Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1872)
- Date
- 1872-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XM.Jahrgang. Erste Beilage za Nr. 2V des Israelit. Leitendem Artikel. Adreßtose Wiener Ariele. IV. 9. Mai. Gälte die „Bescheidenheit" dem wahrhaft orth. Fuden nickt als religiöses Gebot, die unaufhörlichen Wühlereien unserer Gegner wären vollkommen geeignet, uns ein gewisses Ausmaß von „Stolz" einzuj flößen. Man hätte es kaum glauben sollen! Die i große reiche Resormgemeinde der österr. LRetropole, i die mit Recht auf eine fast unübersehbare Reihe von Geldkapacitäten Hinweisen kann, die zu ihren Mitgliedern zählen — diese reiche Resormgemcinde kann es noch immer nicht verschmerzen, daß eine Anzahl wahrhafter Iehndim, ihrer unerschütterlicher religiösen > Ueberzeugung folgend, aus ihrem Verbände ausgetreten, j um sich zu einer selbstständigen Gemeinde zu konsti- - tuircn mit Einrichtungen und Institutionen, wie sie! uns von unserer heil. Religion befohlen sind. Man; lese doch einmal die wüthenden Ausfälle und Verj dächtigungen in der hier erscheinenden „Neuzeit", um sich zu überzeugen, wie sehr unerwünscht die Konso-! lidirung der orth. Gemeinde den Herren Reformern ' erscheint. Daß diese, so sie es anders vermöchten, es j nicht unterließen, unserem Konstituirungswerkc alle i möglichen Hindernisse in den Weg zu schieben, bedarf j wohl nicht erst hervorgehoben zu werden. Glücklicherweise hat die göttliche Fürsehung daiür gesorgt, daß die Bäume denn doch nicht in den Himmel wachsen. Die Religionsfreiheit ist in Cisleithanien zum Gesetze erhoben, und so dürften Hindernisse, so groß wie die „Berge Arrarath" kaum vermögen, uns in unserem gottgefälligen Bestreben zu bemmen. - Ucbrigens würden die hies. Reformer nurihrem i eigenen Liberalismus, mit dem sie sa doch bei jeder! Gelegenheit den Mund vollnehmen, ein trauriges Ar- > muthszeugniß ausstellen, wollten sie etwa gegen die! Anerkennung unserer Konstituirung auch bei der Staatsbehörde einen schüchternen Versuch wagen. Wie gesagt, öffentlich können und dürfen diese Herren einen solchen Schritt nicht wagen, ohne ihre stets zur Schau getragene Freisinnigkeit und Toleranz gründlich zu kompromittiren. Ob hiegegen nicht im Geheimen agi- > tirt wird, hierauf würde ich eine entscheidende Ant-! wort um so weniger wagen, als ich leider nicht zu j; jenen Glücklichen zähle, denen oft auch ein Blick hinter die Coulissen gegönnt. An einem Tage des Peßachfestes forderte vr. i I e l l i n e k seine Zuhörer aus bei der hoh. Regierung i die nöthigen Schritte einzuleiten zu Gunsten unserer; hart verfolgten Glanbensgcnossen in Rumänien. Diese! Aufforderung kam, wie männiglich bekannt, post kestnin i nachdenl fast sämmtliche europäische Caoinette bereits energisch eingeschritten, um den sträflichen Ansschreitungen der rumänischen Halbbarbaren ein für allemal i ein Emde zu machen. Es gehört aber einmal zur Taktik dieser Herren, keine Gelegenheit vorüber gehen zu lassen, ohne der Welt Sand in die Augen zu streuen. Warum sollte es denn nicht beißen, Jeüinek und Consorten wären es, welche die kräftige Initiative ergriffen, die österr. Regierung dazu zu bewegen, für die schuldlos im Kerker schmachtenden rumänischen Juden in die Schranken zu treten? Wir würden dem Herrn vr. Gernegroß, dem Charlatanismus so unentbehrlich als das tägliche Brod, dieses Vergnügen aus vollem Herzen gönnen. Wenn wir diesen Gegenstand trotzdem hier kurz berühren, so haben wir hierfür folgenden triftigen Grund. Infolge der erwähnten Aufforderung bildete sich wirklich eine Art Comito, welches die Berathnng der geeignetsten Maßnahmen zum Schutze der rumänischen Juden sich zur Aufgabe gestellt. Erwähntes Comite sendete nun auch an den Vorstand der orth. Gemeinde eine Einladung behufs Theilnahme an dieser Beratung, welche im „Gemeindesaale" stattstnden sollte. Obgleich die ganze Berathnng, wie erwähnt, im Grunde genommen gegen standslos war, nachdem unsere Negierung in dieser Angelegenheit ihre Aufgabe bereits in preiswürdiger Weife gelöst, so wären doch wir prinzipiell dafür gewesen, dan unser Vorstand der an ihn ergangenen diesbezüglichen Einladung Folge geleistet. Wir wären hierfür prinzipiell, weil wir bei dieser Gelegenheit bethätigen könnten, daß wir „Humanitären" Bestrebungen keinen confessionellen Charakter beilegen und wir sonach dann auch stets bereit sind, über ähnliche Angelegenheiten auch im Vereine mit solchen Individuen zu wirken, deren religiöser Standpunkt von dem unserigen grundverschieden Doch sollte ja die Berathnng im „Gemeindesaale der Reformer" stattstnden, wodurch die ganze Angelegenheit ihren „neutralen" Charakter notwendig ernbüßen mußte. Wir erblickten in diesem Momente eine um so größere Gefahr, als derselbe nur zu sehr geeignet, nack Außen bin die fernere „gemeindliche Zusammengehörigkeit" beider Parteien zu dokumentiren. Ob die Reformer mit der Wahl ihres Gemeindesaales