Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1872)
- Date
- 1872-05-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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442 zum Berathungsorte eben die Erreichung dieses Zweckes im Auge hatten, möchte ich wohl nicht mit apodiktischer Gewißheit behaupten Immerhin liefert dieses Factum den Beweis, wie wenig diese Herren Anstand nehmen, die gerechten Besorgnisse Anderer noch zu erhöhen. Wir unsererseits haben bittere Erfahrungen hinter uns und müssen wir auch stets auf unserer Hut sein! Der in ihrem gesch. Blatte unter der Ueberschrist: „Fakultät und Seminar" erschienene Doppelartikel wurde hier mit vielem, sehr vielem Interesse gelesen. Es werden in demselben Ansichten entwickelt und gelangen Wahrheiten zum Ausdrucke, die wir, die vielleicht auch die Orthodoxen Transleithaniens — wofür wir jedoch' keine Garantie übernehmen — bereitwilligst unterschreiben würden. Allein eben weil erwähnte Auseinandersetzungen von wahrhaft jüd. Geiste und von aufrichtigem Eifer zur Anbahnung einer Bessergestaltung der orthodoxen Judenheit durchdrungen, möchten wir uns einige bescheidene Gegeubemertuugen erlauben in der Ueberzeugung , daß wo ein ähnliches ungeheuchelt - frommes Streben sich kundgibt, die Stimme innerer Aufrichtigkeit auch. in dem Falle nicht unangenehm berühren dürfte, so selbe behufs Erreichung des vorgesteckten Zieles anderer Mittel sich bedienen möchte. Es ist vollkommen richtig, daß das Entstehen von Seminarien und Fakultäten unter reformistischer Leitung und vom reformistischen Geiste getragen — eine Gefahr für den Fortbestand des wahren Judenthums invotvirt, die in ihren traurigen und verderblichen Consequenzen geradezu unabsehbar. Man müßte eben die Augen absichtlich hermetisch verschließen, wollte man es irgendwie in Abrede stellen, daß diese antijüdischen Institute dem Judenthume im allgemeinen bereits Wunden geschlagen, die leider kaum in nächster Bälde vernarben dürften. Nicht minder richtig ist es, daß unsere „Jeschiwolh" bei ihrer gegenwärtigen Organisation wenig geeignet, die Konkurrenz mit erwähnten Instituten glücklich zu bestehen. Man muß eben den „Anforderungen der Zeit" Rechnung tragen: ja man muß denselben innerhalb der uns religiös erlaubten Grenzen unbedingt Rechnung tragen, so man anders das Judenthum nicht vollends der destruktiven und subversiven Reform auszuliesern gedenkt. Wie richtig und unerschütterlich diese Prämissen aber auch sind, betreffs der hieraus gezogenen Schlußfolgerung weichen meine Ansichten von denen Ihres sehr geschätzten Herrn Mitarbeiters dennoch gar wesentlich ab. Seine Schlußfolgerung lautet nämlich: „Errichtung e in es orth. R abbinerseminars", meine Schlußfolgerung lautet hiergegen: „Reorganisation der Jeschiboth." Diese Meinungsdivergenz resulttrt meines Dafürhaltens aus der verschiedenen Auffassung der „Anforderungen der Zeit", denen wir doch alle gewissenhaft Rechnung tragen möchten. Der gesch. Verfasser des,'Ärtikels: „Fakultät und Seminar" sieht dem Aufichießen dieser Treibhäuser der Reform mit gegründeter Besorgnis entgegen. Er betrachtet dieselben als Ausfluß der Zeitanforderungen, weshalb er auf die Kreirung analoger Institute dräng/ die in echt jüdischem Geiste und Sinne organisirt und geleitet werden mögen. Er will eben ein Gegengift haben, um das nur in zu reichlichem Ausmaße gebotene Gift unschädlich zu machen. Anders ich. Ich betrachte die bisher bestehenden Seminarien und Fakultäten nicht als natürliche Ergebnisse des Zeitgeistes, sondern als künstlich geschaffene Zerstörungsapparate jener Männer, die sich's zur traurigen Lebensaufgabe gemacht, das wahre Judenthum mit Hilfe aller möglichen und unmöglichen Mittel zu unterwühlen, zu vernichten. Die „Anforderungen der Zeit"! Wer ist denn diese Zeit mit ihren fiktiven Anforderungen! Hierunter sind doch wohl nur die „Gemeinden" unserer Zeit verstanden, welche das unbestreitbare Recht zu der Anforderung haben, daß ihre Rabbiner die nöthige Befähigung besitzen, das ihnen übertragene hochwichtige Amt, vermöge ihrer gründlichen Fachkenntnisse mit religiöser Korrektheit und äußerlicher Würde bekleiden zu können. Hierin gipfeln die gerechten Anforderungen der Gemeinden, oder rvie die üblichere Ausdrucksweife lautet: Die Anforderungen der Zeit. Welche Gemeinde siele aber je auf die absonderliche Idee: ihr Rabbiner müsse in den griechischen und römischen Klassikern bewandert sein? Welchen praktischen Nutzen könnte sie denn davon hoffen, wenn der Rabbiner ein gründliches Buch über Numismatik schriebe oder gar unter die Journalisten ginge! Nein! Diesen Bildungsgang forderten die Gemeinden nie; sie wültschten einfach, daß ihr Rabbiner ein tüchtiger Fachmann und gewandter Kanzelredner sei, ein Wunsch, welchem vollkommen zu genügen, jedermann als heil. Pflicht erachten muß. Die Stifter und Gründer der Seminarien und Fakultäten wollten mithin nicht den An>orderungen der Gemeinden genügen, da diese derartige Wünsche nie gehegt, ihren eigenen unjüdifcheu Bestrebungen suchen sie blos zu genügen, die | in dem Vorsatze kulminirten, den Gemeinden den jüd. Boden zu entziehen und selbe allmählich der vollendeten Apostasie entgegenzusühren. Und deßhalb bin ich der Ansicht, daß durch eine durchgreifende Reorganisation unseres Jeschiwahwejens den eigentlichen Anforderungen der Gemeinden vollkommen Genüge geleistet werden könnte. Wie ich mir diese „Reorganisation des Jeschiwawesens" denke