Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1872)
- Date
- 1872-05-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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463 „Reich, reich! Zwcimalhunderttausend Thaler reich! Ter gute Phillpots! Hat er doch an mich gedacht und den Dienst nicht vergessen, den ich ihm einst erwiesen habe! Und wo er nur das viele Geld verdient hat! Freilich wenn ich die tausend Thaler behalten hätte, sie hätten sich vermehrt in den zweiundreiszig Jahren, auch bei mir. Ich hätte damit Geschäfte gemacht, billige (iinfvinfc, hätte gut verkauft — an die 20 Procent halte ich wohl herausgeschlagen. Wie viel macht das m zweiunddreißig Jahrend Mit Zinseszinsen hätte sich das Capital alle vier Jahre verdoppelt, macht in vier Jahren zweitausend, in acht Jahren vier, in zwölf acht, in sechszehn sechszehn, in zwanzig zweiuudreißig, in viernndzwanzig vierundsechszig, in achtundzwanzig einhundertachtundzwanzig, in zweiunddreißig Jahren zweihundertsechsundsülftzigtausend Thaler! Eigentlich fällt mir noch Geld heraus. Allein ich rede Schluß H. Wer weiß, ob meine Geschästc so gelungen wären.? Und mit kleinen Eapitalwn fcimt man leicht zwanzig Procent verdienen — aber mit großen? Der gute Phillpots, ich will ihn: dankbar feilt! Wenn er ein Par Jisroel gewesen wäre, ich ließe ihm Kaddisch nachlagen. Run, wir sind setzt reiche Leute, Gitel-Leben, Du und ich, denn, bin ich reich, so bist Du es auch. Ach, Gitel, wenn Du noch dreißig Jahr jünger wärst, ich würde Dir einen Manu aussuchen und Dich ausstatten wie eine Prinzessin. Aber so, was kann ich für Dich thun Ich werde Dir ein seidenes Kleid machen lassen!" Gitel lächelte. „Du guter Bruder," sagte sie, „Du denkst zuerst an mich!" „„An wen soll ich denn denken, etwa an mich? Was soll ich mit dem vielen Gelde? Ich habe zu Nacht gegessen, gut zu Nacht gegessen, saure Karpfen, die kein Mensch sogut bereitet wie Du, Gitel - Leben, habe Krill-Erbsen gegessen und Bier getrunken. Nun bin ich satt. Kann ich nochmal essen, weil ich zweimalhunderttausend Thaler reich bin ' Zweimal Mealophim! Macht achttausend Thaler jährlich zu vier Procent! Und ich werde ein Narr sein und werde vier Procent nehmert! Ich werde inindestens sechse herausschlagen, macht zwölftausend Thaler, macht zweihundertundvierzig Thaler die Woche, macht vierunddreißig und einen halben Thaler jeden Tag; hörst Du, Gitel, jeden Tag! Was war ich so froh, wenn ich an eine m Tag fünf Thaler verdient Hab' und wie manchen Tag habe ich gar^nichts verdient — und jetzt kann ich die Hände in den Schooß legen, im Schlafrock herumgehen, mit der langen Pfeife, und jeder Tag bringt mir vierunddreißig und einen halben Thaler, und jeder Schabboß und jeder Jomtow lind sogar der Jom Kippur! Ob man das Geld auch t) Unsinn. wohl nehmen^ darf, das der Schabboß trägt! Ich muß doch den Raw^) einmal fragen." Gitel hörte ruhig den Redeschwall ihres Bruders mit an. Dieser schwieg eine Zeit lang, dann seufzte er. „Ja, Gitel-Leben," sagte er, „wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und nttr für vieles Geld meinen Rücken gerade ziehen lassen könnte! aber so, was soll ich mit dein vielen Geld? doch ich will nicht undankbar sein gegen Gott, den Atlgütigen; Er hat es wohlgemacht; Sein heiliger Wille geschehe! Wir haben ja noch nicht einmal Berochoh gemacht! Oder sollen wir damit warten, bis ich das Geld habe? Narrenspossen! Es ist so gut, wie wenn ich es schon habe. Steh auf, Gitel, wir wollen Berochoh machen!" Und <vitet stand auf, und sie sprachen Beide andächtig in hebräischer Sprache den vorgeschriebenen Segensspruch, der in der Uebersetzung also lautet: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser G»tt, der Du gütig bist und der Gutes erweist!" „Und was ward Bruder Mordche dazu sagend" fragte Simon. „„Er wird sich freuen!"" antwortete Gitel. „Ja, er wird sich freuen! Jetzt wird er uns kennen, jetzt wird er uns Honig um den' Bart streichen! Aber er soll gar nichts davon erfahren. Weißt Du, Gitel, Du darfst von den zweimalhunderttaufend Thalern gar nicht reden." „„Aber, Simon, glaubst Du denn, daß das, was das ganze Ministerium weiß, ein Geheimniß bleiben wird? Ich glaube gar, es kommt in die Zeitung!"" „Nun, man wird die Sache verkleinern können; man kann sagen, da drüben in Südamerica Md sie große Spitzbuben; da bleibt den Leuten viel an den Fingern hängen. Wer kann da wissen, wie viel ich bekommen habe l I ch weiß es, und die Anderen müssen's ratheil, lind in Eines; M Du kannst Dich darauf verlassen — sie werden mir dort in Buenos Ayres gannewenH genug." „„Aber Deinem Bruder könntest Du doch die Wahrheit sagen!" " „Dem? Dem am allerwenigsten! Daß er um uns herumscherwänzelt und mir mein Geld auslockt! Hat er uns gekannt, die langen Jahre? Als Du krank wurdest und nicht mehr dienen konntest, hat er sich da Deiner angenommen?" „„Er hätte es gewiß gethan, wenn Du ihm nicht zuvorgekommen wärst!"" 2) Rabbiner. 3) Wahrheit. 4) Stehlen.