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Der Israelit · 1872-05-15 · Heft 20 (15.5.1872) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 20 (15.5.1872)
Date
1872-05-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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439 und sind froh und glücklich. Sie sind aber nicht die einzigen Geschwister; sie haben noch einen Bruder, den Mord che. Der aber kümmert sich nicht viel um Bruder und Schwester; er ist zu vornehm dazu. Er hat ein Schnittwaarengeschast in einer der Hauptstraßen Copenhagens, ist verheirathet und hat erwachsene Kinder. Das Semiruh ist bald gesungen; die Suppe wird angerichtet und verzehrt. „Wart noch ein wenig mit dem Fleisch", sagt Simon, „wir werden doch noch früh genug fertig. Wo bleibt nur die Schabbeh-Goie? Die Lichter brennen herunter, und cs wird kalt hier. Ah sieh! „wenn man den Wolf nennt, da kommt er gerennt!" WobleienSie so lange? Putzen Sie die Lichter und sehen Sie einmal nach dem Feuer!" Die unterdeß eingetretene Aufwärterin thut, wie ihr geheißen worden und entfernt sich wieder. „Weißt Du, Gitel-Leben, mein Herz", nimmt Simon das Wort, da die Aufwarterin fortgegangen, „ich muß heute so viel an vergangene Geschichten denken. Den ganzen Tag will mir der Andreas Phillpots nicht aus dem Sinne, und ist doch der Mensch schon länger als dreißig Jahre verschollen!" „„Wer ist Andreas Phillpots?"" „Du weißt gar nichts davon? Ach, es ist ja wahr. Du warst damals schon in Condition. Nun, der Andreas Phillpots war ein guter Freund von mir und unserm vornehmen Bruder Mordche, der jetzt nichts mehr von uns wissen will. Er war Schreiber am Gericht in Rendsburg. Damals hatte ich Bär Honigs Hulda gern und hätte sie geheirathet, wenn sie mich gewollt hätte. Sie hatte den schlanken Mordche lieber und wollte von dem höckrigen Simon nichts wissen. Doch, um wieder aut Phillpots zu kommen. Dieser Phillpots wurde nach Copenhagen ans Steueramt versetzt; er gerieth in schlechte Gesellschaft, spielte und entwendete tausend Thaler aus einer Casse, die er zu verwalten hatte. Er gedachte zu gewinnen und das Geld wieder zu ersetzen. Ich hatte damals gerade hier zu thnn. Da kam Phillpots zu mir; ganz verstört sah er aus. „Simon", rief er mir zu, „Dich sendet der liebe Gott; schon wollte ich mir das Leben nehmen; aber Du kannst mich retten." Dann erzählte er mir, daß noch an demselben ^age Cassen-Revision sein sollte. Ick besaß gerade tausend Thaler; es war mein ganzes Vermögen; niemals wieder habe ich so viel Geld beisammen gehabt." „„Was thateft Du?"" fragte Gitel gespannt. „Ich gab ihm all mein Geld!" „„Und er?"" „Er nahm es und eilte aufs Steueramt; es war!chon zu spät; die Casfen - Revision hatte fcho» stattgesunden und das Deficit war bereits entdeckt. Da er das Geld sofort ersetzte, so that man ihm nichts; aber aus dem Staatsdienst wurde er entlassen und er ging nach America." „„Und Du hast seitdem nichts von ihm gehört?"" „Nicht ein Wort. Doch nun gib das Fleisch her und vergiß die Krill-Erbsen nicht!" Unsere jüngeren Leser werden wohl dies ehemals so beliebte Dessert nicht kennen. Aeltere Leute werden wissen, daß es in Salzwafser abgekochte Erbsen sind, die einzeln und kalt gegessen wurden. Die neue Zeit hat auch diese alten „Leckerbissen" verdrängt, gegen die sich unser verwöhnter Magen mit Recht streubt. Das einfache Mahl wurde beendet. Simon sang Schir hanralauß^) und sprach das Tischgebet. Dann nahm er sein Chumesch^) und fing an die Sedroh maawir zu fein4), während Gitel aus ihrem Stuhle einschlief Singe Simon, schlafe Gitel! Ihr habt keine Ahnung davon, welch eine Aenderung in Eurer Lage so plötzlich eingetreten ist. Auf dem Büreau des Ministeriums des Auswärtigen ist eine merkwürdige Nachricht eingelaufen. Der dänische Consnl zu Buenos Ayres hat berichtet, daß dort ein gewisser Andreas Phillpots kinderlos verstorben sei. Derselbe habe einen aus Rendsburg gebürtigen, jetzt in Cophenhagen wohnhaften Commissionär, Namens Srmon Levi, zum Erben seines gefammten Vermögens eingesetzt. Der Consul schrieb, daß das Vermögen die Summe von zweimalhunderttausend Thalern weit übersteige. Wenn man ihm die nöthigen Vollmachten sende, so wolle er es flüssig machen und einsenden. Der Ministerial-Rath, der das betreffende Ressort unter sich hatte, nahm sich vor, dem glücklichen Erben die Botschaft selbst zu überbringen. Er wollte sehen, was für ein Gesicht solch ein armer Jude machen würde, wenn er urplötzlich die Nachricht bekäme, er sei ungeheuer reich geworden. Simon hatte gerade an Rewii^) gehalten, hatte eine kleine Pause gemacht und sich mit Krill-Erbsen und Bier erquickt, hatte dann aber mit erneutem Eifer feinen Gesang fortgesetzt, als es an die Thüre klopfte. Levi glaubte nicht anders, als daß es die Schabbeß- Goie sei. Wer auch sonst sollte ihu besuchen? Er ries daher: „Herein!" ließ sich aber nicht weiter ftören, fuhr in seinem Gesänge fort und blickte nicht aus. Der Ministerialrath stand unterdeß an der Thüre und schaute verwundert auf den singenden Mann, der ihn keines Blickes würdigte. Simon aber, der bemerkte, daß das Licht nicht Heller wurde, ftagte ungeduldig: „Nuh?" 2) Psalm 12«. 3) Pentateuch. 4) Den Sadbatabschnitt zu lesen. 5) der vierte der sieden Therle de- Sabbatadschnitter.

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