopel. Ein Telegramm der Wiener Presse vom 12. d. meldet nun aus Constantinopel: „Die Urheber der Judenhetzen in Smyrna sind in Ketten hierher gebracht worden. Die Regierung will das strengste Beispiel statuiren. Der Sultan sagte:m „In meinem Reiche gibt es nicht mehr Christen, Mo-' hamedaner und Inden mit verschiedenen Rechten, sondern Staatsbürger mit gleichen Rechten." Diese Aeußerung ist auf ungetheilte Sympathie gestoßen." Amerika. New-Aork. In Bezug auf das in voriger Nummer mitgetheilte Factum, veröffentlicht Herr vr. Hübsch in dem hier erscheinenden „Jew. Times" eine Erklärung, nach der er Nichts davon gewußt habe, daß der von ihm Copulirte der Bruder des verstorbenen Mannes der Wittwe (mit Kindern) gewesen. Nachdem er den wahren Sachverhalt erfahren, habe er dem Manne erklärt, daß die Trauung nngiltig sei; dieser sei dann eine Civilehe eingegangen und habe sich durch den Major copuliren lassen. — Schöne Gegend!t Feuilleton. Irr portugiesische Ariedsiof in Altona. (Schluß.) Das 18. Jahrhundert bildete eine Periode des Verfalls für die Portugiesische Gemeinde Hamburgs. Der Abzug eines großen Theüs der begütertster und intelligentesten Mitglieder entzog ihr die schätzenswerthesten Kräfte und ließ die bis dahin in den Schatten ge-