Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1872)
- Date
- 1872-05-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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464 „Hätt' es gethan! Warum ist er nicht mir zuvorekommen? Hat er einmal auch nur gefragt: Gitel, ast Du auch, was Du brauchst? Oder: Gitel, hier sind 10 Thaler, kauf Dir ein neues Kleid zu Jomtow? Aber Du hälft ihm immer die Stange, Du hast auch den schlanken Bruder lieber als den höckrigen Simon! Wenn's Dir nachgegangen war, hätte er das viele Geld erben sollen." „„Simon,"" rief Gitel weinend, „„habe ich das verdient, daß Du mir solche Vorwürfe machst? Ist das der Segen, den der Reichthum ins Haus bringt?"" „Gitelchen, mein Herz, weine nicht. Geh, trockne Deine Thronen, ich hab's nicht bös gemeint. Mit Gottes Hilfe wird uns der Reichthum zmn Segen werden. Wir werden gute Tage haben im Alter. Vielleicht find't sich auch noch ein Choßen^) für Dich. Ah, jetzt weiß ich, warum Du die Geschichte stadtkundig haben willst. Wenn die Leute hören, — wir haben so viel Geld, dann komnren die Schadchonims5 6 7) zu laufen und bieten Partien an für mein Gitelchen. Gelt, Gitelchen, ich hab's gerathen?" „„Du hast es gerathen, Simon."" „Wie alt bist Du, Gitelchen — lebe laug — laß sehen, Du bist zehn Jahr jünger als ich, Du wirst auf Rosch Chodesch Nissan sieben-und-vierzig. Nun, Du bist noch jung, Gitelchen, du kannst noch heirathen, ich bezahle." „„Und Du, Simon, willst Du nicht mehr heirathen?"" „Ich? Wenn ich einen geraden Rücken hätte! So aber bleibe ich ledig" „„Und ich bleibe bei Dir."" „Du gute Schwester!" „„Aber, Simon, von einer Sache haben wir noch gar nicht gesprochen. Du mußt doch Maaßer?) geben."" „Ja, das ist wahr!" „„Macht zwanzigtausend Thaler."" „Was Du so gut rechnen kannst! Zwanzigtauscnd Thaler soll ich fortgeben? Gitel, das kann ich nicht, das ist iu viel Geld!"" „„Aber, Simon, Du mußt doch Maaßer geben."" „Das hast Du schon einmal gesagt, Gitel!" „„Laß Dir dünken, Du bekämst nur hundertundachtzigtausend — wärst Du nicht zufrieden?"" „Hör Einer an — ich bekomme aber zweimalhunderttausend!" 5) Bräutigam. 6) Heirathsvermittler. 7) Den zehnten Theil für wvhlthätige Zwecke. „„Das Maaßer gibt der liebe Gott reichlich wieder."" „Zwanzigtausend Thaler sortschenken! Weißt Du, was das heißt?" „..Du behälft aber doch noch genug!"" ' „Wenn ich zwanzigtauseud fortgebe, so sind die zweimal Mealophim nicht mehr voll!" „„Simonchen, mein Bruder, wir müssen doch Gutes thun mit unserm Gelde!"" „Narre-Leben, wer sagt Dir denn, daß ich nicht Gutes thun will! Ich werde geben an alle Arme in der Stadt; ich werde ans Hekdesch^) geben, an die Jeßaumimd), für Erez Jisroel")^ an HachnoW Kalloh"), und an alle andere Chevres^). Wenn ich aber gebe im Ganzen zweitausend Thaler, so ist das viel Geld!" „„Es ist wahr, zweitausend Thaler ist viel Geld, aber Du bist doch mehr schuldig."" Simon lies im Zimmer umher; er hatte das Geld noch nicht und konnte schon nichts davon entbehren! „Simon," sagte Gitel, „wie oft haben wir über die reichen Leute räsonnirt, die ihr Maaßer nicht geben, und nun bist Du selbst reich und willst in denselben Fehler verfallen? Soll utait da nicht sagen: Kommen die Meös, so komnren andere Deös!"") Simon stand still. „Weißt Du, Gitel," sagte er, „ich werde mich mit dem lieben Gott vergleichen. Was liegt daran, ob ich die zwanzigtausend Thaler gebe oder alle Jahre die Zinsen davon? ltub ich werde sie gut verzinsen, ick werde alle Jahre 1200 Thaler geben, und in meinem Testament vermache ich die Zwanzigtausend den Armen. Das klebrige vermache ich Dir. Aber jetzt kein Wort mehr, jetzt laß uns zu Bette gehen. Versuche einmal, wie sich's als reiches Mädchen "schläft. Ich wollte, ich könnte schlafen diese Nacht! Hätte ich nur nicht so viele Krill-Erbsen gegessen! Es scheint, ein reicher Magen verträgt sic nicht so gut. Es ist zehn Uhr. Wer hatte gedacht, daß wir heute Abend so spät zu Bette gehen? Gut Schabbeß und gute Nacht! (Fortsetzung folgt.) 8) Hospital. 9) Waisen. 10) Für die Armen in Palästina. 11) Bräute-Ausstattungsvrreine. 12) Vereine. 13) Mit dem Reichthume kommen andere Gesinnungen. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Nedactton: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Noux'schen Hochnchhandlun«. Z. Gottsleben's Buchdruckerei in Matur.