Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1872)
- Date
- 1872-05-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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443 — hierüber mit Erlaubniß der löbl. Redaction eingehend und erschöpfend in einem eigenen Artikel.*) Die „Stettiner Wochenschrift" scheint von den „Adreßlosen Wiener Briefen" nicht sonderlich erbaut zu sein. Vor allem will ihr der Ausdruck „Adreßlose" durchaus nicht Zusagen. Adreßlose Briefe — behauptet dieselbe — werden schwerlich an den rechten Mann gelangen. Ei, ei! Warum denn nicht, sind sie doch auch an den „Korrespondenten aus Norddeutschland" glücklich gelangt; Beweis hierfür, daß er auf dieselben ja soeben recht heftig rcplizirt. Ob der Ausdruck auch sprachlich korrekt, nun darüber möchte ich mit den gemüthlichen Herren denn doch nicht rechten. Mir genügts vollkommen, daß diese „Adreßlosen" Briefe — Dank unserem vervollkommneten Postwcsen — thatsäcklich an die richtige Adresse gelangt. Die von ihm gegen den „Israelit" gebrauchte Ausdrucksweise „nichtswürdige Insinuation" hält der gute Mann mit eiserner Konsequenz aufrecht. Möglich, daß dieselbe in der Breslauer Salonsprache gang und gäbe. Doch das sind Kleinigkeiten, die nur so nebenbei eine flüchtige Erwähnung verdienen. Der wichtigste Punkt folgt erst. Der gute „Nordeutsche" sagt nämlich: „Ich hatte referirt, Dr. Güdemann habe für ein O b e r h a u p t der Orthodoxen Unterstützungen gesammelt. Dr. Wiener sagt dagegen: warum macht der Herr denn das Oberhaupt nicht' namhaft? ~ Ich halte es für eine Beleidigung des Menschenverstandes und der Sittlichkeit Ihrer Leser, wenn ich dagegen etwas sagen wollte, dem Hrn. Dr. Wiener aber bemerke ich: wer für einen anständigen Mann in, wie dieser glaubt, discreter Weise sammelt und nachher dessen Namen au die große Glocke zu bringen im Stande ist, der ist nach allem sittlich fühlenden Urtheil ein Schurke und hat speciell nach jüd. Lehre kein Chelek l'olom habo (Abot HI 15)." — So weit unser norddeutscher Correspondent, mit der sittlich-frommen Miene, wie sie nur im Breslauer Treibhause in so herrlich-erfreulicher Weise zur Entfaltung und Vollendung gelangen kann. Daß derselbe auch mit der betreffenden Note der Redaction des „Israelit" unzufrieden und dieselbe als „erlogen" bezeichnet, befremdet uns von diesen Characteren durchaus nicht. Aber doch nur noch Ein ernstes Wort. Es ist richtig eine Schurkerei, wenn man den Namen eines Mannes namhaft macht, zu dessen Gunsten man in biscreter Weise eine Sammlung veranstaltet. Allein unvergleichlich größer und sträflicher ist die Schurkerei, wenn man nachträglich der Welt verkündet, für „ein Oberhaupt der Orthodoxen" gesammelt zu haben, da hierdurch nebst dem Betreffenden gleichsam sämmt- Uche Männer an den Pranger gestellt werden, die als *) Wir bitten darum. Red. „Oberhäupter der Orthodoxie" gelten oder hier und da als solche erachtet werden. Und ein Norddeutscher, der eine solche Unthat begeht, hat noch die Stirne, seine Handlungsweise mittels Sophismen zu verteidigen, aus denen uns das Bild sittlicher Verkommenheit unheimlich entgegengrinft! Uebrigens ist diese sittlich-fromme Taktik der Verdächtigung Aller, indem man einen Tadel über Jemanden erhebt, dessen Namen man aus „Discretion" (?) nicht erwähnen möchte, nicht mehr neu. So behauptete die „Wochenschrift" jüngst: Der Mitarbeiter einer orth. Zeitschrift habe sich geäußert: Der Genuß von Bier am Versöhnungstage sei nicht verboten. Diese „Verdächtigung im Allgemeinen" war natürlich für die Redactionen sämmtlicher orthodoxen Zeitschriften tiefverletzend. Aber was thut dies zur Cache? Die „Wochenschrift" blieb trotz aller Aufforderungen „discret", damit durch Nennung eines bestimmten Namens die anderen Mitarbeiter orth. Zeitschriften von der ausgesprengten Verdächtigung sich nicht purifiziren können. Und als es herauskam, daß der Verdacht auf einen Mitarbeiter der „jüdischen Presse" sich bezog, da verweigerte es die „Wochenschrift" noch immer, den Namen des Betreffenden zu nennen. Wahrlich! Gehörte ich zu den Redactions-Mitgliedern der „jüdischen Presse" ich würde gewiß diese „nichtswürdige Insinuation" nicht auf sich beruhen lassen, den sittlich-frommen Herren von der „Wochenschrift" jedoch, die solch' verwerfliche Verleumdungen ausstreuen und dabei noch auf Chelek l'olom habo Ansprüche machen möchten, rufen wir zu: OMLv O’lErpaDI nCT WD L'V'p! Dr. Wiener. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, im Mai. Die neue Universität Straßburg, deren Einweihung, von den lebhaftesten Sympathien des ganzen deutschen Vaterlandes begleitet, in den jüngsten Tagen vor sich gegangen ist, legt in erfreulicher Weife Zeugniß ab, daß an der emsigen Geistesarbeit der Nation auch die Juden ihren vollen Antheil nehmen und daß man ihren Letstungcn in den maßgebenden Kreisen eine vorurthcilslose Würdigung angedeihen läßt. In dem Verzeichniß der vom deutschen Kaiser ernannten Professoren begegnen uns die Namen des Herrn Dr. Siegfried Goldschmidt, eines jungen Sanscritgelchrten aus Cassel, und des Herrn Dr. Laqueur, der über Augenheilkunde Vorträge halten wird. Auch der Lehrer der Chirurgie, Herr Professor Luecke, der von der Berner Hochschute her berufen wurde, gehört, wenn wir nicht irren, der jüdischen Confesfion an.